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Das Mannheimer Schloss als nachhaltiges Projekt

„Für Mannheim. Nachhaltiges Handeln damals und heute“ ist heute eine Schlossführung betitelt, bei der man mehr über den großen Barockbau in der Quadratestadt und seine Geschichte erfährt

Von 
Peter W. Ragge
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Das prachtvolle Haupttreppenhaus vom Barockschloss Mannheim mit den herrlichen Deckengemälden führt in den Rittersaal und in die Repräsentationsräume. © Markus prosswitz

Mannheim. Nachhaltigkeit – das Wort ist „in“, aber jenseits einer Mode auch Notwendigkeit angesichts der globalen Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt. Aber auch im Mannheimer Barockschloss ist Nachhaltigkeit Thema. Das Erste, woran man bei Nachhaltigkeit denkt, sind zwar die Aspekte Umwelt, Naturschutz, Klimawandel. Die Nachhaltigkeitsagenda der Vereinten Nationen formuliert aber insgesamt 17 Ziele – die alle eine gemeinsame Basis haben: Bildung – als Grundlage für ein gutes, gleichberechtigtes Leben. Die Menschen sollen die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben. Mit dieser Thematik hat sich auch das Barockschloss Mannheim auseinandergesetzt und will mit der neu entwickelten Führung einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten.

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In der Führung, die heute um 14.30 Uhr erstmals angeboten wird, geht es um ganz aktuelle Themen, die gleichzeitig Jahrhunderte alt sind: Musikförderung, eine Hofbibliothek und ein Schlosspark, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Das war damals und ist heute von Interesse. Über viele Jahrhunderte sorgen die Kurfürsten von der Pfalz für gute wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Aus heutiger Sicht handeln die Kurfürsten zum Wohle aller – und damit nachhaltig. So gründet Kurfürst Carl Theodor unter anderem die Mannheimer Akademie der Wissenschaften, die für die Gesellschaft bedeutende naturwissenschaftliche Erkenntnisse hervorbringt, und Stéphanie von Baden lässt das Gelände der ehemaligen Festungsanlage in einen englischen Landschaftspark umwandeln.

Damit entwickelt sich der Schlossgarten zum wichtigsten Naherholungsgebiet – auch wenn dieser Begriff noch unbekannt ist. Napoléons Adoptivtochter Stéphanie de Beauharnais, ab 1811 Großherzogin und nach dem Tod ihres Mannes 1819 bis 1860 als Witwe im Schloss residierend, beauftragt Gartenbaudirektor Johann Michael Zeyher, zwischen Schloss und dem „Schnickenloch“ einen Landschaftsgarten im englischen Stil anzulegen – mit schönen, verschlungenen Wegen, Gehölzgruppen und kleinen Alleen. Das Areal ist für alle Bürger zugänglich, nur ein kleines „Prinzessgärtchen“ beim Schloss ist der Großherzogin und ihren Töchtern vorbehalten.

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Mannheims großer Stadthistoriker Friedrich Walter (1870-1956) lokalisiert hier eine „Seufzerallee“, weil die Annäherung der Geschlechter durch Blickkontakt beim Spaziergang nicht immer gelungen sein soll. Hanspeter Rings, lange wissenschaftlicher Stadthistoriker am Marchivum, hat in alten Unterlagen gefunden, dass um 1860 im Schlossgarten Molke und Mineralwasser dargeboten wird, „damit hatte er den Charakter wie ein Kurpark“. Vom Schlossgarten aus weiter flanieren bis zum Waldpark kann man ab 1832. Da lässt die Großherzogin-Witwe eine heute nach ihr benannte Promenade anlegen, wo zudem die Replik einer 1907 geschaffenen Marmorstatue an sie erinnert. Das Original steht längst im Schloss selbst. Das Idyll zwischen Barockbau und Rhein währt aber nicht lange – ab 1865 werden Eisenbahn und Straßen Richtung Ludwigshafen durch den Schlossgarten geführt, das Schloss vom Rhein getrennt.

Schloss in mehrfacher Weise genutzt

Auch das Schloss selbst ist letztlich ein äußerst nachhaltiges Projekt, weil viele Generationen später die Menschen heute noch von dem Bau profitieren – weil er überwiegend der Universität und damit der Ausbildung junger Menschen dient, aber auch als Amtsgericht genutzt und in Teilen historisch rekonstruiert ist, um einen Eindruck von der Pracht der Gründerzeit zu vermitteln und damit die Geschichte zu bewahren.

Das zweigrößte Barockschloss Europas geht auf den 2. Juli 1720 zurück, als sich Carl Philipp in Schwetzingen, seiner Sommerresidenz, in die Kutsche setzt. Drei Stunden braucht der Kurfürst, bis er Mannheim erreicht. Dan legt er in Mannheim den Grundstein für den Neubau. Wo dieser Grundstein liegt – man weiß es bis heute nicht genau. Bekannt ist nur, dass „verschiedene alte Gelder, neue von Gold und Silber geprägte Medaillen“ sowie ein Pergament in den Grundstein eingemauert worden sind. So vermerkt es das Mannheimer Ratsprotokoll von 1720, das sich gut erhalten hat. Es schildert genau, dass „ihre hochwürdige Gnaden Herr Joh. Baptiste Gegg., Weihbischof zu Worms“ bei der Ankunft des Kurfürsten bereits parat steht, das „hohe Amt“ feiert – sprich einen Gottesdienst. Auch von einem Zelt ist die Rede, aus dem „Ihro kurfürst. Durchl“ zu Fuß in Art einer, wie es heißt, Prozession zu dieser „größte Ceremonien“, sprich der Grundsteinlegung, geht. „Jetzt ist der Anfang gemacht, zweifelt nicht mehr daran, Gott segne es“, zitiert der Protokollant den Kurfürsten und ergänzt: „Gott der Allerhöchste wolle seine Gnad dazu verleihen, dass das nunmehro angefangene Schloß bald zur Perfection gebracht werden möchte“. Abends startet die Kutsche mit dem Kurfürsten wieder nach Schwetzingen, wo Carl Philipp im Sommer residiert. Mit Heidelberg, eigentlich sein „Dienstsitz“, will er nichts mehr zu tun haben.

Der Regent ist schließlich ein tief gläubiger Katholik, die Stadt am Neckar aber seit der Reformation protestantisch geprägt. Als in einer Neuauflage des Heidelberger Katechismus die katholische Messe als „Teufelswerk“ und „Abgötterey“ verdammt wird, fühlt er sich provoziert.

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Die Kurpfälzische Religionsdeklaration von 1705 gewährt zwar Glaubensfreiheit und legt die Aufteilung von Kirchen, Pfarrhäusern und Schulen zwischen den Konfessionen fest. Daher ist die Heidelberger Heiliggeistkirche geteilt – die Reformierten dürfen das Langhaus, die Katholiken das Chorgebäude nutzen. Der von Jesuiten erzogene Carl Philipp beansprucht indes das Gotteshaus komplett als kurfürstliche Hof- und Begräbniskirche. Als die Bürger sich weigern, ordnet der Kurfürst die Verlegung seiner Residenz samt aller Regierungsbehörden nach Mannheim an. Die Bewohner freuen sich, denn der Hofstaat bringt Geld in die durch den pfälzischen Erbfolgekrieg zerstörte Stadt. Hier, in der Ebene, kann der Regent sich viel besser ausbreiten als im engen, hügeligen Heidelberg.

Sein Anspruch ist hoch: Carl Philipp ist Kurfürst, also einer der sieben Regenten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, welche den Kaiser wählen dürfen. Er vertritt als Reichsvikar den obersten Herrscher nach seinem Tod bis zur Kür des Nachfolgers.

Der Wittelsbacher sieht sich zudem als oberster Repräsentant eines bedeutenden katholischen Herrscherhauses, das generell auch selbst die Kaiserwürde anstrebt. Daher entsteht als Machtdemonstration eines der größten Barockschlösser Europas, das sich von der Größe und der 440 Meter langen Schaufront an Versailles, von der Inneneinrichtung her am Wiener Kaiserhaus der Habsburger anlehnt. 600 Räume hat es und 1500 Fenster. Erst unter Carl Philipps Nachfolger Carl Theodor wird das Barockschloss 1760 endgültig fertiggestellt. Seine Blüte, als der Hof kulturelles Zentrum Europas ist, dauert dann nur noch wenige Jahre. 1778 muss Carl Theodor sein bayerisches Erbe antreten und nach München umziehen. Aber in der Musik, etwa der „Mannheimer Schule“ und der von ihr geprägten Spielweise klassischer Orchester, klingt und wirkt die prachtvolle Zeit bis heute fort, ebenso in der Wissenschaft. Nach der Akademie der Wissenschaften gründet der Kurfürst 1780 die „Kurpfälzische Meteorologische Gesellschaft“. Bereits Jahre zuvor hatte eine kleine meteorologische Station im Schloss Mannheim Wetterlage, Windrichtung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit gemessen. Im Auftrag von Carl Theodor lässt dann Johann Jakob Hemmer an 39 Wetterstationen in ganz Europa um 7, 14 und 21 Uhr die Werte ablesen. Gemeinsam mit der Meteorologischen Gesellschaft nutzt er diese Daten für Wettervorhersagen. Die festgelegten Beobachtungszeiten nennt man die „Mannheimer Stunden“. Sie sind heute noch weltweit gebräuchlich.

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