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Podcast - Kriminalfälle in der Region

Verbrechen im Quadrat: Der vergiftete Muffin

Was geht Ermittlern am Tatort durch den Kopf? Wie laufen Obduktionen und Vernehmungen ab? Wann landen die Fälle am Gericht? In „Verbrechen im Quadrat“, dem Crime-Podcast des „Mannheimer Morgen“, öffnet Gerichtsreporterin Angela Boll gemeinsam mit den Hauptakteuren von damals noch einmal die Akten von Fällen aus der Region.

Von 
Angela Boll
Lesedauer: 
(Symbolbild) © Julia Brinkmann

„Sie wirkten wie eine Bilderbuchfamilie“, der Mannheimer Rechtsanwalt Steffen Kling erinnert sich noch gut an das erste Treffen. Er sollte sich um den Sohn kümmern, der wegen eines Drogendelikts in Thailand inhaftiert war, und nach Deutschland zurückkehren wollte. Die Mutter, die Tochter, deren Ehemann und der Hund – alle lebten damals in einem Haus, nahmen den „verlorenen Sohn“, wie Kling ihn bezeichnet, scheinbar gern wieder auf.

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Jahre später wurde Kling von der Familie wieder zu Rate gezogen. Diesmal sollte er die Tochter vertreten. Die Staatsanwaltschaft warf ihr versuchten Mord vor. Die Frau soll, so hieß es, versucht haben, ihre Mutter zu vergiften. Die Bilderbuchfamilie gab es nun nicht mehr. Und mit der Zeit wurde dem Juristen klar, was passiert war.



Um diesen Kriminalfall, der 2007 die Justiz beschäftigte, und die Familientragödie, die dem Ganzen zugrunde liegt, geht es in einer neuen Folge von „Verbrechen im Quadrat“. Gerichtsreporterin Angela Boll startet damit in die dritte Staffel der True-Crime-Podcast-Reihe des „Mannheimer Morgen“ und rollt nun wieder Verbrechen auf, die in der Region für Aufsehen sorgten. So wie der Mannheimer Fall um den vergifteten Muffin aus dem Jahr 2007. Der damals involvierte Strafverteidiger Steffen Kling sowie der ermittelnde Oberstaatsanwalt Oskar Gattner berichten im Gespräch mit Angela Boll, wie sie die Ermittlungen erlebt haben und welche Abgründe dadurch sichtbar geworden sind.

Samen des Stechapfels im Teig

Es geschah an einem Freitagabend, mit einem Anruf beim Notarzt kam der Stein ins Rollen. Eine Frau erklärte, ihrer Mutter ginge es schlecht, vermutlich habe sie einen Schlaganfall. Im Laufe des Wochenendes stellte sich heraus: Es war kein Schlaganfall. Stattdessen wies die Frau Anzeichen einer Vergiftung auf. Wollte sie sich umbringen? Könnte der Muffin, den sie zuletzt gegessen hatte, etwas damit zu tun haben? Er war von der Tochter gebacken worden – eigentlich als Zeichen der Versöhnung, nachdem man sich monatelang immer wieder gestritten hatte. „Wir wurden montags eingeschaltet“, erinnert sich Oberstaatsanwalt Oskar Gattner, „da bestand schon der starke Verdacht, dass sie durch fremde Hand vergiftet worden sein könnte.“ Tatsächlich ließ das toxikologische Gutachten bald keinen Zweifel mehr. Der Muffinteig war mit den hochgiftigen Samen des Stechapfels angereichert worden. Dennoch: Die 86-jährige Frau, die bei der Einlieferung ins Krankenhaus in einem lebensbedrohlichen Zustand war, überlebte die Giftattacke. Sie musste miterleben, wie ihre Tochter wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft kam.

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Oskar Gattner



  • Oberstaatsanwalt Oskar Gattner war zunächst in der Schwerpunktabteilung für Wirtschaftsstrafsachen beschäftigt, bevor er in die Abteilung für Allgemeine Strafsachen wechselte, dessen Leitung er übernahm.
  • Seit 2018 ist Gattner im Ruhestand, zuletzt ermittelte er im Klinikum-Hygiene-Skandal.

Vor dem Haftrichter traf dann auch Anwalt Steffen Kling seine Mandantin, nahm sich Zeit, um mit ihr allein über den Vorwurf zu reden. „Sie war mir gegenüber schnell geständig. Sagte aber, dass sie ihre Mutter nicht habe töten wollen. Sie wollte die Pflegebedürftigkeit der Mutter herbeiführen, um wieder deren Aufmerksamkeit zu erlangen“, erzählt Steffen Kling im Podcast über die Motivation seiner Mandantin. Er habe damals auch erfahren, dass sich seit der Rückkehr des Sohnes einiges getan hatte. „Seitdem war die Mutter ganz arg auf den verloren geglaubten Sohn fixiert, und zwar in einer Art und Weise, die ihre Tochter verstört hat.“ Das bestätigten auch die Ermittlungen, wie Oskar Gattner erklärt: „Die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern hatten sich erheblich verschlechtert und etwa ein halbes Jahr vor der Tat einen absoluten Tiefpunkt erreicht.“ In den Vernehmungen hatte die Tochter schließlich auch gestanden, die Tat geplant und deshalb Samen des Stechapfels gesammelt zu haben. 18 Körner seien für Kinder tödlich, habe sie im Internet gelesen, sagte sie den Ermittlern. Deshalb habe sie nur acht Samen in den Teig gemischt. „Aber das ließ sich im Nachhinein nicht mehr überprüfen“, bedauert Gattner.

Steffen Kling



  • Der Mannheimer Anwalt Steffen Kling arbeitet seit gut drei Jahrzehnten im Strafrecht. Er hat in vielen spektakulären Verfahren die Angeklagten verteidigt, ist er deshalb aus Radio und Fernsehen bekannt.
  • Im „Muffin-Fall“ vertrat er die Tochter des Opfers, die auch wegen Betrugs verurteilt wurde.

Finanzielle Ungereimtheiten

Die Oberstaatsanwaltschaft geht in der Anklage weiterhin von versuchtem Mord aus, obwohl die Tochter letztlich mit dem Anruf das Leben der Mutter rettete. „Es blieben für mich Zweifel an der Freiwilligkeit“, erklärt Oskar Gattner. Und es kamen weitere Vorwürfe auf, denn die Ermittler stießen kurz vor Prozessbeginn auf finanzielle Ungereimtheiten, stellten fest, dass die Tochter als Chefsekretärin eines Arztes Rechnungsbeträge von Privatpatienten auf ihr eigenes Konto hatte überweisen lassen. Es ging um 350 000 Mark. Einen Vorwurf, den die Frau bald einräumte. „Als der Prozess begann, sah sie sich mit den Scherben ihres Lebens konfrontiert“, das weiß Steffen Kling noch zu gut. Er plädierte auf gefährliche Körperverletzung und das Gericht folgte ihm, Gattner hatte am versuchten Mord festgehalten und zehneinhalb Jahre Haft gefordert. Zu neuneinhalb Jahren wurde die Frau schließlich verurteilt.

Welche Rolle spielt der Wahrheitsgehalt für einen Verteidiger? Glaubt er, was ihm seine Mandanten erzählen, oder spielt das letztlich keine Rolle? Und wie war die Stimmung im Gerichtssaal, als Mutter und Tochter erstmals wieder aufeinander trafen? Kann man seinem Kind einen solchen Angriff verzeihen? Antworten darauf gibt’s ab heute im Podcast „Verbrechen im Quadrat“.

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Redaktion Lokalredakteurin, Gerichtsreporterin, Crime-Podcast "Verbrechen im Quadrat"

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