Komponisten-Verbandschef Heidelberger Moritz Eggert warnt Kulturschaffende vor Sonderrolle

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Georg Rudiger
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Heidelberg. Der Heidelberger Moritz Eggert ist neuer Präsident es Komponistenverbandes. Mit dieser Redaktion spricht er über zu laute Künstler und die Stellung der Kultur in der Krise.

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Herr Eggert, Sie sind zum Präsidenten des Deutschen Komponistenverbandes gewählt worden. Der Verband deckt den ganzen Bereich der Musik ab - von der Avantgarde bis zu Werbejingles. Liegt Ihnen diese Bandbreite?

Hält die Sonderrolle, die Kulturschaffende für sich beanspruchen, für problematisch: DKV-Präsident Moritz Eggert. © Poehland

Moritz Eggert: Die Einteilung in E- und U-Musik in Deutschland habe ich immer hinterfragt. Deshalb passt es für mich sehr gut, dass der Deutsche Komponistenverband jede Art von Musik abbildet. Im Augenblick müssen Komponisten auch mit einer Stimme sprechen - die Probleme durch Corona sind für alle ähnlich.

Wie geht es den Komponisten?

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Eggert: Sie sind vielleicht nicht immer in so einer verzweifelten Situation wie die ausübenden Musikerinnen und Musiker, die zum Teil ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Die Arbeit ist langfristiger ausgelegt. Auch ich selbst habe Projekte, an denen ich momentan schreiben kann. Natürlich sind wir abhängig von den Aufführungen. Wenn unsere Musik nicht gespielt wird, bekommen wir kein Geld. Das werden wir auch in der GEMA-Ausschüttung bemerken, die im Sommer für das vergangene Jahr erfolgt. Da wird es katastrophale Einbrüche geben, die den U- und E-Bereich gleichermaßen betreffen - und die viele Jahre anhalten werden.

Die Kulturszene hat sich lange Zeit von der Politik nicht angemessen wahrgenommen gefühlt und wurde lauter. Es entstanden Aktionsbündnisse wie „Alarmstufe Rot“. Sie dagegen empfahlen Kulturschaffenden Anfang November, lieber zu schweigen.

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Eggert: Wenn ganz Deutschland unter der Pandemie leidet, ist es nicht der richtige Moment zu sagen: Ich bin der arme Künstler und darf nicht auftreten. Die Restaurants sind auch geschlossen. Wenn ich nach dem Konzert in ein Restaurant gehe und mich dort über das Erlebte austausche, dann ist das für mich auch ein Teil der Kultur. Die Sonderrolle, die die Künstler für sich beanspruchen, finde ich problematisch. Aber natürlich wird der Moment kommen, wenn man als Künstler wieder laut sein muss - wenn ein Konzertleben wieder möglich ist und wenn als Folge der Pandemie Kürzungen in den Etats diskutiert werden.

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Mein Eindruck ist schon, dass die Politik Ende 2020 auf die lauter gewordenen Künstler reagiert hat. Bei den Novemberhilfen wurden Soloselbständige mit einbezogen. Die zuvor vergessenen Musikverlage erhielten im Dezember noch eine Unterstützung von 2,5 Millionen Euro. Und im neuen Infektionsschutzgesetz wird die Kultur als eigener Bereich genannt und ist nicht mehr unter dem Begriff Freizeit geführt.

Eggert: Das Einfordern von finanzieller Unterstützung habe ich nie kritisiert. Endlos darüber zu diskutieren, ob man Kulturstätten den Freizeiteinrichtungen gleichsetzt, halte ich für verschwendete Energie.

Das hat aber Folgen, wenn die Politik entscheidet, wer aufmachen darf und wer nicht. Glauben Sie, dass gemeinsam erlebte Konzerte für den Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht wichtiger sind als gemeinsam im Fitnessstudio zu trainieren?

Eggert: Es ist alles wichtig für unsere Gesundheit - das Theater und das Fitnessstudio. Ich würde nicht das eine gegen das andere ausspielen. Ich fühle mich nicht entwürdigt als Komponist, wenn ich in einer Aufzählung mit Fitnessstudios vorkomme. Dort gehe ich auch gerne hin.

Haben Sie also nicht den Eindruck, dass die Kultur in Deutschland in der Pandemie zu wenig wertgeschätzt wird?

Eggert: Nein, dafür bin ich auch zu viel im Ausland. Schauen Sie doch einmal in die USA oder nach England, dort gibt es viel weniger öffentliche Gelder für die Kultur. Wir sind schon verwöhnt. Einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel sehe ich in Deutschland nicht. Die Kultur wird von der Politik grundsätzlich wertgeschätzt. Wenn man als Künstler immer nur sagt, wie relevant man ist, wird man nicht relevant. Man wird relevant durch das, was man zur Gesellschaft beiträgt.

Die Pandemie machte auch Probleme sichtbarer - und das nicht nur in der Fleischindustrie. Welche Probleme, die das Musikleben betreffen, wurden Ihrer Ansicht nach deutlicher?

Eggert: Der kommerzielle Klassikbetrieb mit seinen hohen Gagen und dem Dirigentenzirkus ist im Moment lahmgelegt. Hier habe ich die Hoffnung, dass langfristig ein Umdenken stattfindet und es gerechtere Verteilungsstrukturen gibt. Dass junge Sängerinnen und Sänger an Opernhäuser nicht mehr zu geringsten Honoraren so ausgebeutet werden wie bisher, während die wenigen Stars den Etat von ganzen Monaten aufbrauchen, wenn sie einmal auftreten. Ich persönlich würde mir auch eine größere Offenheit des Repertoires wünschen, damit wir mehr zeitgenössische Musik in den Spielplänen der Opernhäuser und den Konzertreihen erleben können.

Von Klassik bis zur WM 2006: Eggerts vielseitiges Repertoire

  • Der Komponist und Pianist Moritz Eggert wurde im November 1965 in Heidelberg geboren und lebt in München, wo er an der dortigen Musikhochschule kompositorischen Nachwuchs ausbildet.
  • Eggert komponiert Werke für Musiktheater, Tanztheater, Kammermusik, Orchester und Vokalmusik. 2004 wurde etwa sein Musiktheater „Die Schnecke“ in Mannheim uraufgeführt.
  • Außerdem komponierte Eggert die Musik für die Eröffnungszeremonie der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.
  • Eggert ist seit 2010 Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Im Oktober vergangenen Jahres wurde er zum Präsidenten des Deutschen Komponistenverbandes gewählt, dessen Vorstand er bereits von 2004 bis 2007 angehört hatte. (seko)

Freie Autorenschaft Georg Rudiger beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten, der Schweiz und auch mal in Südafrika. Meistens schreibt er über Klassik, gelegentlich aber auch über Jazz und Pop, wenn er nicht gerade am Cello sitzt.