Literatur - Chinesische Schriftstellerin Fang Fang dokumentiert im „Wuhan Tagebuch“ den Corona-Ausbruch in der Metropole Protokoll einer Geisterstadt

Von 
Andreas Landwehr
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Das Coronavirus trat das erste Mal in Wuhan auf. Die Stadt wurde Ende Januar isoliert und großräumig desinfiziert, wie hier in einem Einkaufszentrum. © Yuguo/dpa

Auf dem Höhepunkt der Verbreitung des Coronavirus in Wuhan haben Zig-Millionen Fang Fangs Tagebuch aus der Metropole im Internet gelesen. Chinas Zensur sperrte die Beiträge der Schriftstellerin zwar immer wieder, doch fanden ihre Zeilen trotzdem zu ihren Lesern. Heute liefert ihr Buch „Wuhan Diary“, das als Zusammenstellung auf Deutsch erschienen ist, ein einzigartiges Fenster in das Leiden, aber auch die Mitmenschlichkeit in der Stadt, die zuerst und in China am schwersten von dem Ausbruch betroffen war.

Seit 1957 in Wuhan

  • Fang Fang wurde 1955 in Nanjing im Osten Chinas geboren und kam im Alter von zwei Jahren mit ihrer Familie nach Wuhan, wo sie bis heute lebt.
  • Ab 1980 studierte Fang Fang in Wuhan chinesische Literatur.
  • Ihren ersten Roman „Auf dem großen Transportwagen“ veröffentlichte sie 1982, ehe fünf Jahre später mit „Aussicht“ der Durchbruch gelang.
  • Für „Aussicht“ wurde Fang Fang mit dem „Nationalen Preis für herausragende Roman“ ausgezeichnet. (seko)
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Es ist eine ebenso persönliche wie explosive Dokumentation der Vertuschung, Verschleppung und Nachlässigkeit offizieller Stellen – aber auch der Hilfsbereitschaft der einfachen Menschen in der Katastrophe, die sich seither weltweit ausgebreitet hat. „Wir müssen die Verantwortlichen ausfindig machen und zur Rechenschaft ziehen“, schreibt Fang Fan in der Einleitung, womit gleich klar wird, warum sie in Staatsmedien heute so attackiert wird.

Ende Januar wurde die Elf-Millionen-Metropole, wo das Virus Anfang Dezember entdeckt wurde, für 76 Tage von der Außenwelt abgeschottet – ein weltweit zumindest bis dahin einmaliger Schritt. Es habe ihre Vorstellungskraft überstiegen, „wie man eine derart riesige Stadt abriegeln könnte“. Genau in jenen Tagen beginnt ihr Tagebuch, das den Gefühlen und der Verzweiflung vieler eine Stimme gab.

„Mit der Anstrengung, mir selbst freien Atem zu verschaffen, helfe ich anderen beim Atmen“, stellte Fang Fang fest. So hatte ihr ein Leser geschrieben, das Tagebuch sei „ein Ablassventil für unsere Niedergeschlagenheit“. Exzellent übersetzt von Michael Kahn-Ackermann, dem Gründer des ersten Goethe-Instituts in China, bietet es deutschen Lesern eine sehr persönliche Einsicht in das Leben der Chinesen.

Quellen decken Propaganda auf

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Ihre Schilderungen sind authentisch, gepaart mit „ein paar Gedanken und Stimmungen“, wie die Romanautorin bescheiden meint. Es sind tiefe Reflexionen: „In extremen Zeiten treten die guten und bösen Seiten des menschlichen Wesens unverhüllt hervor“, schreibt sie. „Du erlebst dabei Dinge, die du dir nie hast vorstellen können. Du bist konsterniert, du klagst, du bist zornig, am Ende gewöhnst du dich daran.“

Die Wuhanerin, zuletzt Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der Provinz Hubei und 2010 mit dem renommierten Lu Xun-Literaturpreis ausgezeichnet, verfügt über ein weit verzweigtes Netzwerk in der Stadt, in der sie seit sechs Jahrzehnten lebt. Ihre Quellen enthüllen die Lüge hinter den offiziellen Beteuerungen noch Mitte Januar, es gebe „keine Übertragung von Mensch zu Mensch“ und das Virus sei „kontrollierbar und eindämmbar“. „Wie viele Menschen haben diese Worte auf einen Weg ohne Wiederkehr geschickt“, stellt Fang Fang bitter fest.

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„Als sich damals mehr und mehr Ärzte und Schwestern infizierten, war es jedermann klar, dass eine Übertragung von Mensch zu Mensch stattfindet, aber niemand hat den Mund aufgemacht, weil es untersagt war“, berichtet ihr ein Arzt: „Jedermann weiß Bescheid, aber keiner spricht es aus? Liegt nicht genau darin das Problem?“

Diskreditierung durch Medien

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Von den mehr als 3300 in China geführten Toten starben mehr als 2500 in Wuhan. Warum das Virus in der Stadt so schwer zuschlagen konnte?: „1. die Zeitverschleppung zu Beginn, 2. ungeeignete Quarantänemaßnahmen, die sogar zur dramatischen Zunahme von Infektionen geführt haben, 3. die unzureichenden und rasch erschöpften Ressourcen der Krankenhäuser und die Erkrankungen des Krankenhauspersonals, die zu Verzögerungen bei der medizinischen Betreuung geführt haben“, fasst Fang Fang zusammen.

All das ändert sich, als die Zentralregierung Ende Januar die Kräfte des Landes mobilisierte. „Nach dem Wechsel im Kommando hat die Regierung mit eiserner Hand die Epidemie bekämpft, die Resultate sind durchaus beachtlich.“ Obwohl Fang Fang Lob spendet, läuft eine Kampagne, um ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Nicht nur weil sie Schwächen offenlegt, sondern weil die Frage nach der Verantwortung für die Pandemie mit weltweit mehr als 400 000 Toten und sieben Millionen Infizierten politisch geworden ist.

Allen voran diskreditiert die englischsprachige „Global Times“ die Autorin. Das Blatt wird vom Parteiorgan „Volkszeitung“ herausgegeben und zielt auf ausländische Leser. „Ihr weltweiter Aufstieg, angefacht durch ausländische Medien, lässt für viele in China Alarmglocken klingen, dass die Schriftstellerin nur ein weiteres nützliches Werkzeug des Westens ist“, heißt es. Dabei hätte Fang Fang selbst nie damit gerechnet, dass sie derart einen Nerv treffen würde. 

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