Interview

Heidelberger Psychiatrie-Professor: „Wir brauchen auch gute Nachrichten“

Täglich begegnen uns zahlreiche schlechten Nachrichten. Der Heidelberger Psychiatrie-Professor und Psychotherapeut Rainer Holm-Hadulla erklärt, wie wir am besten damit umgehen

Von 
Madeleine Bierlein
Lesedauer: 
Gebastelte Gesichter lachen um die Wette. © Getty Images/iStockphoto

Mannheim. Herr Professor Holm-Hadulla, haben Sie heute schon eine gute Nachricht gelesen oder gehört?

Rainer Holm-Hadulla: Ja, ich habe heute Morgen im Radio einen Beitrag gehört. Da ging es um eine französische Kulturschaffende, die während der Nazi-Zeit vielen Künstlern Unterschlupf gewährt hat. Es gibt also auch in sehr schwierigen Zeiten Menschen, die versuchen, die Welt etwas besser zu machen.

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Und sind Sie auch mit schlechten Nachrichten konfrontiert worden?

Holm-Hadulla: Natürlich. Der Ukraine-Krieg und seine Grausamkeiten, die atomare Bedrohung, diese Themen sind mir heute schon begegnet.

Zu Klimakatastrophe und Corona kamen dieses Jahr noch der Ukraine-Krieg, Energie-Knapp-heit und die Inflation. Was machen diese ganzen schlechten Nachrichten mit uns?

Holm-Hadulla: Sie bedrücken und ängstigen uns und können uns sogar krank machen, wenn wir sie passiv erdulden und wir dabei sprach- und hilflos werden. Aber, auf der anderen Seite, wenn sie verstanden und verarbeitet werden, sind sie auch wichtig. Ich glaube, Wegschauen hilft nicht. Es geht darum, Freiräume zu finden, um schlechte Nachrichten durchdenken, verarbeiten und transformieren zu können.

Experte für die Psyche

  • Rainer Holm-Hadulla ist Facharzt für Psychiatrie, Psychoso-matische Medizin und Psychotherapie.
  • Er ist als Professor für Psychotherapeutische Medizin an der Universität Heidelberg und als Gastprofessor, unter anderem an der Pop-Akademie in Mannheim tätig.
  • Derzeit schreibt er an einem Buch „Die kreative Bewältigung von Verzweiflung, Hass und Gewalt – Was wir von Madonna, Mick Jagger & Co. lernen können“. mad

Wie gelingt das?

Holm-Hadulla: Menschen versuchen schon immer, durch Rituale das Böse zu bewältigen. Kultur ist letztlich immer auch die Bewältigung menschlicher Destruktivität.

Wie meinen Sie das?

Holm-Hadulla: Seit Urzeiten dienen rhythmische Bewegung, Tanz und sprachlicher Ausdruck zur Vertreibung böser Dämonen. Oder nehmen wir die griechische Tragödie, sie beschäftigt sich vorwiegend mit Scheußlichkeiten. Ein Gründungsdokument der westlichen Kultur, die Ilias von Homer, ist eine Brutalitätsgeschichte par excellence. Warum ist sie so wirkmächtig bis heute?

Psychiatrie-Professor und Psychotherapeut Rainer Holm-Hadulla © Privat

Sagen Sie es mir!

Holm-Hadulla: Weil solche Erzählungen Bewältigungsformen von Grausamkeit und Gewalt sind. Das reicht bis in die Pop-Kultur. Hören Sie sich zum Beispiel den Rolling-Stones-Song „Sympathy For The Devil“ an. Mick Jagger besingt den Kreuzigungstod von Jesus Christus, die russische Oktoberrevolution mit der Ermordung der Zarenfamilie. Er beschreibt den Blitzkrieg und die Grausamkeiten der Nazis. Warum macht man einen rhythmischen Popsong über die Schandtaten der Menschheit und inszeniert ihn immer wieder neu? Das ist kein satanischer Kult, sondern eine Form, das Schreckliche zu bewältigen. Oder ein anderes Beispiel: Die klassischen Blues-Songs beschreiben zumeist enttäuschende Erfahrungen. Sie besingen Traurigkeit und Melancholie und machen sie dadurch erträglich. Ja, sie schaffen daraus sogar etwas Schönes, etwas Positives.

Und was heißt das für unsere schlechten Nachrichten?

Holm-Hadulla: Heruntergebrochen bedeutet das: Ignorieren hilft nicht. Wir müssen die schlechten Nachrichten durchdenken, über sie sprechen und sie kreativ verarbeiten.

Nun ist nicht jeder Mensch ein Künstler.

Holm-Hadulla: Es ist nicht immer große Kunst nötig. Das Schreckliche können wir auch beim Spaziergang, beim Musikhören, beim Sport, in guten Gesprächen verarbeiten. Kreative Tätigkeiten sind nicht nur ein schöner Luxus, sondern sie sind meiner Meinung nach lebensnotwendig. Dazu gehören auch Alltagsrituale, um unsere Welt – und sei es in noch so kleinem Rahmen – etwas besser zu machen.

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Und dann geht es auch uns besser?

Holm-Hadulla: Ja, das kann man auch neurobiologisch zeigen. Beim Nachdenken bildet das Gehirn aus chaotischen Erregungen immer wieder kohärente Strukturen, also synchron funktionierende Netzwerke. Wenn dieser Prozess gelingt, haben wir das Gefühl, etwas verstanden zu haben. Das entspannt und kann sogar Freude bereiten. Neurowissenschaftlich kann man zeigen, dass im Default-Mode, das heißt im Ruhemodus des Gehirns, meist unbewusst Verbindungen hergestellt werden. Diese führen dann zu so etwas wie neuen Einsichten. Für diesen Prozess aber brauchen wir Ruhe. Der Default Mode funktioniert nicht, wenn wir ständig im Internet oder vor dem Fernseher sind und uns – vor allem visuell – aufregen lassen.

Her mit den guten Nachrichten!

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Zeit und Ruhe sind heutzutage Mangelware.

Holm-Hadulla: Ja, in unserer medial gut versorgten, vielleicht sogar überversorgten Welt laufen wir Gefahr, dass wir keine Freiräume mehr finden. Das heißt natürlich nicht, dass wir uns nicht informieren sollen. Es gibt viele gute Beiträge in den Medien, aber man braucht auch Zeit, diese zu verarbeiten. Und da gilt es, einen guten Rhythmus und ein gutes Gleichgewicht zu finden.

Wie wichtig sind gute Nachrichten für unser Wohlbefinden?

Holm-Hadulla: Sehr wichtig. Wir sollten uns auch auf das besinnen, was wir können, was gut läuft. Das wird ja durch die Schrecknisse in der Welt nicht aufgehoben.

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Kann es etwas verändern, wenn wir als Leserinnen und Leser in der Zeitung oder auf der Website neben den schlechten Nachrichten auch schöne Geschichten finden?

Holm-Hadulla: Ich denke schon. Mir ist einmal bei einer Reise nach Polen aufgefallen, dass es dort ganz viele Geburtsanzeigen gab. Viel mehr als Traueranzeigen. Bei uns in Deutschland gibt es fast keine Geburtsanzeigen mehr, nur noch den Trauerteil. Und wenn man das weiterdenkt: Natürlich ist es wichtig, Positives zu transportieren, ohne die Lage schönzureden. Medien sollten daher auch positive Entwicklungen benennen. Ich denke da an die vielen kulturellen und politischen Fortschritte in der Gewaltprävention. Wir sprechen immer von Hassgesellschaften, aber auch hier wurden Fortschritte gemacht. Hass und Gewalt im Alltag sind zum Beispiel im Vergleich zum Mittelalter und zur Renaissance in demokratischen Gesellschaften viel seltener geworden.

Freuen wir uns insgesamt zu wenig?

Holm-Hadulla: Freude ist etwas sehr Wichtiges. Wir brauchen freudige Erlebnisse, gute Gedanken und auch gute Nachrichten, nur dann können wir selbst etwas Positives beitragen. Und natürlich benötigen wir auch Hoffnung, um dem Leid in der Welt aktiv begegnen zu können.

Redaktion Nachrichtenchefin mit Schwerpunkt Wissenschaftsjournalismus