Corona-Krise - Berufsgenossenschaft stellt Proficlubs bei Beitragszahlungen individuelle Stundungsmöglichkeiten in Aussicht – aber das geht vielen nicht weit genug Ein erstes Hilfsangebötchen

Von 
Marc Stevermüer
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Mannheim. Die besonders unter der Corona-Krise leidenden Proficlubs in Deutschland können mit einem ersten kleinen Entgegenkommen der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) bei der Beitragszahlung für die gesetzliche Unfallversicherung rechnen. Normalerweise müssen die Beiträge für das Jahr 2019 bis zum 15. Mai 2020 gezahlt werden.

Die Rhein-Neckar Löwen müssen auch für Handball-Nationalspieler Uwe Gensheimer Beiträge an die VBG zahlen. © Sörli binder
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Nun sollen „individuell höhere Beitragsstundungen beantragt werden können“. Sofern die Situation für den jeweiligen Verein existenzgefährdend sei, „werde dies berücksichtigt bis hin zur längerfristigen, kompletten Beitragsstundung“, teilte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) auf Anfrage dieser Redaktion mit. Die VBG hatte zuvor schon eine 50-prozentige Stundung und anschließende monatliche Ratenzahlungen von jeweils zehn Prozent der Beiträge bis zum 15. Oktober 2020 angeboten.

Die VBG

  • Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) ist eine der größten Träger der gesetzlichen Unfallversicherung in Deutschland und für den Sport zuständig. Sie steht unter Aufsicht von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil.
  • Die VBG bietet nach eigenen Angaben knapp 1,2 Millionen Mitgliedsunternehmen aus über 100 Branchen mit über zehn Millionen versicherten Arbeitnehmern Sicherheit.
  • Zu den Mitgliedsunternehmen gehören neben den Vereinen und Gesellschaften aus dem Sport unter anderem auch Banken, Versicherungen, Zeitarbeitsunternehmen, Ingenieur- und Architekturbüros, Rechtsanwaltskanzleien, Kirchen.
  • Der Mitgliedsbeitrag berechnet sich nach dem Bruttoarbeitsentgelt der Versicherten, den aktuellen Beitragsfüßen und der Gefahrklasse, zu der das Unternehmen nach dem Gefahrtarif der VBG veranlagt ist.

Brief der Ligen an Minister

Die deutschen Spitzenligen im Fußball, Handball, Eishockey und Basketball forderten zuletzt allerdings deutlich mehr: einen Teilerlass der Beiträge und eine Stundungsmöglichkeit bis zum 15. Dezember 2021. Das geht aus einem auf den 9. April datierten Schreiben hervor, das dieser Redaktion vorliegt und das an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil adressiert ist, weil die VBG unter der Aufsicht des Ministers steht.

Das Dokument wurde von Fritz Keller (Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Vertreter der 3. Liga und von fünf Regionalligen), Christian Seifert (Geschäftsführer Deutsche Fußball Liga, Vertreter der 1. und 2. Liga), Frank Bohmann (Geschäftsführer Handball-Bundesliga, Vertreter der 1. und 2. Liga), Gernot Tripcke (Geschäftsführer Deutsche Eishockey Liga) und Stefan Holz (Geschäftsführer Basketball-Bundesliga) unterzeichnet. In ihrem Brief heißt es: „Die unter unserem Dach organisierten Vereine und Gesellschaften benötigen zwingend die branchenbezogene, zinslose und ratenfreie Stundung der Beiträge zur gesetzlichen Unfallversicherung 2019 (fällig ansonsten am 15. Mai 2020) bis mindestens zum 15. Dezember 2021.“ Die Verfasser halten zudem einen „zumindest teilweisen Erlass der Forderungen für unbedingt geboten“.

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Das BMAS teilte auf Anfrage mit, dass es nach Eingang des Schreibens zu einem Gespräch zwischen allen Beteiligten gekommen sei. Zudem verwies das Ministerium auf die schon vor dieser Unterhaltung eröffneten Möglichkeiten seitens der VBG (50-prozentige Stundung, anschließende monatliche Ratenzahlungen von jeweils zehn Prozent der Beiträge bis zum 15. Oktober 2020). „Dabei handelt es sich um ein pauschales Angebot, das ohne Antrag in Anspruch genommen werden kann. In dem Gespräch beim BMAS wurde von der VBG klargestellt, dass darüber hinaus individuell höhere Beitragsstundungen beantragt werden können. Sofern die Situation für den jeweiligen Verein existenzgefährdend ist, werde dies berücksichtigt bis hin zur längerfristigen, kompletten Beitragsstundung“, sagte ein Sprecher des BMAS dieser Redaktion und ergänzte außerdem: „Im Gegenzug werden die Sportverbände kommunikativ unterstützen, dass Vereine, denen es wirtschaftlich möglich ist, auf die pauschale 50-Prozent-Stundung verzichten und aus Gründen der Solidarität mit den ärmeren Vereinen sofort den vollen Jahresbeitrag leisten.“

Von einem teilweisen Erlass der Beiträge oder einer Stundung bis Dezember 2021, wie von den Unterzeichnern des Briefes an den Minister ursprünglich gefordert, ist aber bislang weiterhin keine konkrete Rede. Die Ligen warten deshalb auf ein schriftliches Angebot, was genau unter den „individuell höheren Beitragsstundungen“ zu verstehen ist. Die meisten Clubs sehnen ohnehin einen Teil-Erlass herbei, da sie ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. In der Handball-Bundesliga (HBL) müssen die Top-Vereine zwischen 500 000 und 700 000 Euro an die VBG überweisen, was selbst für Krösus THW Kiel (etwa 9,5 Millionen Euro Etat) oder die Rhein-Neckar Löwen (geschätzte 7,5 - 8 Millionen Euro) nicht unerheblich ist. Die Gesamtforderung gegenüber allen HBL-Clubs in 1. und 2. Liga beläuft sich nach Informationen dieser Redaktion auf etwa zehn Millionen Euro. Dem gegenüber stehen die seit Anfang März fehlenden Zuschauereinnahmen wegen der Corona-Pandemie. Diese Ausfälle sind für sämtliche Clubs in allen Sportarten außerhalb der 1. und 2. Fußball-Bundesliga kaum kompensierbar.

Ärger über Erhöhung

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Umso größer ist deshalb auch der Ärger, dass die VBG-Bescheide noch mit einer Erhöhung des Beitragsfußes versehen sind. Für die HBL-Clubs stieg dieser nach Informationen dieser Redaktion im Schnitt um etwa 18 Prozent. Für die 20 Vereine der 3. Fußball-Liga bedeute die Erhöhung eine Steigerung der Forderungen „von vormals 11,7 Millionen Euro auf nunmehr 13 Millionen Euro“, heißt es in dem Schreiben der Sportfunktionäre um DFB-Boss Keller an den Bundesminister. In dem Brief ist von einer Verschärfung der Situation die Rede, die zuvor schon von der VBG eröffneten Möglichkeiten der Stundung und Ratenzahlung würden außerdem der „Situation in keiner Weise gerecht“.

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Die VBG begründete die Beitragserhöhung mit dem Rückgang des wirtschaftlichen Wachstums im vergangenen Jahr, steigenden Kosten im Gesundheitssystem und höheren Rentenleistungen. Es halten sich aber auch Gerüchte, dass die Berufsgenossenschaft selbst Liquiditätsengpässe habe. Bestätigt wurde das vom BMAS nicht.

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft