Rauschgift - Tödliche Einnahme von Heroin und Kokain / Drogenverein sieht großen Nachfrage nach Beratung Tiefstand bei Drogentoten, mehr Opfer durch Langzeitfolgen

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Timo Schmidhuber
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Der Konsum von Kokain – auf unserem Bild mit einem Geldschein und weißem Pulver symbolisch dargestellt – hat in Mannheim ein Todesopfer gefordert. © dpa

Mannheim. Die meisten haben Heroin genommen, bisweilen in Kombination mit Medikamenten. In einem Fall dagegen verlor ein Mann nach einer Überdosis Kokain sein Leben. Insgesamt sechs Männer und Frauen sind im vergangenen Jahr 2020 in Mannheim direkt am Rauschgift-Konsum gestorben. Das berichtet Philip Gerber vom Mannheimer Drogenverein auf Anfrage. Sie waren zwischen Mitte 30 und Ende 50, zum großen Teil Männer. Die meisten starben in Privaträumen, nicht auf öffentlichen Plätzen.

Hier gibt’s Hilfe

Die Mannheimer Beratungsstellen haben die Zuständigkeiten aufgeteilt.

Der Drogenverein (K 3, 11-14) betreut Menschen, die von illegalen Substanzen abhängig sind. Telefon: 0621/15 90 00; Mail: info@drogenverein.de

Die Fachstelle Sucht des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation (Moltkestraße 2) kümmert sich um Personen, die süchtig nach Alkohol, Medikamenten oder Glücksspiel sind. Telefon: 0621/8 42 50 68; Mail: fsmannheim@bw-lv.de

Die gemeinsame Beratung von Caritas und Diakonie (D 7, 5) hilft bei der Abhängigkeit von Alkohol sowie vom Computer und Computerspielen. Telefon: 0621/12 50 61 30; Mail: suchtberatung@cv-dw-mannheim.de

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Ein Todesopfer nach einer Überdosis Kokain, das sei in Mannheim zumindest in der jüngeren Vergangenheit neu, sagt Gerber. Bereits 2019 waren unter den damals neun Drogentoten auch zwei Amphetamin-Opfer gewesen. Der Drogenverein-Geschäftsführer sieht darin durchaus eine Auswirkung des gesellschaftlichen Trends zu aufputschenden Drogen, wie ihn zum Beispiel auch die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht in München ausmache.

Dazu passt ins Bild, dass 2020 laut Gerber erstmals auch vier Konsumenten der synthetischen und ebenfalls aufputschenden Droge Crystal Meth beim Drogenverein vorstellig wurden. Zuvor hatte diese gefährliche Substanz in Mannheim – anders als in anderen Städten – keine Rolle gespielt. Mit vier von insgesamt 1350 beim Drogenverein betreuten Klienten bewege man sich in Mannheim aber nach wie vor „auf sehr niedrigem Niveau“, so Gerber.

Die sechs Drogentoten in 2020 markieren einen historischen Tiefstand in den vergangenen Jahren. Nur 2015 war die Zahl ebenfalls auf diesem Level. Ob der Rückgang in Mannheim einem landesweiten Trend entspricht, kann das Innenministerium in Stuttgart noch nicht sagen. Die Gesamtzahlen fürs Land lägen noch nicht vor, so ein Sprecher. Die Statistik werde „Mitte März“ veröffentlicht.

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In Mannheim sterben laut Gerber allerdings immer mehr Menschen an den Langzeitfolgen ihrer Heroinsucht – weil sie zum Beispiel eine Leberzirrhose oder einen Tumor bekommen. „Wir haben keine Zahlen über diese Opfer, aber unserer Einschätzung nach nimmt es zu, dass die Langzeitfolgen einer Sucht in dieser Weise durchschlagen.“

Obwohl der Trend zuletzt hin zu aufputschenden Drogen ging – speziell im Corona-Jahr 2020 war deren Konsum in Mannheim rückläufig, wie Gerber berichtet. Denn diese Substanzen würden eher gemeinsam mit anderen, etwa bei Partys, genommen. Und von denen gab es 2020 eher weniger. Generell aber setzten sich vergangenes Jahr Entwicklungen von 2019 fort. Während es sich bei den „Bestandsklienten“ des Drogenvereins mehrheitlich um Heroinabhängige handelt, haben bei den Neuaufnahmen die meisten ein Problem mit Haschisch oder Marihuana – auch wenn der Griff zum Joint für „Einsteiger“ im vergangenen Jahr wegen der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen schwieriger gewesen sein dürfte, so Gerber.

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Unter dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr hatte die Mannheimer Heroin-Szene – schätzungsweise 1400 Menschen – dem Drogenverein-Geschäftsführer zufolge schwer gelitten. Etwa weil der Kontaktladen in K 3 schließen musste, aber auch weil Entgiftungs- und Therapieplätze schwer zugänglich waren. Beim seit November anhaltenden zweiten Lockdown habe die Suchthilfe insgesamt einen besseren Umgang mit der Lage gefunden, findet Gerber. Heißt für den Drogenverein: Anders als im Frühjahr bekommt ein Klient jetzt eine persönliche Vor-Ort-Beratung, wenn er in einer schwierigen Situation ist. Und der Kontaktladen hat geöffnet.

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Trotzdem rechnet der Drogenverein mit einer großen Nachfrage nach Beratung, wenn der Lockdown vorbei ist. Das war bereits im Frühjahr so – und darauf bereitet man sich auch jetzt schon vor.

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