Boxen

Ludwigshafener Boxer Ahmad Ali will Geschichte schreiben

Aufgewachsen ist er zwischen Drogen und Kriminellen. Am Samstag aber greift der 33-Jährige Ahmad Ali in der Friedrich-Ebert-Halle nach dem EM-Titel im Superweltergewicht. Er wäre der erste Europameister aus Ludwigshafen

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Markus Mertens
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Der Ludwigshafener Boxer Ahmad Ali bereitet sich im Frankenthaler Tonus Gym auf seinen Europameisterschaftskampf am Samstag vor. © Markus Mertens

Ludwigshafen. Der Weg in die Profikarriere war für Ahmad Ali kein geradliniger. In Ludwigshafen-Oggersheim in einem sozialen Milieu zwischen Kriminalität und Drogenkonsum aufgewachsen, war das Boxen für den heute 33-Jährigen eine der wichtigsten Konstanten. Dennoch hätte er seinen Sport mehrfach fast aufgegeben. Wenn der Profi am Samstag bei der Fightnight in der Friedrich-Ebert-Halle gegen Felice Moncelli um den Europameisterschaftstitel der International Boxing Federation (IBF) im Superweltergewicht boxt, weiß er, dass er sich diese Chance aus eigenen Kräften hart erarbeitet hat, denn: „Jeden Stein, der vor mir lag, habe ich selbst aus dem Weg geräumt.“

Doch von vorn. Denn der jüngste Sohn der Familie Ali ist gerade neun Jahre alt, als er in der Trainingstasche seines größeren Bruders die Kickbox-Ausrüstung sieht - und unbedingt einmal mitgenommen werden will. Zuerst winkt die Familie ab, bis der kleine Ahmad schließlich doch einmal zur Probe mittrainieren darf - und schnell vom Boxen begeistert ist. Die Geschwindigkeit, die Disziplin und der körperliche Ausdruck faszinieren den Jugendlichen - und werden ihm gleichzeitig zur Stütze im Alltag.

Die großen Brüder als Vorbilder

Denn während große Teile seines Freundeskreises vor allem durch Einbrüche, Schlägereien und Drogenkonsum von sich reden machen, dreht Ahmad Ali bei der Vereinigten Turnerschaft Frankenthal täglich seine Runden im Ring und bewahrt sich so vor Dummheiten. „Hätte ich den Sport in dieser Zeit nicht gehabt, wäre ich jetzt vermutlich wie viele Leute, mit denen ich heute abgeschlossen habe, im Knast“, stellt Ali im Gespräch mit dieser Redaktion unmissverständlich klar und ist stolz, sich anders entschieden zu haben. Dazu hätten ihn nicht zuletzt auch seine größeren Brüder motiviert, die vieles wollten - aber keine schlechten Vorbilder sein.

Ahmad Ali

  • Ahmad Ali wurde am 29. Dezember 1988 in Ludwigshafen am Rhein geboren.
  • Der Superweltergewichtler ist 1,74 Meter groß und gab sein Debüt als Profiboxer am 5. November 2016.
  • Von insgesamt 18 Profikämpfen hat Ali bislang 17 gewonnen, davon 11 durch Knockout.
  • Bis 2022 arbeitete Ali neben seiner Karriere noch als Fertigungsmechaniker bei Mercedes Benz in Mannheim.
  • Bei der Fightnight in der Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen am Samstag kämpft Ahmad Ali um den Europameisterschaftstitel der IBF gegen Felice Moncelli.
  • Der Kampf ist eine Revanche, im Mai hatte Ali seinen italienischen Gegner in Offenbach nach Punkten geschlagen.
  • Das feste Ziel des Ludwigshafener Boxers ist ein Weltmeisterschaftskampf in seiner Gewichtsklasse bis 69,9 Kilogramm.

Ahmad Ali absolviert seine ersten Amateurkämpfe, beginnt bei Mercedes in Mannheim als Fertigungsmechaniker zu arbeiten - und wählt somit die doppelte Maloche. Zuerst früh am Morgen die Schicht mit Stahlkappenstiefeln und Schweißgerät, abends in Bandagen und Boxhandschuhen am Sandsack. Wenn man Ali heute auf diese frühe Zeit anspricht, nennt er sie die „Killer-Zeit“, die Kräfte kostete und den jungen Mann auch fast um seinen Sport gebracht hätte. Denn nach diversen Brüchen an Jochbein, Kiefer und Knie war der Ludwigshafener Bu kurz davor, seine Profi-Ambitionen an den Nagel zu hängen.

Bis ein guter Freund 2015 einen Trip nach Los Angeles organisiert, wo sich der populäre Boxer Denis Lebedew damals gerade auf einen Titelkampf vorbereitet. Ali trainiert in der gleichen Gruppe, ist körperlich damals zwar nicht ganz auf der Höhe, kann boxerisch aber mithalten und leckt plötzlich wieder Blut. Ein Wendepunkt.

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Am 5. November 2016 gibt Ali gegen Rafael Lesniak in Plettenberg sein Debüt und fährt direkt seinen ersten Sieg ein. Doch neben dem Kampf im Ring folgt für Ahmad Ali auch der Kampf um die eigene Perspektive. Für sechs weitere Jahre geht der bodenständige Ludwigshafener zumindest an drei Tagen pro Woche noch seiner normalen Arbeit nach, will finanziell auf eigenen Beinen stehen und sich dennoch als Profi durchsetzen. Anstatt feiern zu gehen und mit seinen Freunden Kaffee zu trinken, entwickelt Ahmad Ali mit Günther Dreher im Tonus Gym in Frankenthal einen individuellen Athletik-Fahrplan, arbeitet an Kondition, Ausdauer und Schlaghärte - und bekommt dabei selbst seine Familie oft kaum zu Gesicht.

Ahmad Ali: „Ich gehe durch den Dreck“

Wenn der 33-Jährige im Gespräch sagt, „Ich gehe durch den Dreck“, meint er genau diesen ebenso harten wie extremen Spagat zwischen der Leidenschaft für den Sport, den Willen zum Siegen und die Notwendigkeit, als Mensch sozial weiter zu funktionieren. Eine Herausforderung, die den Faustkämpfer bis an die Grenzen und fast darüber hinaus geführt hätte. Bis er Anfang des Jahres in Augsburg Laszlo Bekö kennenlernt. Per Zufall ergibt es sich, dass Ali Bekö und seine Frau mit seinem Auto zu einem Box-Event mitnimmt. Während der Fahrt kommen die beiden ins Gespräch, wenige Wochen später sind die beiden Manager und Schützling. Denn Bekö ermöglicht seinem neuen Zugpferd nicht nur, sich komplett von seiner bisherigen Arbeit bei Mercedes freistellen zu lassen, sondern organisiert seinem Boxer auch in Rekordzeit den ersten Titelkampf der IBF. Eine Chance, die Ahmad Ali unbedingt nutzen will: „Es gibt bisher keinen Box-Europameister aus dieser Stadt - ich will der erste werden. Ich will Box-Geschichte schreiben!“

Die Chancen dafür stehen jedenfalls nicht schlecht. Denn Alis Gegner ist der Italiener Felice Moncelli, den der Mann aus Ludwigshafen bei wesentlich schlechterer Vorbereitung bereits im Mai in Offenbach nach Punkten schlug. Langfristig will sich Ahmad Ali in seiner Gewichtsklasse freilich die WM-Krone aufsetzen - doch bis zu dieser Chance will er am Samstag erst einmal mit einem klaren Sieg seine Eintrittskarte zu höheren Aufgaben lösen. „Ich kann es kaum erwarten“, sehnt der 33-Jährige schon jetzt den ersten Rundengong herbei.

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