Fußball - Bald ist das Karlsruher Stadion zur Hälfte umgebaut – ein paar Besonderheiten machen das Projekt knifflig

Der neue Wildpark wächst und wächst

Von 
Florian Huber
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Schon jetzt deutet sich an, dass das Wildparkstadion ein Schmuckkästchen wird. © Huber

Karlsruhe. Es hat durchaus seine Vorzüge, dass Karlsruhe das neue Stadion mitten im Wildpark baut – und nicht auf einer grünen Wiese. So zieht es die Einwohner durch die grüne Lunge der Stadt, hin zum Stadion. Zu Fuß. Auf dem Fahrrad. Abends mal kurz hinlaufen. Baustelle schauen ist nicht nur was für kleine Jungs. Irgendwo lugt immer jemand durch die Zäune und versucht, mit dem Handy eine besondere Perspektive einzufangen, dokumentiert, was sich wieder verändert hat. „Man spürt, wie groß das Interesse am Stadionbau ist“, sagt Frank Nenninger, der als Ingenieur und Projektleiter fungiert, aber auch Jurist und Psychologe zugleich sein muss, wie er sagt.

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„Viel Handarbeit“

Das liegt am Konstrukt des Neubaus. Die Stadionexperten von BAM Sports bauen den neuen Wildpark, die Stadt überwacht und bezahlt in Form eines Eigenbetriebs, als Pächter hat aber auch der Fußball-Zweitligist Karlsruher SC Mitsprache. Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis, in dem sich alle Beteiligten bewegen, so manche Vertrags-Streitigkeit und -Auslegung inklusive.

Das Wildparkstadion

  • Seit fast 100 Jahren bietet der Karlsruher Wildpark den Fußballern eine Heimat. Platz für 50 000 Zuschauer bot das Stadion aber erst ab 1955. Damals gehörte es zu den modernsten des Landes.
  • 1978 wurde die Gegentribüne ausgebaut, 1986 kam eine Videoleinwand hinzu. Vor 30 Jahren wurde die Haupttribüne abgerissen. Innerhalb von zweieinhalb Jahren entstand eine neue Haupttribüne mit markantem Dach. Statt der geplanten 22 Millionen Mark kostete sie allerdings 45 Millionen.
  • Nach vielen Diskussionen stimmte der Gemeinderat 2016 für einen Neubau im Wildpark, seit Ende 2018 wird gebaut. Das neue Stadion wird 19 117 Sitzplätze, 9586 Stehplätze für KSC-Fans, 2658 Stehplätze für Gästefans, 103 Rollstuhlplätze und 2694 VIP-Plätze haben. Das ergibt ein Fassungsvermögen von 34 158 Zuschauern.

123 Millionen Euro sind als Kosten veranschlagt, 20 Millionen stehen als Puffer parat, die durch den Karlsruher Gemeinderat bereits genehmigt sind. Jeder Bauherr weiß schließlich: Günstiger als veranschlagt wird es nie. Noch liegen Kosten und Zeitplan im Rahmen der Kalkulation. Ob die Fertigstellung wie erhofft im Sommer 2022 erfolgt, das ist derzeit trotzdem noch offen.

Anders als in Freiburg, wo die neue Arena außerhalb der Stadt entstanden ist, wird das Wildparkstadion bei laufendem Spielbetrieb umgebaut. „Ein Stadion auf die grüne Wiese stellen, das ist einfacher“, sagt Nenninger. Die Kern-Frage beim Bauen im Bestand lautet: Was packe ich wo hin – ohne dass es mir das Bauen erschwert? Die KSC-Geschäftsstelle wanderte aus der Haupttribüne in Container, die Mannschaftskabinen auch. Zwei temporäre Tribünen mussten her. „Diese Provisorien waren die größte Herausforderung“, sagt Nenninger.

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Die neue Osttribüne ist bereits an den Pächter KSC übergeben. Toiletten, Kioske, Eingänge. Alles ist fertig. Ohne viel Schnickschnack, funktional. Fehlen nur noch die Zuschauer. Wegen Corona sind auf der Osttribüne bei Heimspielen nur wenige Medienvertreter und Ordner erlaubt. Immerhin hilft es in Sachen Baustelle, dass nicht alle zwei Wochen 15 000 Fans ins Stadion dürfen. Führungen sind auch nicht möglich. „Noch ist kein Fan vor lauter Sehnsucht eingebrochen“, sagt Nenninger und lacht. An Spieltagen hat der KSC Vorfahrt vor den 70 bis 90 Bauarbeitern: „Man kann dann nicht einfach irgendwo Stromleitungen kappen“, sagt Nenninger.

Im Juni ist dann die Heimat der KSC-Fans bezugsfertig, die Südtribüne mit den Stehrängen. In der Ecke von Süd- und Osttribüne fällt Schritt für Schritt gerade der erste Flutlichtmast. Beleuchtung im Jahr 2021 wird ins Dach integriert.

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Sichtbar geht es voran: Die alte Haupttribüne mit ihrer markanten Dachkonstruktion ist fast vollständig abgebrochen. „Man muss sich das vorstellen, wie wenn ein Koch einen Fisch filetiert“, sagt Nenninger über den Abriss. Nicht nur Glas, Metall, Holz, Asbest und Stahlbeton sorgten für viel Aufwand. „Da war viel Handarbeit dabei.“

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Manchmal geht es aber auch auf einer Großbaustelle tierisch zu: Spezielle Beleuchtungstechnik musste zuletzt herhalten, damit sich die KSC-Fledermäuse nicht an ihrem angestammten Platz unterm Haupttribünendach einnisten, so wie sie es in den vergangenen Jahren gewohnt waren. Sonst hätte der Abriss der Haupttribüne erst im Oktober erfolgen können, der Zeitplan wäre gesprengt gewesen. Die neue Haupttribüne, Nenninger nennt sie das „Herzstück“, wird in den nächsten Monaten in die Höhe wachsen. Noch sieht es von der Osttribüne gegenüber so aus, als ob jemand am Ort der ehemaligen Vereinsgaststätte einen gigantischen Zahn gezogen hätte. Bald steht hier ein Kran. „Der Rohbau wird schnell gehen mit Fertigteilen, der Ausbau mit Haustechnik nimmt dann wieder viel Zeit in Anspruch“, sagt Nenninger.