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Schloss Linderhof - die erste Liebe des Märchenkönigs Ludwig II.

Linderhof ist das kleinste der drei legendären Märchenschlösser des verträumten Königs von Bayern – aber auch das einzige, das zu seinen Lebzeiten vollendet wurde und in dem sein Bauherr auch wirklich wohnte

Von 
Konstantin Groß
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Mischung aus Barock und Rokoko, französischer Stil mit bayerischem Einschlag: Frontfassade von Schloss Linderhof, dem ersten der drei Märchenschlösser von König Ludwig II. © Konstantin Groß

Juni 2022 – nicht gerade ein idealer Zeitpunkt für den Besuch von Schloss Linderhof. Denn der G7-Gipfel im nahen Elmau steht bevor. Bereits im Vorfeld daher Polizeikontrollen an allen Zufahrtsstraßen, beim Ereignis selbst ist auch die B 2 komplett gesperrt – für die 42 Begleitfahrzeuge umfassende Wagenkolonne von US-Präsident Joe Biden. Abschottung total.

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Diese Abgeschiedenheit, sie hätte dem Bauherrn von Linderhof gefallen. Ludwig II. errichtet seine Schlösser ja gerade deshalb in den Bergen (Neuschwanstein) oder auf einer Insel (Herrenchiemsee). Linderhof sticht im Vergleich zu diesen beiden Märchenschlössern heraus: das kleinste, das erste und das einzige, das zu Ludwigs Lebzeiten fertig wird. Und das, in dem er sich am häufigsten aufhält, das er auch bewohnt. Und nicht nur ihm gefällt es: Vor Corona werden pro Jahr so um die 500 000 Besucher gezählt.

Schon sein Vater Max liebt das hiesige Graswangtal als Jagdrevier. Mitte des 19. Jahrhundert lässt er ein Bauernhaus zum Jagdsitz umbauen. Ludwig kennt die Ecke also seit seiner Jugend. Am 18. September 1865 notiert er denn auch in seinem Tagebuch: „O wie innig werth und lieb ist er mir geworden, der Linderhof.“

Der Park von Schloss Linderhof – einer der schönsten seiner Epoche. © Konstantin Groß

Kurz nach seiner Thronbesteigung 1864 plant er daher an diesem Standort sein erstes Schloss. Es soll an Byzanz erinnern oder an Versailles. Doch der Platz setzt Grenzen. Am Ende wird alles eine Nummer kleiner, ein Bau nach Vorbild der französischen Lustschlösser Ludwigs XIV. wie etwa Marly. Zu diesem Zweck wird die Jagdhütte seines Vaters um drei Räume erweitert. „Majestät möchten, den kleinen Anbau am Häuschen des Linderhofes herstellen zu lassen“, lautet seine Anweisung vom 30. September 1870. Die dem Brief beigefügte Skizze konkretisiert die Idee.

Logistische Herausforderung

Doch was auf dem Papier schnell gelingt, dauert in der Realität seine Zeit – riesige Erdbewegungen in topographisch schwierigem Gelände und in alpinem Klima mit Wintern, die diesen Namen noch verdienen.

„Mit dem Anbau könnte es viel rascher gehen“, klagt Ludwig im Oktober 1870: „Treiben Sie unausgesetzt, damit der Termin eingehalten wird“, ordnet er die Fertigstellung für Dezember an. Doch die gelingt nicht. „Ich kann Ihnen nicht schildern“, schreibt er am 12. Dezember 1870 nach einem Baustellenbesuch, „wie unangenehm es war, als ich mich davon überzeugen musste, dass soviel wie gar nichts geschehen ist.“

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Daher läuft es hier wie später auch auf den anderen Schlossbaustellen: „Die Maler malten Tag und Nacht, fielen erschöpft von den Leitern und Gerüsten“, schreibt Ludwig-Biograf Ludwig Merkle. Um die Arbeiter dennoch bei Laune zu halten, führt der König in Linderhof die Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle ein.

Im Sommer 1871 ist das Projekt fertig. Doch da hat Ludwig schon eine neue Idee, einen weiteren Anbau. Sein heutiges Aussehen erhält das Schloss 1874 mit einer steinernen Fassade im Rokokostil. Denn was man ihm nicht ansieht: Es ist aus Holz konstruiert, mit Putz nur verkleidet.

Nun aber stört das kleine Jagdhaus. Vor lauter Sentimentalität lässt Ludwig es jedoch nicht einfach abreißen, sondern um 200 Meter versetzen. Doch nun fehlt ein angemessener Zugang. Er folgt in Form eines Vestibüls mit Treppenhaus. Ludwig schmückt es mit einer bronzenen Reiterstatue Ludwigs XIV. und an der Decke mit einem Sonnenhaupt und dem Schriftband „Nec Plurisbus impar“ (Auch Vielen gewachsen), der Devise Ludwigs XIV. – alles Zeichen seiner Verehrung für Frankreich.

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Dennoch: Im Gegensatz zu Herrenchiemsee, das eine einzige Hommage an Ludwig XIV. ist, wird Linderhof noch ein Mix aus Barock und Rokoko, französischem Stil mit bayerischem Einschlag. Nicht zufällig gestalten Kulissenmaler der Münchner Theater die Innenräume. Ludwig selbst macht dafür die Vorgaben, bis in Details. Eine Venusfigur etwa muss verändert werden, denn Seine Majestät „fanden die zusammengebundenen Haare zu köchinnenhaft“.

Linderhof ist das einzige Schloss, das Ludwig wirklich bewohnt. Mitte der 1870er Jahre ersetzt es die ungeliebte Münchner Residenz als Hauptwohnsitz, nur im Frühsommer von Schloss Berg abgelöst.

Informationen für Besucher

Lage: Schloss Linderhof liegt im Graswangtal, nahe der Gemeinde Ettal, bekannt durch sein Kloster.

Anfahrt: über die Autobahn A 95 und die Bundesstraße B 2 nach Oberau. Dort der Beschilderung folgen zur B 23/Ettaler Straße Richtung Ettal. Nach Ettal links abbiegen auf die Staatsstraße ST 2060. In Linderhof rechts abbiegen zum Schloss.

Parken: 550 Stellplätze vorhanden (gebührenpflichtig). Vom Parkplatz zur Kasse 250 Meter/10 Prozent Steigung, von dort bis zum Schloss 400 Meter/12,5 Prozent Steigung.

Öffentliche Verkehrsmittel: Anreise mit der Bahn (nächstgelegener Bahnhof: Oberammergau, Fahrplan unter www.bahn.de). Von Oberammergau mit dem Bus 9622 weiter nach Linderhof (Busfahrpläne unter www.rvo-bus.de).

Öffnungszeiten: täglich mit Ausnahme 1. Januar, Faschingsdienstag, 24., 25. und 31. Dezember. Von April bis 15. Oktober 9-18 Uhr, von 16. Oktober bis März 10-16.30 Uhr. Im Winterhalbjahr sind die Gebäude im Park mit Ausnahme der Jagdhütte geschlossen.

Besichtigung: Das Schloss kann nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden. Sie dauert etwa 25 Minuten.

Einschränkungen: Seit 2015 wird das Schloss umfassend saniert, allen voran die legendäre Grotte. Diese Attraktion kann daher bis 2024 nicht besichtigt werden.

Eintritt: regulär 10 Euro, Ermäßigung zum Beispiel bei Vorlage eines Schwerbehindertenausweises. Kartenverkauf vor Ort April-15. Oktober: täglich 8.30-17.30 Uhr; 16. Oktober-März: täglich 9.30-16 Uhr. Oder online unter www.schlosslinderhof.de. -tin

Der größte Raum auf Linderhof ist das königliche Schlafzimmer in Anlehnung an das der französischen Könige. Das Bett abgetrennt durch eine Barriere, hinter dem die Höflinge in Versailles die erste und letzte Audienz des Tages (Lever und Coucher) verfolgen. Doch diesem Vorbild eifert der Bayer nicht nach, ist die Vorstellung ihm doch ein Graus, in Anwesenheit anderer Menschen aufzustehen oder zu Bett zu gehen.

Oder auch nur zu speisen. So gibt es hier ein Tischleindeckdich, einen versenkbaren Tisch, der im Untergeschoss gedeckt, dann hochgefahren wird und Ludwig beim Speisen die Anwesenheit des Personals erspart. Doch obwohl wie geschaffen für den Eremiten, daher ebenfalls in Herrenchiemsee installiert, ist es doch nicht seine Erfindung. Ludwig XV. nutzt es in mehreren seiner Schlösser.

Der König speist in Linderhof fast immer alleine. Seine Tischgefährten existieren nur in seiner Fantasie – auf den lebensgroßen Porträts an den Wänden. Natürlich Ludwig XV., Madame Pompadour oder Marie Antoinette, aber auch junge Herren wie der schöne Herzog von Sachsen.

Blick direkt auf die Kaskade – diesen genießt Ludwig aus seinem Bett. © Konstatin Groß

Ursprünglich will Ludwig neben dem Schloss ein großes Theater errichten. Am Ende wird es eine Nummer kleiner: im Park des Schlosses eine künstliche Tropfsteinhöhle mit See und Wasserfall, die Venus-Grotte aus dem Tannhäuser. Eine Kulisse als Erlebnisraum, die es dem König ermöglicht, Teil des Bühnengeschehens zu werden, wenn er nachts auf dem goldenen Muschelkahn der Liebesgöttin über das Wasser gleitet.

Die Grotte besteht aus einem Eisengerüst, überzogen mit Zement und Muschelkalk, drei Meter tief und mit einer Wellenmaschine ausgerüstet. Ihre 24 Dynamomaschinen sind das erste fest installierte Kraftwerk der Welt. Wenn Ludwig die Grotte besucht, wird das Ganze auf 25 Grad vorgeheizt. Schwäne werden eingelassen. Und das Licht wechselt nach festem Programm: von Rot, der Farbe der Venus, zu Blau, wie in der Grotte zu Capri. Dennoch ist alle Anstrengung vergebens. Opernaufführungen wird es hier nie geben: Die Akustik ist für solchen Ariengesang ungeeignet.

Wunderschöner Park

Außen entsteht einer der schönsten Parks seiner Epoche in Deutschland, denn er vereinigt Elemente des französischen Barock und des englischen Landschaftsgartens. 1876 erwirbt Ludwig dafür von dem pleite gegangenen Eisenbahnunternehmer Barthel Heinrich Strousberg den Maurischen Kiosk, einen Bau mit Zinkgusswänden und vergoldeter Kuppel.

Im gleichen Jahr entsteht die Hundinghütte, bei Kriegsende 1945 einem Feuer zum Opfer gefallen, 1990 neu erreichtet. Hierher zieht Ludwig sich zurück, wenn ihm altgermanisch zu Mute ist. Die gewaltigen Trinkhörner zeugen von Gelagen mit jungen Lakaien bei flackerndem Kaminfeuer auf Bärenfellen, von Meister-Regisseur Visconti 1972 in seinem Ludwig-Filmepos mit Helmut Berger vieldeutig inszeniert.

Linderhof ist auch Ausgangspunkt von Ludwigs legendären Ausfahrten in die nächtliche Schneelandschaft der Alpen, von denen Generationen noch berichten werden. Auf dem von vier Schimmeln gezogenen Schlitten tragen goldene Putten die – dank einer damals modernen elektrischen Batterie – erstrahlende Königskrone.

„Sicher kein vorbildlicher König, aber im Vergleich zu anderen doch ziemlich liebenswert“, urteilt Publizist Frank Widmayer: „Alle Könige haben ihre Untertanen unendlich viel Geld gekostet. Die meisten haben es in endlosen Kriegen verpulvert. Ludwig hat es für seine Schlösser ausgegeben. Und uns damit etwas hinterlassen, an dem sich heute unsere Fantasie entzünden kann.“

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