Die gute Nachricht

Wie wir auf der Irrfahrt der Krisen nicht die Zuversicht verlieren

Der Mensch war gerade in Krisen, nach Kriegen und Katastrophen besonders fähig, Neues zu denken - das sollte uns in der Orientierungslosigkeit Zuversicht geben

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Nur nicht im Loch versinken: Darstellung von Sternen um ein Schwarzes Loch. © Gemini Observatory/AURA artwork by Lynette Cook/dpa

Zugegeben, es gibt wenig Grund zur Hoffnung. Auf den ersten Blick. Die Liste der uns mit bedingungsloser Gravitation in seelische Abgründe ziehenden Krisen ist lang und tendiert in diesen Tagen mehr und mehr zur Unendlichkeit. Wie ein schwarzes Loch vergrößert sich der Teil des Weltwissens implodierend um die Probleme der Welt und zieht alles Lichte, alle Zuversicht in sich hinein. Schwupps. Weg. Sagen wir es mit Hölderlin: „Weh mir, wo nehm ich, wenn / es Winter ist, die Blumen und wo / den Sonnenschein?“ Auch wenn der schwäbische Lyriker mit Winter eigentlich die zweite „Hälfte des Lebens“ meinte, wenn die leichtfertige Jugend verflogen und das schwerfüßige Alter dominant geworden ist, so trifft das Bild doch gerade jetzt unseren Seelenzustand.

Auf den zweiten Blick

Und dennoch gibt es, ohne nun vollmundige Kanzlerworte wie „Zeitenwende“ oder „Doppelwumms“ in den Mund zu nehmen, gute Nachrichten - aber erst auf den zweiten Blick. Die erste lautet: Uns geht es - im globalen Vergleich - extrem gut, ja, wir wissen und schätzen es nicht einmal, w i e gut es uns eigentlich geht. Und dann, als zweites, ließe sich da der leidige und freilich längst abgenutzte Satz von der Krise als Chance anführen, den wir wiederum nur begreifen, wenn wir nicht das halbleere Glas vor uns stehen sehen, sondern das halbvolle.

Kurz könnte man es so fassen: Bist du im tiefsten Tal, träume vom glitzernden Gipfel.

Natürlich geht es hier um Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten, und derjenige, der sich - ebenfalls in einer bitteren und düsteren Stunde der Angst - intensiv damit auseinandergesetzt hat, war der Ludwigshafener Philosoph Ernst Bloch (1885-1977). Blochs Mittel gegen Krisen ist ein „Geist der Utopie“ mit dem Appell: Träume gerade in schweren Zeiten von einer neuen, besseren und schöneren Zukunft, wechsle die Perspektiven, verändere die Wahrnehmung und lasse dich dann in die Zukunft ziehen durch alle Furcht, Verzweiflung und Ratlosigkeit hindurch. Blochs „Prinzip Hoffnung“.

Dem Mensch immanete Hoffnung

Kurz könnte man es so fassen: Bist du im tiefsten Tal, träume vom glitzernden Gipfel. Ein Blick in Epen, in die Bibel oder auch die reale Geschichte könnte da helfen. Dem von Homer in der „Ilias“ beschriebenen zehn Jahre währenden trojanischen Krieg im 13. Jahrhundert vor Christus mit seinen vielen Toten und Opfern folgte immerhin - dem Mythos nach - die Gründung Roms durch einen Nachfahren von Aeneas. Selbst Julius Cäsar bezog sich noch auf den Gottessohn Aphrodites. Auch in der Bibel folgt auf die einjährige Flutkatastrophe, die Gott immerhin als (fast) alles vernichtenden Massenmörder erscheinen lässt, eine neue Welt, die sich vom Gebirge Ararat aus mit neuem Leben über die Erde ausbreitet. Dem Buch Mose zufolge schließt Gott danach einen neuen Bund mit allem Fleisch, also den Menschen und Tieren, und verspricht, dass er nie wieder ein solches Desaster anrichten werde. Als Zeichen dafür setzt er den Regenbogen an den Himmel. Ein utopisches Zeichen der Hoffnung.

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Sicher, die beiden Beispiele sind wahrscheinlich reine Bilder menschlicher Fantasie; selbstverständlich ist weder die Story zwischen Gott und Noah verbürgt noch der trojanische Krieg, auch wenn Heinrich Schliemanns Ausgrabungen im 19. Jahrhundert zumindest die Existenz Trojas bewiesen. Aber die Geschichten sind Ausdruck dieser dem Menschen schon immer immanenten Hoffnung.

Auch ein Blick in die Geschichtsschreibung, die Homer ja im Grunde mit seiner „Ilias“ und der „Odyssee“ auch machen wollte, zeigt auf, wie aus Krisen, Kriegen und Katastrophen ganz neue - um nicht zu sagen: blühende Landschaften - entstanden sind. Auf den Dreißigjährigen Religions- und Territorialkrieg folgte der Westfälische Frieden, aus dem sich ein ganzes vorbildliches System entwickelte, das später sogar zum Vorbild für Friedenskonferenzen wurde. Es setzte alle verhandelnden Staaten, unabhängig von ihrer tatsächlichen Macht, gleichberechtigt nebeneinander. Und es klingt vielleicht ein wenig ironisch (und sollte keinesfalls missverstanden werden), aber aus dem vielleicht (oder hoffentlich) fürchterlichsten Krieg aller Zeiten von 1939 bis 1945 ist eine der stabilsten und besten Demokratien der Welt erwachsen.

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Nicht zuletzt die radikal neue Situation in den Anfängen der Corona-Pandemie hat uns doch gezeigt, wie flexibel wir wirklich sind. Trotz Lockdown, trotz Versorgungsengpässen, trotz Ausgangssperren und Hysterie ist es uns gelungen, die Gesellschaft samt Kultur, Industrie und Wirtschaft irgendwie am Laufen zu halten. Wir Menschen können umdenken, wir können uns neuen Gegebenheiten anpassen und sind gerade in den schweren Momenten auch besonders kreativ und fähig, liebgewordene Gewohnheiten abzulegen, Neues zu denken, Neues zu erfinden, Neues zu wagen.

Der Lichtblick: Die Krise geht vorbei. So, wie ich mich jetzt fühle, werde ich mich nicht immer fühlen.

Das gilt übrigens für das Individuum wie auch für die Institutionen oder Unternehmungen. So hat, um wenigstens ein kleines Beispiel anzuführen, die Oper am Nationaltheater während Corona den Blick geweitet und sich gesagt: Wir müssen Musiktheater nicht immer in der Luxusausführung fahren, wir können auch kleiner, kürzer, reduzierter und günstiger. So sind unter Intendant Albrecht Puhlmann die sogenannten White Wall Opern entstanden. Oper auf 90 Minuten gekürzt und statt mit viel Kulissen mit viel Flexibilität und Videoprojektionen.

Dinge bleiben nicht, wie sie sind

Angesichts der aktuellen Orientierungslosigkeit und der dadurch ausgelösten Grundangst schadet ein Blick in vergangene Krisen so wenig wie einer in die Zukunft, die, und das ist ja Auslöser der Angst, ungewiss ist. Was aber große Gewissheit hat und auch für den von Depression geplagten Patienten ein wichtiger Lichtblick aus dem psychischen Morast heraus ist: Die Dinge bleiben nicht, wie sie sind. Die Krise geht vorbei. So, wie ich mich jetzt fühle, werde ich mich nicht immer fühlen.

Krisen sind immer Wendepunkte. Es ist keine Utopie: Die Stimmungsamplitude schlägt nach Erreichen eines solchen Wendepunktes nicht nur mathematisch immer in die andere Richtung aus. Insofern gibt es zwar wenig Grund zur Hoffnung. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten aber umso mehr. Das ist die eigentliche gute Nachricht.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „MM“ seit 2006.