Religion

Wie der Glaube einen Mannheimer Juden und Muslim verbindet

Es ist eine außergewöhnliche Freundschaft, die die beiden Mannheimer führen: Muslim Ziyad Abdallah und Jude Jürgen Kühn. Was sich die gläubigen Männer für die Zukunft in der Quadratestadt und im Nahen Osten wünschen

Von 
Lisa Wazulin
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Den frommen Juden Jürgen Kühn (links) und den gläubigen Moslem Ziyad Abdallah verbindet vor allem eins: Ihre Religion. © Lisa Wazulin

Mannheim. Wer den beiden Mannheimern Ziyad Abdallah und Jürgen Kühn zum ersten Mal begegnet, merkt direkt: Hier haben sich zwei Gleichgesinnte gefunden – ist eine Freundschaft entstanden, die allen Vorurteilen trotzt. Schließlich sitzen sich ein frommer Jude und ein gläubiger Muslim gegenüber, sagen beide: Es ist unsere Religion, die uns verbindet, nicht trennt.

Dabei stammt der eine, heute Familienvater und promovierter Biotechnologe, aus der geschichtsträchtigen Stadt Nazareth. Die Stadt im Norden Israels gilt heute als Zentrum der palästinensisch-arabischen Minderheit, hier leben viele Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft wie Abdallah, den einst das Studium nach Deutschland gebracht hat.

In Mannheim keine Anfeindungen erlebt

Für den anderen Mannheimer, der als Schulbegleiter regelmäßig mit Grundschulkindern arbeitet, ist die jüdische Identität Teil seiner Persönlichkeit, gehören Kippa und Davidstern genauso zum Leben dazu wie das Gebet und der Besuch in der Synagoge zu hohen Feiertagen.

Wie also haben der 53-jährige Abdallah und der 71-jährige Kühn zueinandergefunden, stehen sie zum Konflikt im Nahen Osten zwischen Israel und Gaza? Wie sehen andere den Muslim aus Nazareth, der als Forschungslaborleiter täglich auch im Labor betet? Wie den gläubigen Juden Kühn, der sich offen gegen die Politik Israels und die „Unterdrückung der Palästinenser“, wie er es nennt, stellt?

Diskriminierung oder Anfeindungen wegen ihres Glaubens haben beide in der Quadratestadt selbst bislang weder im Alltag noch im Job erlebt. Dafür werden beide je nach Nachrichtenlage aber immer mal wieder auf den Israel-Gaza-Konflikt angesprochen – und neugierig gefragt, was sie davon halten. Ihr Motto dabei: Aktiv die Gemeinsamkeiten statt die Unterschiede betonen.

Denn beide Mannheimer sind fest davon überzeugt: Politische Spannungen sind keine religiösen, basieren doch Islam und Judentum auf den gleichen Glaubensgrundsätzen. „Wir sind beide Monotheisten, glauben also an den gleichen Gott, haben die gleichen Stammväter“, sagt Abdallah. „Wie die Bibel und der Koran lehrt die Thora: Man soll nicht stehlen, nicht töten, sich nicht unterschiedlich behandeln und vor allem: andere so lieben, wie sich selbst. Nicht nur die Religion verbindet uns, sondern auch unsere Bräuche“, sagt Kühn.

Ähnliche Tradition und Sprache

Welche genau das sind? Da müssen Abdallah und Kühn nicht lange überlegen: Da wäre zum Beispiel die Beschneidung der Jungen oder die bestimmte Auswahl an Lebensmitteln, die entweder „halal“ (arabisch „erlaubt“) sind in der islamischen Tradition und „koscher“ (hebräisch für „erlaubt“) in der jüdischen Tradition. Aber auch die Sprachen Hebräisch und Arabisch klingen oft gleich, unterscheiden sich die Bezeichnung für das „Ich“ oder das „Du“ in beiden Sprachen kaum. Denn beide gehören der gleichen semitischen Sprachfamilie an. Auch beim Begräbnis gibt es Gemeinsamkeiten: So müssen die Verstorbenen innerhalb von 24 Stunden begraben werden, vorher erfolgt eine rituelle Waschung und danach das Einhüllen in weiße Tücher, erklärt Kühn.

Das gegenseitige Verständnis der beiden Männer füreinander rührt auch aus positiven Begegnungen mit Juden und Muslimen. „Bevor ich nach Berlin zum Studieren gekommen bin, habe ich in Nazareth im Obst und Gemüse-Großhandel gearbeitet. Dabei habe ich viele jüdische Bauern aus Galiläa getroffen. Freundschaftlich mit Juden zusammen zu sein, ist für mich eine völlig normale Sache“, sagt Abdallah, der aber auch zu dieser Zeit, 1987, die erste Intifada miterlebt, den ersten Volksaufstand der Palästinenser gegen die damalige israelische Besatzung in den Palästinensergebieten in Gaza, Westjordanland und Ost-Jerusalem.

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In seiner Freizeit engagiert sich Abdallah in seiner neuen Heimat etwa im Sportverein und erzählt immer gerne den türkischen Jugendlichen dort vom Leben in seiner alten Heimat. Kühn setzt sich als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer für Geflüchtete ein. „Gerade weil ich Jude bin, fühle ich mich verpflichtet, Palästinensern hier zu helfen“, sagt der 71-Jährige.

Berührungsängste mit Muslimen hat Kühn überhaupt nicht, im Gegenteil. Seit vielen Jahren wohnt der gebürtige Ludwigshafener schon in Mannheim, seine engsten Freunde hier sind gläubige Muslime: Wie etwa die türkische Familie, die ihm seine Wohnung vermietet. Auch bei einer geflüchteten Familie aus Syrien ist er ein gern gesehener und geschätzter Gast, besucht Kühn die Familie in Lampertheim regelmäßig. Kennengelernt hat der Jude die Syrer über sein Ehrenamt.

Nachhaltig geprägt hat Kühn wohl auch die eigene Familiengeschichte, wie er erzählt: So flüchten seine Eltern während des Zweiten Weltkriegs nach Frankreich, wo sie zwei Jahre lang von einer arabischen Familie versteckt und versorgt werden. Später verschlägt es die Familie dann nach Ludwigshafen, besuchen sie gemeinsam die Synagoge in Speyer. Und obwohl Mutter und Vater bereits verstorben sind, besucht Kühn bis heute die Synagoge in Speyer statt in Mannheim. Seinen Glauben lebt der 71-Jährige wie Abdallah aber nicht als festes Mitglied einer Gemeinde aus.

Kritische Haltung

Für den palästinensischen Familienvater, der die islamischen Gebote und Verbote praktiziert, wozu auch das Freitagsgebet zählt, ist Kühn ein besonderer Freund: Zwar gäbe es auch viele säkulare Juden, die sich für Palästinenser einsetzen. „Aber hier in Deutschland jemand Gläubigen zu finden, der das auch tut, hat mich überrascht“, gibt Abdallah zu.

Mit seiner kritischen Haltung gegenüber der israelischen Regierung und seinem Einsatz für Palästinenser eckt Kühn bei manchen Gläubigen an, sagt er. Viele würden oft einfach stillschweigend Abstand von ihm nehmen. „Kritik an der Regierung wird immer gleichgesetzt mit der Infragestellung des Staates Israel. Dabei erkennt jeder das Existenzrecht Israels an. Aber das Gleiche soll auch für Palästina gelten.“

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Gleichgesinnte findet Kühn erst in der Mannheimer Nahostgruppe, die den 71-Jährigen später mit Abdallah zusammenbringt. Was sich die beiden für die Zukunft in Mannheim und dem Nahen Osten wünschen? Objektivere Aufklärung, jüdisch-muslimische Jugendgruppen, einen Staat für alle ohne Privilegierte und vor allem eins: „Dass man einfach als Jude oder Muslim aus Mannheim gesehen wird, unabhängig davon, wie man zu Israel oder Palästina steht“, sagt Abdallah.

Redaktion Seit 2018 als Polizeireporterin für Mannheim in der Lokalredaktion.