Sperling-Sänger Jojo: „Depression ist immer tabuisiert“

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Machen mit zarten Seelen harte Musik: die fünf Sperlinge (v.l.) Josh, Jojo, Luca, Malte und Max, die jetzt ihre „Zweifel“ äußern. © Simon von der Gathen

Sperling-Sänger Jojo spricht im Interview über das Debüt „Zweifel“, das mit einer überzeugenden Mixtur aus Indie, Hardcore, Rap und Solocello neue Klänge offeriert. Von Stefan M. Dettlinger

  • Sperling: Die Band aus Emmelshausen, Hunsrück, mixt Rapmusik mit Posthardcore/Indie und einem Cello. Die fünf Mitglieder sind Mitte 20 und sind 2013 zusammengekommen, seit 2020 heißen sie Sperling. 2015 erscheint die erste EP „Pssst“, 2017 die zweite EP „Stille Post“, am 22. Januar 2021 erscheint das erste Langspielalbum „Zweifel“ (Uncle M).
  • Jojo: Johannes Gauch, genannt Jojo und 1996 in Koblenz geboren, hat in Kastellaun (Hunsrück) durch seinen Vater die Liebe zur Musik entdeckt und mit elf Jahren Schlagzeug gelernt. Mit 14 hat er den Rap entdeckt durch „the Slim Shady LP“ von Eminem. Seitdem schreibt er Texte. Seit 2016 arbeitet er als Altenpfleger.
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Jojo, Sie haben sich harmlos Sperling genannt. Passt das zur Musik?

Jojo: Ich würde schon sagen. Wir haben lange hin und her überlegt. Zunächst ist Sperling einfach ein schönes, kurzes Wort, das einem schnell über die Lippen geht. Außerdem findet man den Sperling in jedem Gebiet, in dem es Menschen gibt, und zwar das ganze Jahr lang. Der Sperling überwintert nämlich nicht im Süden, er bleibt und harrt aus, bis es wieder wärmer wird. Das fanden wir eine sehr schöne und treffende Metapher für unsere Musik, in der es ja auch oft darum geht, auszuhalten, zu ertragen und weiter zu machen.

Ihre teils zornige Musik und Ihre Texte klingen, als seien Sie gekommen, um sich zu beschweren …

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Jojo: Ich weiß nicht, ob Zorn das passende Gefühl ist. Die meisten meiner Texte handeln von der Auseinandersetzung mit mir selbst. Es geht in dem Album um Zweifel und hauptsächlich um das Zweifeln an mir und meinen Entscheidungen. Die Texte sind zwar zum Teil auch gesellschaftskritisch, der Zeigefinger zeigt aber auch immer auf mich selbst. Es ist also weniger ein Beschweren als eher eine Beschreibung, wie die Gesellschaft auf mich wirkt, wie ich damit umgehe und zurechtkomme.

Sie wollen also nicht politisch sein? Sätze wie „Wir sind erst die Wahrheitzurechtbieger, dann Lügner“ ist nicht politisch gemeint?

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Jojo: Nein! Auch diese Zeile und der Song beschreiben meine Gedanken. Der Song beschreibt, wie ich oft mit Gesprächen, wichtigen Themen und schwierigen Aussagen umgehe. In der Zeile „Wir sind erst die Wahrheitzurechtbieger, dann Lügner“ zähle ich mich zu einer Art von Menschen, die manchmal die Wahrheit zurechtbiegt, um schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen. Ich glaube, in der Aussage finden sich nicht nur Politiker wieder.

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Ist dann der Antrieb Ihrer Musik privater Natur? Warum sollte sich jemand in einer Welt, in der jeder über sich schreibt, ausgerechnet für Ihre Befindlichkeiten interessieren?

Jojo: Es geht weniger um meine Befindlichkeit, sondern mehr um das klare Aussprechen und Beschreiben davon. Themen wie Depressionen und Ängste, die meine Texte behandeln, sind immer noch sehr tabuisiert, obwohl es jeden Tag mehr Menschen betrifft. Ich finde, alleine das Aussprechen solcher Dinge zeigt anderen, dass sie nicht alleine sind. Mir hat es immer sehr geholfen, in einem Song einen Text zu hören, der genau das beschreibt, was in meinem Kopf vor sich geht. Es hat mir geholfen, die Gedanken und das Chaos in meinem Kopf zu ordnen. Alleine das kann schon eine große Hilfe im Umgang mit seinen Dämonen sein. Ich glaube, dass sich auch in meinen Texten ein paar Menschen wiederfinden können, und ich hoffe, dass es auch ihnen hilft, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen.

Haben Sie denn tatsächlich Depressionen im klinischen Sinne?

Jojo: Nein nicht im klinischen Sinne. Es ist einfach das beste Wort, um das zu beschreiben, was in mir vorgeht. Es ist eine Antriebs- und auch Hoffnungslosigkeit, die ständig präsent ist, mich nachts wach liegen lässt und jeden neuen Tag ein Stück weit in den Schatten stellt. Das ist natürlich mal mehr mal weniger schlimm, aber es verschwindet nie ganz. Durch meinen Beruf als Altenpfleger habe ich viel Erfahrungen mit Depressionen. Sie kann in verschiedenen Formen und zu den unterschiedlichsten Lebensabschnitten auftauchen, und jedes Jahr werden es mehr. Gerade deshalb find ich es so wichtig, offen über dieses Thema zu sprechen. Auch für Menschen, die sich nicht sicher sind, wie sie ihre Gefühle einordnen sollen.

Ist es eigentlich Absicht, dass Sie mitunter ein bisschen wie Henning May oder Casper klingen?

Jojo: Es wäre auf jeden Fall gelogen, zu sagen, dass mich andere Rapper, unter anderem auch Casper, nicht inspiriert hätten. Aber ich habe mir nie vorgenommen, so zu klingen. Ich würde sagen, das hat sich ergeben. Ich höre auch immer wieder Vergleiche mit Fabian Römer oder Lance Butters, und auch da kann ich mich zum Teil wieder finden. Es haben mich also viele Künstler inspiriert und begleitet, und daraus hat sich dann mein persönlicher Stil entwickelt. Abgesehen davon stört es mich nicht, mit anderen Künstlern verglichen zu werden, sowas ist ja auch immer eine Art von Kompliment.

Das Alleinstellungsmerkmal von Sperling könnte sein: harte Musik, weiche, zerbrechliche Seelen, die etwa im Klang des Cello Ausdruck finden. Wie kam es zur Fusion von Hardcore, Gitarren-Walls und dem alten klassischen Viersaiter?

Jojo: Auch das war nicht geplant. Es war einfach so, dass wir gute Freunde sind und zufällig alle Musik machen. Es war auch nie geplant, das Cello als besonderes Element zu benutzen. Luca war einfach unser Freund und hat eben Cello gespielt. Wir haben zwar einen ähnlichen Musikgeschmack in der Band, trotzdem hat jeder so seine Lieblingsmusik und Schwerpunkte. Max und ich zum Beispiel kommen eher aus dem Rap, Malte und Josh eher aus dem Indie und Posthardcore, und Luca bringt natürlich klassische Elemente mit rein. Aber so lerne ich, als jemand der fast nur Rap hört, auch andere coole Bands kennen, die ich sonst wahrscheinlich nie gefunden hätte. Also ist unsere Musik auch ein bisschen das Ergebnis unserer unterschiedlichen Lieblingsmusik.

Irgendwie kriege ich Ihre lapidaren Aussagen von Zufall und „hat sich so ergeben“ nicht zusammen mit dem mächtigen, Bedeutung suggerierenden Sound und den gewaltigen Texten. Woran liegt das? Haben Sie keine PR-Beratung?

Jojo: Ich glaube nicht, dass unsere Entstehungsgeschichte, so banal sie auch ist, das widerlegt oder schmälert, was wir heute aussagen wollen. Natürlich sah vor über sieben Jahren unsere Welt ganz anders aus. Uns haben andere Dinge beschäftigt, wir hatten andere Sorgen und einen anderen Blick auf die Welt und uns. Jeder Song ist eine Momentaufnahme und beschreibt, was ich in diesem Moment getan oder gefühlt habe.

Nehmen wir das Beispiel „Mond“!

Jojo: Ja, da geht es um den Zerfall einer Beziehung und den Umgang damit. Ich habe sehr darunter gelitten und habe aufgeschrieben, was ich in dieser Zeit gefühlt habe. Was in dem Song beschrieben wird, ist einfach das, was in meinem Kopf vorging, als ich damit konfrontiert wurde. Diejenigen, die gerade in einer ähnlichen Situation sind, werden auch Dinge von sich wiederfinden. In jedem unserer Songs steckt nicht mehr und nicht weniger als genau das, was wir denken oder fühlen und was uns wichtig ist zu teilen, verpackt in einem Instrumental, das widerspiegelt, was wir ausrücken wollen.

Mehr Bedeutung ist nicht drin?

Jojo: Wir wollen keine Bedeutung suggerieren. Wenn der Song für jemanden nicht wichtig oder das Thema ihm oder ihr egal ist, dann kann es auch nicht viel Bedeutung haben. In weiteren sieben Jahren werden wir uns auch wieder verändert und entwickelt haben. Vielleicht sieht unsere Welt dann wieder anders aus und wir erzählen wieder andere Geschichten. Abgesehen davon, sind wir mit unserem Label und unserer PR-Agentur mehr als zufrieden.

Klingt, als seien Sie jetzt sauer …

Jojo: … nein überhaupt nicht! Ich finde es interessant, auch herausfordernde Fragen zu beantworten. Ich hoffe nur, dass meine Antwort die Frage auch beantwortet. Auch wenn sich in unserer Entstehungsgeschichte viel von selbst entwickelt hat, ist das, was inzwischen entstanden ist, jahrelange Mühe und Hingabe. Wir haben sehr viel Zeit und sehr viel Liebe in jeden Song gesteckt. Die Themen, die ich in meinen Texten transportiere, sind so emotional und persönlich, dass ich auch lange mit mir selbst ringen musste, um diese in einem öffentlichen Song zu verpacken. Man droht daran zu zerbrechen, wenn man sich so lange und intensiv mit seinen eigenen Gespenstern auseinandersetzt. Umso mehr bin ich froh darüber, dass wir diesen Schritt gewagt haben und heute genau das in den Songs weitergeben.

Wie fühlt sich das an, nach sieben Jahren ein gelungenes Longplayer-Debüt in Händen zu halten?

Jojo: Wenn ich zurückblicke auf die letzten Jahre, auf alle Sessions, in denen wir an uns und unserem Sound gefeilt haben, auf die langen Nächte, in denen wir uns im Proberaum eingeschlossen haben, und auf die kleinen und großen Erfolge und Rückschläge, bin ich einfach wahnsinnig Stolz auf jeden Song, der auf diesem Album ist. Wir als Band stehen hinter jedem einzelnen Wort, weil wir wissen, was von uns drinsteckt.

Planen Sie nun eine postcoronale Livetour? Kommt da etwas?

Jojo: Ja auf jeden Fall! Wir haben mit Kingstar Music schon einige Ideen für kommende Liveshows und eine Tour zum Album ist auch geplant. Wir wollen in der Hinsicht aber noch nicht zu viel verraten, weil wir natürlich keine Ahnung haben was in dem kommenden Jahr noch alles passiert und wann und wie Liveauftritte dann wieder möglich sein werden. Aber wir lassen es die Leute wissen, sobald wir etwas Festes ankündigen können! Uns fehlt das Livespielen so sehr, dass wir es kaum erwarten können endlich wieder aufzutreten. Wir vermissen es zu Auftritten zu fahren und mit unserem Publikum eine gute Zeit zu haben. Und auch für unsere gesamte Branche hoffen wir das Beste! Gerade denen, die so viel an dieser Pandemie verloren haben, wünschen wir ein erfolgreicheres Jahr 2021. Wir hoffen, dass die Leute auf sich aufpassen, damit wir diese Zeit schnell hinter uns haben.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.