Beruf

„Mannheimer Morgen“-Zeitungszusteller zeigen ihren Arbeitsalltag

Mitten in der Nacht beginnt der Arbeitstag. Zwei Angestellte berichten von ihren Erlebnissen - von angetrunkenen Partygängern bis zum Besuch auf der Polizeistation

Von 
Vanessa Schmidt
Lesedauer: 
Damit die Zeitung zum ersten Kaffee da ist, stehen die Zeitungszusteller des "MM" früh auf. © Fernando Gutierrez-Juarez / dpa

Mannheim. Seit 1985 trägt Dieter Gotthardt schon Zeitungen für den „MM“ aus. Aber das war nicht immer so. Als Steuermann lebt und arbeitet er vorher auf einem Schiff. Um bei der Familie zu sein, verlässt er die See und sucht an Land einen neuen Job. Er fährt einige Zeit Lkw, betreibt eine Videothek - und geht schließlich bei einem Bekannten mit, der Zeitungen austrägt. „Mit der Videothek bin ich kaum über die Runden gekommen, also habe ich das aufgegeben. Beim Zeitungsaustragen habe ich als Aushilfe angefangen.“

Zustellung der Zeitung mit dem Auto

Mittlerweile trägt der 75-Jährige sechs Mal die Woche gemeinsam mit seiner Frau Zeitungen in Mannheim aus - und das in neun Bezirken. Unter anderem in den Quadraten, in der Neckarstadt, in Wallstadt und in Feudenheim. Damit jeder rechtzeitig zum Frühstück seine Zeitung parat hat, muss das Paar schnell sein und ist deshalb mit dem Auto unterwegs.

Dany Kitchen arbeitet erst seit 15 Monaten als Zeitungszusteller. Er verdient sich mit dem Mini-Job etwas neben seiner Rente dazu. Dafür trägt er nachts um 2 Uhr auf und verteilt rund 100 Zeitungen in seinem Bezirk Ilvesheim. © Michael Ruffler

Beim Fahren gibt es im Auto von Gotthardt klare Regeln. „Das Radio bleibt aus, das habe ich mir von Anfang an angewöhnt“, sagt er bestimmt und fügt eine Erklärung an: „Wenn laut Musik aus dem Auto schallt, ist es für manche vielleicht zu laut. Da wir nachts unterwegs sind, müssen wir leise sein.“

Eine App hilft beim Planen

Die im Vergleich zu anderen Berufen verschobenen Arbeitszeiten machen Gotthardt nichts aus. „Auf dem Schiff musste ich auch manchmal rund um die Uhr arbeiten. Deshalb sind die Arbeitszeiten beim Austragen gar kein Problem.“ Um 1 Uhr nachts beginnt der Tag für den 75-Jährigen und endet gegen 6 Uhr morgens. Und wie geht es danach für ihn weiter? „Ich frühstücke und lege mich wieder hin. Abends bin ich auch nicht lange wach. Ich schaue die Nachrichten und danach erreicht man mich eher nicht mehr“, erzählt er und lacht.

Auch Dany Kitchen geht nach der Arbeit noch mal schlafen. Er hat eine Weile gebraucht, um sich an die Arbeitszeiten zu gewöhnen. „Ich habe mit einer Schlaf-App nachgeschaut, wann ich am besten aufstehe, damit ich nicht mitten im Tiefschlaf bin“, sagt er. Das war vor 15 Monaten. Bis zu seiner Rente hat der 57-Jährige bei einer Krankenkasse gearbeitet. Für den Ruhestand suchte er dann nach einem Mini-Job und entschied sich schnell für das Zustellen - aus einem ganz bestimmten Grund.

„Meine Frau macht das seit 30 Jahren, also kannte ich die Tätigkeit schon.“ Im Unterschied zu Gotthardt trägt Kitchen nicht zusammen mit seiner Frau aus, sondern kümmert sich sechs Tage die Woche selbstständig um seinen Bezirk in Ilvesheim. Dafür steht er um 2 Uhr nachts auf und ist eine Stunde später wieder zuhause. Rund 100 Zeitungen hat er dann zu Fuß verteilt.

Kreative Lösungen, um nicht zum Briefkasten zu laufen

Bei Gotthardt sind es am Ende der Nacht 600 Exemplare. Das war nicht immer so. „Früher waren 1000 bis 1200 Zeitungen nichts und in einem Haus hat man in sehr viele Briefkästen eine Zeitung eingeworfen.“ Mittlerweile gibt es an diesen Anschriften viel weniger Zustellungen. Gotthardt hat eine Vermutung, woran das liegt. „Die jungen Leute holen sich ihre Infos online.“

Dieter und Amnay Gotthardt tragen auch in den Quadraten aus. © Thomas Tröster

Gotthardt selbst liest die Print-Ausgabe des „MM“ jeden Tag. Vor vielen Jahren war er schon mal im Blatt. „Damals ist ein Reporter beim Austragen mitgefahren“, erinnert er sich. „Wir waren unter anderem in den Quadraten unterwegs. Dort hat eine alte Frau im letzten Stock ganz oben gewohnt. Kurz bevor sie schlafen gegangen ist, hat sie mir immer ein Seil mit einer Tüte heruntergelassen, wo ich dann die Zeitung reingepackt habe. So musste sie nicht ewig die Treppe runterlaufen.“

Nächtlicher Besuch auf der Polizeistation

Und noch ein Erlebnis ist Gotthardt in Erinnerung geblieben. In einer Januarnacht legte er unfreiwillig einen Zwischenstopp bei der Polizei ein. Allerdings nicht wegen sich. „Ich habe Zeitungen bei einem Wohnblock in Feudenheim ausgetragen und musste dazu hinter das Haus. Und da gab es auch einen Spielplatz.“ Und eben dort spielten in dieser kalten Winternacht zwei Kleinkinder. „Ich schätze, das eine war vielleicht ein Jahr, das andere drei Jahre alt. Eines rannte sogar in Windeln herum“.

Da die beiden Kinder nicht angeben konnten, wo sie wohnen, brachte Gotthardt sie auf die Wache. Dort stellte sich schnell heraus, dass die zwei in der Nacht zum Spielen ausgebüxt waren. „Ich habe dann in der Zeitung gelesen, dass sie wieder wohlbehalten zurück zur Mutter gebracht werden konnten.“

Mehr zum Thema

Selbsttest

Was die Service-App der Stadt Mannheim kann und was (noch) nicht

Veröffentlicht
Von
Steffen Mack
Mehr erfahren
Verteilung offiziell beendet

Fehlende Abfallkalender: Mehr als 500 Beschwerden bei der Stadt Mannheim

Veröffentlicht
Von
Steffen Mack
Mehr erfahren
Feudenheim

Streit um Buga-Parkplätze in Feudenheim: Verkehrsministerium soll helfen

Veröffentlicht
Von
Peter W. Ragge
Mehr erfahren

Morgens treffen die Zusteller auf Feierwütige

Von einer ungewöhnlichen Begegnung anderer Art berichtet wiederum Zusteller Kitchen. „Nach der Abifeier in Feudenheim ist man einigen Jugendlichen über den Weg gelaufen, die wohl ihren Rausch ausgeschlafen haben“, erzählt er. Eine Gefahr waren die für den Zusteller nicht. „In Feudenheim gibt es allerdings ein paar Häuser, wo man einige Stufen hochgehen muss. Im Winter rutscht man da auch schon mal aus“, sagt wiederum Gotthardt.

Mitarbeiter gesucht

  • Die Zeitungszusteller des „MM“ sind beim Pressedienst Kurpfalz (PDK) tätig, der wiederum wie die Verlagsgruppe der Mediengruppe HAAS angehört. Das Zustellgebiet umfasst dabei 871 Bezirke in Mannheim, Heidelberg, im Rhein-Neckar-Kreis und in Teilen der Bergstraße, heißt es auf der Webseite des PDK.
  • Zustellungsende ist werktags um 6 Uhr morgens, bis dahin müssen die Printausgaben an alle Haushalte verteilt sein. Hierfür gibt es als Startpunkt sogenannte Abladestellen, witterungsbeständige Übergabepunkte, wo die Zeitungen angeliefert und von den Zustellern vor dem Austragen abgeholt werden.
  • Der PDK sucht dabei stets nach Arbeitskräften. Weitere Informationen zum Arbeitgeber und zur Bewerbung gibt es online unter www.pdk.de/Zusteller.de

Kalte Temperaturen in den Wintermonaten oder Regen sind vermutlich ohnehin für jeden Zusteller eher lästig. „Und wenn die Zeitung dann doch etwas nass wird, egal was man versucht, ärgert man sich als Zusteller darüber“, meint Gotthardt. Zusteller Kitchen sieht in widrigen Wetterbedingungen noch etwas anderes. „Da geht es dann wirklich um die Zuverlässigkeit in diesem Beruf, dass man bei jedem Wetter aufstehen muss.“

Zufrieden mit ihrer Jobwahl als Zusteller sind die beiden Männer trotzdem. Gotthardt hat für seinen Ruhestand aber dennoch ganz konkrete Pläne und freut sich darauf: „Ich arbeite noch so lange, bis meine Frau in Rente gehen kann, und dann soll es für uns beide endlich ins Warme nach Thailand gehen.“

Volontariat