Nachruf - Olympionikin Helga Erny stirbt mit 89 Jahren Silber dank starker Kurvenlage

Von 
Sibylle Dornseiff
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Leutershausen. Die Sportregion trauert um eine Leichtathletin, für die bei Olympia nicht nur das Dabeisein alles war. Schließlich kam Helga Erny unter ihrem damaligen Mädchennamen Klein von den Sommerspielen 1952 in Helsinki mit einer Silbermedaille zurück, die sie mit der 4x100-Meter-Staffel gewonnen hatte. Die ehemalige deutsche Rekordhalterin und zweifache deutsche Meisterin, die zuletzt 40 Jahre lang in Leutershausen an der Bergstraße wohnte, starb am vergangenen Mittwoch im Alter von 89 Jahren.

Helga Erny mit ihrer olympischen Silbermedaille aus Helsinki. © Gutschalk
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Bevor die gelernte Näherin, die – am 15. August 1931 geboren – auf der Schönau mit fünf Geschwistern aufwuchs, von der Leichtathletik gepackt wurde, spielte sie zunächst Handball bei der Sportgemeinschaft Mannheim. Innerhalb der SG wechselte sie dann zur Leichtathletik, begann 1948 mit ernsthaftem Training und machte schnell rasante Fortschritte. „Wir trainierten jeden Tag nach Feierabend, meistens im Käfertaler Wald, manchmal auch auf der Aschenbahn“, erinnerte sich Erny anlässlich ihres 85. Geburtstages gerne an die Vergangenheit zurück. „Manchmal denke ich, es war eine schönere Zeit für Sportler als heute, wo so vieles dem Geld unterworfen ist“, sagte sie damals.

Deutscher Rekord in 11,8 Sekunden

Ihr Trainingsfleiß trug auch ohne besondere Sponsoren-Förderung Früchte, denn 1952 verbesserte sie den Deutschen Rekord über 100 Meter, der seit 1935 Bestand hatte. 11,8 Sekunden lief sie damals in Karlsruhe – noch auf einer eher langsamen Aschenbahn und ohne die Hightech-Schuhe oder das knappe Outfit heutiger Tage.

Als gute Kurvenläuferin war sie auch auf den 200 Metern schnell, gewann zwei Deutsche Meistertitel (1952, 1953) und lief deshalb in der olympischen Staffel an Position drei. Beinahe hätte das deutsche Quartett in Helsinki sogar über Gold jubeln dürfen, denn es kam zeitgleich mit den Amerikanerinnen in Weltrekordzeit von handgestoppten 45,9 Sekunden ins Ziel. Doch es gab noch kein Zielfoto und die Vier aus Übersee lagen wohl ein paar – damals nicht messbare – Zentimeter vorn. Also mussten sich Helga Klein und ihre Kolleginnen mit Silber begnügen – was ihre Freude allerdings keineswegs schmälerte. Auf den 200 Metern erwischte sie im Finale die ungünstige Außenbahn und wurde in 24,6 Sekunden Fünfte.

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„Ich bin sehr stolz auf das, was wir erreichten. Aber es waren halt ganz andere Zeiten“, sagte Erny im August 2016. Doch auch sie bekam in ihrer Glanzzeit etwas vom Ruhm zu spüren. Denn sechs Monate nach den Olympischen Spielen heiratete sie 1953 den Metzger Emil Erny. Die Hochzeitsreise verbrachte das noch sehr jung aussehende Paar in einer Odenwälder Pension, in der erst die Vorlage des Familienbuches die Buchung eines Doppelzimmers ermöglichte. Doch als die Wirtsleute erfuhren, dass Helga Erny die Olympiazweite Helga Klein war, wurden sie und ihr Mann ganz besonders verwöhnt.

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