Smudo spricht über Corona-App "Luca" der Fantastischen Vier

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Georg Rudiger
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Engagiert sich im Kampf gegen die Virus-Ausbreitung: Smudo und seine Band-Kollegen der Fantastischen Vier haben eine Corona-App entwickelt. © dpa

Schon in Videos und Konzerten setzen die Fantastischen Vier auf digitale Innovation. Da die Band nicht auftreten kann, hat sie die „Luca“-App zur Bekämpfung der Pandemie entwickeln lassen. Smudo spricht über digitale Kontaktverfolgung und den Zusammenhalt der Gesellschaft.

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Smudo, im vergangenen Jahr haben Sie kein Konzert vor Publikum gespielt. Eigentlich war eine große Tour geplant. Mit welchen Gedanken und Gefühlen schauen Sie auf 2020 zurück?

Smudo: Mein unerschütterlicher Optimismus ist getrübt. Es ist meine erste Pandemie. Ich weiß nicht genau, wie es weitergeht. Große Sprünge erwarte ich jedenfalls nicht.

Wie lange haben Sie sich in Schockstarre befunden, als der erste Lockdown im März losging?

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Smudo: Am Anfang war mir das Ausmaß der Folgen natürlich nicht bewusst. Ich dachte, vielleicht müssen wir ein paar Konzerte verschieben - und dann geht es normal weiter. Ich kann mich gut erinnern, wie ich mit Steve Schwenkglens, der in Hamburg Geschäftsführer der Barclaycard Arena ist, über seine Einschätzung gesprochen habe - er war wie die meisten optimistisch. Dann hat die Pandemie die Branche rechts überholt. Schockstarre würde ich als Wort für mich allerdings nicht verwenden. Mein Leben besteht nicht nur aus der Band - es gibt für mich in jedem Lebensbereich Herausforderungen. Richtig niedergeschlagen bin ich nicht. Hin und wieder kommt der Coronablues, aber das ist im Augenblick eine Variante des Winterblues. Aber wenn man ein ganzes Jahr lang nicht auf der Bühne steht, fragt man sich als Bühnenkünstler schon, wer man eigentlich ist.

Ende November haben Sie die Corona-App „Luca“ vorgestellt. Dass eine Band, die nicht auftreten darf, selbst für eine technische Innovation in der Pandemiebekämpfung sorgt, ist ungewöhnlich. Warum haben Sie das gemacht?

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Smudo: Über einen gemeinsamen Bekannten haben wir die Firma Nexenio in Berlin kennengelernt, die mit uns über digitale Lösungen sprach, was Konzerte angeht. Die Situation hat sich allerdings verschärft, und große Konzerte sind und bleiben der Endgegner. Spannend für uns ist, die Dokumentationspflicht, die bei Veranstaltern und Gastronomen während der Pandemie besteht, zu digitalisieren und damit Gesundheitsämter zu entlasten. Dafür wurde „Luca“ entwickelt.

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Was kann „Luca“?

Smudo: Mit dieser App erhält man einen QR-Code, der beim Einchecken im Restaurant, Konzertsaal, in einem Pflegeheim oder wo immer die Dokumentationspflicht vorgeschrieben ist, gescannt wird. Wenn sich jemand infiziert, dann kann er seine digital festgehaltenen, verschlüsselten Besuchsdaten ans Gesundheitsamt weitergeben, das diese entschlüsselt. Bei dieser Übermittlung werden auch Menschen, die am gleichen Ort waren, informiert. Es müssen keine Zettel mehr ausgefüllt werden, es müssen nicht mehr Dutzende von Hilfsarbeitern in den Gesundheitsämtern sitzen und Handschriften entziffern, Leute anrufen und Daten händisch ins System eingeben. Und das alles bei vollem Datenschutz. Infektionsketten können so viel schneller verfolgt werden, was die Ausbreitung des Virus stark begrenzt. Auch bei privaten Treffen kann man die App nutzen und auf diese Weise ein digitales Kontakt-Tagebuch führen. Alleine durch den Zeitgewinn vermeidet man die Hälfte aller Infektionsfälle. Der Zauber liegt in der direkten Anbindung an die Gesundheitsämter.

Was erhoffen Sie sich bezüglich des gesellschaftlichen Lebens?

Smudo: Eine deutliche Belebung, wenn die pandemische Situation wieder im Griff ist. Wir glauben auch, dass durch „Luca“ die zugelassenen Zuschauerzahlen bei Veranstaltungen höher angesetzt werden können. Man kann bei der Kontaktverfolgung viel schneller und chirurgischer vorgehen - das ermöglicht mehr Begegnungen von Menschen und weniger Grobmotorik bei Corona-Maßnahmen.

Mit „Irgendwann“ haben die Fanta Vier auch einen Coronasong gemacht. Im Video gehen Sie mit Ihren drei Kollegen durch die eigene Bandgeschichte wie durch ein Museum. Glauben Sie, dass das Leben nicht mehr so sein wird, wie es einmal war?

Smudo: Das weiß ich nicht. Hygienemaßnahmen wie Abstand, Mundschutz und die Verwendung von Desinfektionsmittel werden auch nach der Pandemie im Alltag Anwendung finden - so wie, historisch betrachtet, Wasserklosetts oder Seifen, die sich auch nach großen Katastrophen als neue Hygienestandards etabliert haben. Ich glaube auch, dass es die digitale Clustererfassung, wie sie „Luca“ ermöglicht, Bestand haben wird. Wenn ich meinen Kontakten ins Virologen-Milieu Glauben schenke, dann begleitet uns Corona noch fünf Jahre. Wie eng man in Zukunft bei Konzerten zusammen feiern kann, kann ich nicht erahnen.

„Also tick nicht aus und glaub an dich, gib nicht auf, ich glaub an Dich. Denn nur solang wir zusammen sind, endet irgendwann bestimmt“, heißt es im Song. Ist das Ihr Appell an die Querdenker?

Smudo: Nicht direkt. Gegen die Querdenker habe ich allerdings schon etwas. Der Mensch ist der Wirt für das Virus. Wenn bei den Schutzmaßnahmen einige nicht mitmachen, dann schadet das der Gemeinschaft. In London ist jeder Fünfte infiziert, in Meißen stapeln sich in einer Halle 250 Särge, weil das Krematorium mit dem Verbrennen der Leichen nicht hinterherkommt. Corona zu leugnen, ist einfach eine Schweinerei. Im Song „Irgendwann“ geht es eher um die Betonung der Gemeinsamkeit. Nur gemeinsam können wir die Krise bewältigen.

Freie Autorenschaft Georg Rudiger beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten, der Schweiz und auch mal in Südafrika. Meistens schreibt er über Klassik, gelegentlich aber auch über Jazz und Pop, wenn er nicht gerade am Cello sitzt.