Edingen: Minister Hauk besucht Direktvermarkter

Von 
Hans-Jürgen Emmerich
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Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) im Hofladen des Obsthofes Schneider in Edingen. © Hans-Jürgen Emmerich

Klasse statt Masse, Frische direkt vom Hof und gläserne Produktion : Das vereint alle vier landwirtschaftlichen Betriebe, die der zuständige Landesminister Peter Hauk am Mittwoch besucht hat. Aus geplanten eineinhalb Stunden werden am Ende mehr als zwei, und das nicht nur, weil sich der Fahrer von Hauk kurzzeitig in die Neue Bahnhofstraße in Neu-Edingen verirrt, anstatt die Bahnhofstraße in Edingen anzusteuern. Wenn Hauk mit den Landwirten im Gespräch ist, findet er so schnell kein Ende.

Edingen-Neckarhausen Bauern setzen auf Direktvermarktung

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Die Tour auf Einladung seiner Parteifreundin und Wahlkreisabgeordneten Julia Philippi beginnt auf dem „HelDenHof“ in Edingen. Hier wartet Helmut Koch, Gemeinderat der Unabhängigen Bürgerliste (UBL-FDP/FWV) bereits auf den Gast. Koch ist in vierter Generation Landwirt, hat schon vor Jahren eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit seinem Sohn Dennis gegründet und den Betrieb dann einfallsreich „HelDenHof“ genannt, wobei Hel für Helmut und Den für Dennis steht.

„Hier ist der letzte Misthaufen im Ort“, erzählt unter Hinweis auf die Masthähnchen, die er in der Grenzhöfer Straße noch hält. Schweine, Kühe, Bullen, Hühner: „Früher waren hier an jeder Ecke Tiere“, sagt Koch. Doch die meisten sind längst ausgesiedelt. Als er die Hühner in mobilen Ställen unterbringen wollte, musste er erst einmal um eine Baugenehmigung kämpfen. „Das ist nur in Baden-Württemberg so“, reibt er dem Minister unter die Nase, doch der reicht den schwarzen Peter an seinen grünen Koalitionspartner weiter: „Da müssen Sie sich beim Umweltminister bedanken.“

„Im Ort ist alles zu klein“

„Fast kein Bauer kann heute noch von der Landwirtschaft leben“, stellt Koch fest. Dass es ihm und seiner Familie schon seit 1900 gelingt, liegt vor allem an seiner Fähigkeit zum Wandel. Anfang der 1990er Jahre hat er auf Direktvermarktung umgestellt, 1995 in eine neue Halle im Außenbereich investiert, 2000 dort ein Haus gebaut, 2004 dann einen Schweinestall. „Wir müssen hier raus, weil alles zu klein geworden ist“, verkündet Sohn Dennis neue Pläne. „Wir sind mit Leidenschaft Landwirte und wollen die Landwirtschaft an die Menschen bringen“, fügt er hinzu. Doch man lege ihnen immer wieder Steine in den Weg.

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Als jüngstes Beispiel nennt er den Bau des Radschnellwegs, der die Expansionspläne des Betriebes behindern könnte. Und weil die rechtzeitige Früherkennung des Geschlechts von Küken verboten werde, stapelten sich künftig die Hähne, klagt Dennis Koch. Es sei „ökologischer Nonsens“, diese mästen zu müssen, stimmt ihm Hauk zu. Die männlichen Küken könnten aussortiert werden, noch bevor sie schlüpfen, doch der Tierschutz gehe inzwischen vor dem Menschenschutz, wettert Hauk und nennt das Thema Abtreibung im gleichen Atemzug. Helmut Koch lässt ihn nicht gehen, ohne ihm Kostproben seines Hochprozentigen mitzugeben. „Wir sind das einzige Land, das eine Brenner ausbildung hat“, sagt der Minister stolz. Kosten wird er den Schnaps allerdings erst nach Ostern: „Heute ist Aschermittwoch, und die Fastenzeit beginnt.

In der Straße Am Bildstock bewundert er wenig später den Regiomaten von Bettina Izzo, der rund um die Uhr selbst gemachte Marmelade, Quittensaft und andere Produkte des eigenen Betriebes und von Partnerunternehmen anbietet. Zusammen mit ihrem Partner Georg Schneider junior betreibt sie neuerdings auch einen kleinen Laden in Ilvesheim. Ein wenig Fachsimpelei mit der jungen Jägerin, und schon geht es für Hauk in die Nachbarschaft zu Georg Schneider Senior.

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Der CDU-Altgemeinderat geht nach einer Knie-OP an Krücken, freut sich aber trotzdem schon auf den September, wenn er den 100. Geburtstag des Betriebes feiern kann. Die Marketing-Strategie um den Apfelsaft Stiefkind und den Tag und Nacht geöffnete Hofladen findet Hauk „toll“.

Schweinestall mit Schlossblick

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Letzte Station ist der Bauernhof Koch in der Bahnhofstraße. Auch er hat sich längst auf Selbstvermarktung konzentriert. Doch seine Festscheune liegt wegen Corona schon fast ein Jahr brach, und die gerade fertiggestellten Ferienwohnungen darf er ebenfalls nicht an Urlauber vermieten. „Und die Bank bucht jeden Monat die Kreditraten ab“, sagt Holger Koch. Aufgeben kommt trotzdem nicht in Frage. Gerade baut er mobile Ställe, um dorthin demnächst seine schwäbisch-hällischen Schweine auszusiedeln – mit Blick aufs Heidelberger Schloss.

Redaktion Aus Leidenschaft Lokalredakteur seit 1990, beim Mannheimer Morgen seit 2000.