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Kurzgeschichte (mit Podcast)

"Ein Ozean mit Booten" von Nora Antonic

Es gibt die tatsächlichen realen Kriege, und es gibt die anderen, die im Kopf. Von einem solchen erzählt die Gewinnerin des Jugendwettbewerbs. Die Familie ist hierbei der zweite Handlungsort des Konflikts - und das Opfer ist der Bruder der Ich-Erzählerin.

Von 
Nora Antonic
Lesedauer: 
Blurred hospital hallway, unfocused background. © istock

Um mich herum ist alles kalt. In mir drin ist alles kalt. Kalt. Kalt. Kalt.

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Der Boden unter meinen Füßen ist blau. Blau. Blau. Blau.

Ich sitze hier seit Ewigkeiten, wahrscheinlich ist mir deshalb so kalt, aber der Boden hat seine Farbe die ganze Zeit nicht verändert. An ihm kann man gar nicht sehen, dass ich schon die ganze Nacht dasitze. Seit gestern Nachmittag.

Ich habe nichts gegessen, nicht geschlafen. Ich hebe meinen Blick und sehe auf die Uhr, die an der gegenüberliegenden Wand hängt. Es ist fünf Uhr in der Früh. Mein Vater läuft vor mir auf und ab. Es macht mich nervös, deshalb senke ich meinen Blick wieder.

Der Boden unter meinen Füßen ist blau. Blau. Blau. Blau.

Heute Abend wird er auch noch blau sein. Heute Abend, morgen Abend, in einem Jahr, in 13 Jahren.

Blau für immer.

Aber dann werde ich nicht mehr hier sitzen. Dann haben sie die Hoffnung sicher schon aufgegeben und wir sitzen alle zuhause.

Ich höre die Schritte meines Vaters in meinem Ohr.

Tap. Tap. Tap.

Er trägt noch seine Arbeitskleidung, so schnell ist er hierhergekommen.

Mama sitzt auch nur. Sie läuft nicht. Nein, sie hat sich seit acht Stunden nicht bewegt. Mit geschlossenen Augen hat sie ihren Kopf an die Wand gelehnt. Es sieht ungemütlich aus. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie ist über die Warterei eingeschlafen, aber ich weiß es besser.



Das ewige Blau unter meinen Schuhen fängt an, mich an einen Ozean zu erinnern. Vielleicht habe ich auch einfach nur Schlafmangel. Aber ich habe das Gefühl, der Boden bewegt sich, er schlägt Wellen, und meine Schuhe fahren wie Schiffe darauf. Und ich, ein kleiner, großer Mensch, versuche, auf diesen beiden Schiffen auf dem Ozean zu balancieren.

Es ist kein so leichtes Vorhaben, weil der Ozean, windbewegt, wie er ist, ein tückischer Boden ist. Aber ich kann gut balancieren, ich sitze ja. Im Sitzen kann jeder gut balancieren.

Ob in meinem Ozean wohl auch Fische sind? Ich fokussiere meine müden Augen auf die Höhen und Tiefen in der Farbe auf dem Boden.

So spontan kann ich es nicht sagen. Ich sehe keine Fische, aber das muss ja nicht heißen, dass da keine sind.

Aber wieso gucke ich überhaupt nach Fischen?

Das hier ist ein Krankenhaus. Ich sitze auf einem Stuhl.

Und der Boden unter meinen Füßen ist blau. Blau. Blau. Blau.

Mein Vater fragt, ob meine Mutter einen Kaffee trinken möchte, er würde einen holen.

Sie antwortet nicht, vielleicht schläft sie ja doch.

Ich sage Ja. Für sie, für mich, jemand wird den Kaffee schon trinken.

Mein Vater tigert los, ich kann seinen Blaumann schön von hinten beobachten.

Blau. Ob darin wohl auch Fische sind? Er biegt ab und ich kann es nicht mehr auskundschaften.

Ich gucke wieder zu der Uhr. Ich gucke ihren Zeiger an. Wie er tickt. Tickt. Tickt. Tickt. Im Kreis herum und herum.

Ich höre meine Mutter neben mir leise atmen, was gut ist.

Die lange Zeit, in der ich nichts getan habe, tut mir nicht gut.

Nicht gegessen, nicht getrunken, nicht geschlafen, nicht gesprochen, nichts gemacht.

Mein Gehirn ist sicher ganz vertrocknet, wie eine Wüste.

Ich frage mich, wann wir nach Hause können.

Ich frage meine Mutter nicht.

Die Autorin Nora Antonic

  • Autorin: Mein Name ist Nora Antonic, ich bin am 18. März 2007 hier in Mannheim geboren worden, und so bin ich quasi eine gebürtige Mannheimerin. In meiner Freizeit könnte ich auf keinen Fall ohne viel Musik, gutes Essen, viel und vor allem vielfältige Literatur und natürlich einem Stapel einsatzbereiter Notizbücher überleben.
  • Preise: Mit ihrer Kurzgeschichte „Sonnengelb“ hat Nora Antonic bereits 2021 den Jugendpreis bei Erzähl mir was gewonnen. Insgesamt hat Antonic bereits 13 Literaturpreise erhalten.

Zwölf Stunden sitzen wir schon hier. Und solange habe ich auch schon das Glück, den Boden nach Fischen absuchen zu dürfen.

Sehr schön. Sehr blau.

Ich frage mich, wann wir essen können.

Ich frage meine Mutter nicht.

Ich glaube, sie trauert schon. Ich trauere noch nicht. Ich bin zu müde, um zu trauern. Oder um irgendetwas anderes zu tun, außer mir den Boden zu besehen.

Mein Vater kommt zurück, in der Hand drei Kaffee.

Niemand will den dritten, aber ich nehme ihn auch noch.

Endlich setzt mein Vater sich auch und läuft nicht mehr auf und ab wie vorher.

Wir trinken zusammen den Kaffee. Ich höre meinen Bauch schon protestieren, weil er so lange nichts gegessen hat und nichts getrunken und jetzt Kaffee bekommt, den er gar nicht will.

Aber ich ignoriere das, weil mir auch einiges passiert, das ich nicht will. Da muss er jetzt durch, der Magen.

Irgendwas tropft auf den Boden. Ich glaube, mein Magen weint.

Jetzt wird der Ozean mit meinen Tränen genährt.

Eine Schwester läuft an uns vorbei, hektisch und lässt irgendwo eine Tür offen.

Deshalb können wir jetzt das Radio laufen hören.

Im Radio geht es um Krieg.

Ich will es nicht hören und sehe auf den blauen Boden, mit meinen Schuhen als Schiffe und versuche wieder auf ihnen zu balancieren, aber diesmal falle ich herunter.

In das kalte Wasser der Nachrichten.

Ich klinge so mitleidlos, in meinem Kopf, aber der Krieg, er interessiert mich nicht.

Wir haben unseren eigenen Krieg.

Nora Antonic und "MM"-Kulturchef Stefan Dettlinger bei der Podcast-Aufnahme. © Julia Brinkmann

Und der wird gerade noch ausgetragen, deshalb warten wir. Da haben wir nicht die Aufmerksamkeit, noch anderen Kriegen zuzuhören. Wie egoistisch ich klinge.

Um mich herum ist alles kalt. In mir drin ist alles kalt. Kalt. Kalt. Kalt.

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Der Boden unter meinen Füßen ist blau. Blau. Blau. Blau.

Ich bewege meine Füße so auf ihm, als wären es Schiffe.

Meine Gedanken wiederholen sich. Sie werden von Mal zu Mal schneller, wollen die Wände meines Kopfes sprengen, hinter sich lassen.

Das macht sicher der Kaffee.

Ich höre meinen Magen rumoren. Mein Vater hört es auch und nimmt mir den zweiten Papierbecher mit Kaffee aus der Hand, bevor ich den auch noch trinken kann.

Meine Mutter bleibt regungslos.

Ich sehne mich nach Kuchen. Oder nach frischem Wasser.

Meerwasser ist unter meinen Füßen. Aber meine Füße sind keine Füße, sondern Schiffe. Oder, von der Größe her, eher Boote.

Mein Schnürsenkel ist auf, bemerke ich, aber ich lasse ihn. Seil über Bord.

Ich glaube, wenn man so lange hier sitzt und sich nicht bewegt, dann wird man verrückt.

Soll er doch tot sein.

Diesen Gedanken möchte ich gerne wieder auslöschen, aber ich kann nicht.

Gedacht ist gedacht.

Aber Gedanken sind leise, damit sie niemand hören kann.

Und ich möchte wirklich gerne nach Hause fahren.

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Aber ich frage meine Mutter nicht.

Ich frage meinen Vater nicht.

Ihn kann ich nicht mehr fragen. Vielleicht.

Deshalb frage ich mich selbst.

Ich finde es fast ironisch, dass ich nicht einmal mehr seinen Namen denken möchte.

Als wäre er jemand Fremdes. Obwohl, vielleicht ist er das jetzt auch.

Ich zerdrücke den leeren Kaffeebecher in meiner Hand.

Ich wackle mit meinen Booten.

Ich knacke meinen Nacken.

Die Menschen, die meine Eltern sind, verhalten sich reglos.

Ich wäre gerne auch so reglos, aber das bin ich nicht. War ich noch nie. Er meinte immer, ich habe ADHS. Jetzt meint er vorerst gar nichts mehr.

Nicht mal das Wort Bruder mag ich mehr denken.

Als hätte er irgendwas beschmutzt, aber ich weiß nicht was.

Wir haben jetzt 6 Uhr, und das Radio hinter der Tür, die immer noch niemand geschlossen hat, erzählt wieder vom Krieg.

Wieder ist es mir egal. Außerdem, so fällt mir jetzt auf, bin ich zu egoistisch, um zu bemerken, wie egoistisch ich wirklich bin.

Ich spüre, wie kalt mir ist.

Um mich herum ist alles kalt. In mir drin ist alles kalt. Kalt. Kalt. Kalt.

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Der Boden unter meinen Füßen ist blau. Blau. Blau. Blau.

Und dann kommt jemand, um uns zu erlösen.

Es ist ein älterer Mann, und in meinem ausgedörrten Gehirn denke ich sofort an das Patriarchat.

Meiner Mutter neben mir scheint in den Sinn zu kommen, dass ja nicht sie fast am Sterben ist, und sie schreckt hoch.

Mein Vater verschüttet etwas Kaffee.

Ich bin reglos.

Er sagt, was wir seit zwölf Stunden wissen, aber nicht wahrhaben wollten. Er ist tot.

Jetzt bin ich ein Einzelkind, denke ich noch. Ein Einzelkind, das versucht auf zwei Booten zu balancieren.

Ich frage mich, ob wir jetzt nach Hause gehen.

Und dann fangen die Menschen, die meine Eltern sind, an zu weinen. Beide und sie wollen, dass wir uns so komisch zu dritt umarmen, aber ich gucke nur den Arzt an.

In mir drin ist es ganz heiß.

Ist es Wut?

Ist es Schmerz?

In mir drin wird es ganz kalt.

Mein Bruder ist gestorben. Ich will weinen, aber ich bin zu erschöpft. Ich kann nicht weinen.

Der Arzt entfernt sich leise.

Das Radio ist nicht so diskret. Es redet immer noch vom Krieg. Wir haben 6.04 Uhr.

Mein Bruder hat seinen Krieg ausgefochten. Jetzt ist hoffentlich Frieden.

Als wir im Auto zurückfahren und das Krankenhaus hinter uns langsam kleiner wird, denke ich noch, was für einen Krieg es gegeben haben muss, dass man mit 23 an einer Überdosis stirbt.

Aber was sind schon Krieg und Frieden für dämliche Kategorien.

Der Boden unter meinen Füßen ist nicht mehr blau. Nicht blau. Nicht blau. Nicht blau.

Um mich herum ist alles kalt. In mir drin ist alles kalt. Kalt, kalt, kalt.

Aber nicht so kalt wie er jetzt ist.

Ich gucke nach draußen. Aber der Himmel über mir ist blau. Blau. Blau. Blau.

Das Blau geht weiter. Das Leben geht weiter.

Lebewohl.

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