Nationaltheater - Mehrere Tausend Kostüme stehen wegen der Generalsanierung zum Verkauf – was die Mitarbeiter schmerzt Schnäppchenjagd im Fundus des NTM

Von 
Peter W. Ragge
Lesedauer: 
Großer Andrang bei dem Kostümverkauf des Nationaltheaters: In die engen Räume im Fundus in Neckarau durften alle 30 Minuten nur 40 Leute. © Michael Ruffler

Mannheim. Er blickt in viele zufriedene Gesichter. Er sieht Menschen, die den Arm voll haben mit Mänteln, Jacken, Umhängen, und die dabei lächeln. Aber es tut ihm weh. „Es ist furchtbar, eine harte Nummer“, gibt Manfred Scholz, Leiter des Kostümwesens am Nationaltheater, offen zu, dass er trauert. Denn derzeit verkauft das Nationaltheater günstig Teile aus seinem Kostümfundus – von denen er sich aber ungern trennt.

Fotostrecke Großer Andrang beim Requisitenverkauf des Nationaltheaters

Veröffentlicht
Bilder in Galerie
9
Mehr erfahren
AdUnit urban-intext1

Der Andrang ist riesig. „Wir werden mit Sicherheit weitere Termine anbieten“, kündigt Nele Haller an, Mitarbeiterin des Geschäftsführenden Intendanten. Denn die beiden Samstage, an denen bisher der Fundus im Probezentrum Neckarau geöffnet wurde, waren restlos ausgebucht. Schließlich sind die Räume in dem ehemaligen Gebäude der „Schildkröt“-Puppenfabrik eng.

Von Hunnen und Riesen

Noch vor der Generalsanierung des Nationaltheaters werden sie umgebaut, um Mitarbeiter des Spielhauses am Goetheplatz aufzunehmen. Auch im Spielhaus lagernde Kostüme müssen umziehen – daher braucht Scholz Platz im Depot Neckarau. „Ein Teil muss ’raus, auch wenn es schwerfällt“, so Scholz.

Über etwa 50 000 bis 60 000 Kostüme verfügt das Nationaltheater insgesamt, schätzt Scholz. „Das sind 60 Jahre Theatergeschichte!“, hebt er hervor. Etwa 4000 Teile stehen derzeit zum Verkauf. „Was Franz Mazura als Wanderer getragen hat, habe ich noch gerettet, das habe ich weggehängt, das muss einen besonderen Platz bekommen“, sagt Scholz mit Blick auf den großen grünen Mantel, den der kürzlich verstorbene Kammersänger in Wagners „Ring des Nibelungen“ getragen hat.

AdUnit urban-intext2

Einen grünen Mantel trägt auch Asahi Hayashi. „80 Prozent Wolle, 20 Prozent Alpaka“, liest die Heidelberger Studentin zufrieden im Etikett und greift zu, da das gute Stück nur zehn Euro kostet. „Ich habe etwas für den Alltag gesucht, nicht für Fasnacht“, sagt sie zufrieden. Ebenso strahlt Isabelle Grandy, die einen grünen Cordmantel erwirbt. „Wir waren im Theater, haben den Aushang gesehen und gedacht, das schauen wir uns an“, erzählt sie.

Aus Mutterstadt ist Herbert Seja gekommen. Einen Hunnenmantel hat er schon erworben, jetzt probiert er gerade eine Uniformjacke an. „Ich brauche etwas für den Fasnachtszug, an dem beteilige ich mich mit dem Partnerschaftsverein“, sagt er. Aber seine große Leidenschaft sei auch das Mittelalter – auch dafür ist der Fundus das reinste Paradies.

AdUnit urban-intext3

Ein ganzer Kleiderständer trägt das Schild „Dominikaner“. Ob Kloster-Habit oder Ritter, die Kostüme des Chors im erst 2015 neu inszenierten Rossini-Melodram „Tancredi“ oder die Riesen von Martin Schülers Inszenierung der Wagner-Tetralogie „Ring des Nibelungen“ 1999 findet man hier, den alten „Don Carlos“, die Ausstattung der noch älteren „Zauberflöte“, auch die 2000 trotz heftiger Publikumsproteste abgesetzten „Meistersinger“ von 1967.

Passend zur Parteifarbe

AdUnit urban-intext4

Matthias und Monika Hannes etwa haben bei den alten „Zauberflöte“-Kostümen etwas für sich gefunden. Aber da entdeckt Monika Hannes auch noch ein schickes rotes Barrett. Eva Leidecker betrachtet sich vor dem Spiegel mit einem rosa Umhang und strahlt: „Wunderschöne Sachen gibt es hier!“ Sie braucht solche Kostüme, weil sie ein ungewöhnliches Hobby hat: Live Action Role Playing, also Rollenspiele. Josephine Häcker dagegen sucht „eher etwas für den Alltag“ – und wird fündig bei einer roten Lederjacke, die perfekt zu der Hose passt, die sie bereits trägt.

Perfekt zu seiner Parteifarbe passen auch die grüne Perücke und der Mantel, den Stadtrat Gerhard Fontagnier erwirbt. „Ich werde die Stadt Mannheim beim Fasnachtszug in Ludwigshafen vertreten“, dafür sucht er etwas. Stadträtin Angela Wendt (Grüne), deckt sich gleich mit mehreren Kostümen ein – für den Fasnachtszug, wo sie auf dem Wagen einer Tanzschule mitfährt, und für Mainz, wo sie privat feiern wird.

„Total verloren“ kommt sich dagegen Familie Potraffke in dem riesigen, engen Fundus vor – und ist dankbar, dass Sabine Valentin hilft. Die auch auf der Freilichtbühne aktive Schulsekretärin arbeitet nebenbei „aus Leidenschaft“ schon seit 15 Jahren im Kostümfundus und holt für Wolfgang Potraffke ein prachtvolles Kostüm aus der Oper „Boris Godunow“, das allerdings „etwas teurer“ sei, wie sie sagt – 100 Euro. „Aber es ist mindestens 300 bis 600 Euro wert, da alles selbst genäht ist“, betont sie. „Ich weine, wenn ich sehe, welche Werte wir hier abgeben müssen“, seufzt sie. So geht es auch Herrenschneiderin Karin Vocke, die viele der Kostüme hier genäht hat: „Wenn man bedenkt, wie viel Arbeit und wie viele Nadelstiche da drinstecken – und dann wollen die Leute noch feilschen“, bedauert sie. Dann greift sie wieder zur Glocke, denn die 30 Minuten sind vorbei und die nächste Gruppe darf in den Fundus.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/mannheim

Redaktion Chefreporter