Uni-Klinikum - „Steri“-Aufbereitung nach der Hygieneaffäre komplett erneuert / Aufsichtsbehörde bescheinigt fachkundiges Personal und zertifiziertes Qualitätsmanagement Nach Hygieneskandal um OP-Besteck: Was hat sich am Mannheimer Klinikum verändert?

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Waltraud Kirsch-Mayer
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Fabian Holzwarth steht an einer Hightech-Spülmaschine und sortiert gereinigte Endoskope: Beim Aufbereiten von chirurgischem Instrumentarium ist jeder Arbeitsschritt digital hinterlegt. © Thomas Rittelmann

Mannheim. Mehr als sechs Jahre ist es jetzt her, dass die Hygieneaffäre das Universitätsklinikum in eine schwere Krise stürzte. Während das düstere Kapitel als medizinisch bewältigt gilt, steht jetzt die juristische Aufarbeitung bevor: An diesem Montag, 22. Februar, beginnt vor dem Landgericht der Prozess gegen den einstigen Geschäftsführer Alfred Dänzer wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Medizinproduktegesetz. Der „MM“ ging der Frage nach, was sich seit dem turbulenten Herbst 2014 beim Sterilisieren von OP-Instrumentarium getan hat.

Hygieneaffäre: Mannheim kein Einzelfall

  • Seit der Hygieneaffäre kooperiert das Uni-Klinikum beim Aufbereiten von OP-Instrumentarium mit Orgamed, einer Betriebsgesellschaft für Zentralsterilisationen. Der Fachdienstleister stellt auch Personal.
  • Regierungspräsidien kontrollieren, ob Medizinprodukte wie OP-Instrumente, aber auch Beatmungsapparate keimfrei gereinigt und desinfiziert werden.
  • Nicht nur im Mannheimer Klinikum kam es 2014 zu Beanstandungen. In den Jahren davor mussten in München zwei Kliniken ihre „Steri“-Abteilungen stilllegen, im August 2015 galt dies für ein Karlsruher Hospital. Auch im Heidelberger Uniklinikum monierten Kontrolleure Mängel.
  • Laut Gesetz dürfen Medizinprodukte „nicht betrieben und angewendet werden, wenn sie Mängel aufweisen, durch die Patienten, Beschäftigte oder Dritte gefährdet werden können“. Es drohen Geld- und Haftstrafen. wam
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Veraltete Geräte und unzureichend geschultes Personal hatte das Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe erstmals 2007 beanstandet. Dass sich dies inzwischen grundlegend geändert hat, bestätigt die Kontrollbehörde auf Anfrage und teilt mit, dass die Universitätsmedizin Mannheim (UMM) ein zertifiziertes Qualitätsmanagement aufgebaut hat und für „Steri“-Mitarbeiter gesetzlich geforderte Nachweise für Sach- und Fachkunde vorlegt. „Es finden regelmäßige Fortbildungen statt, über die sich das Regierungspräsidium informieren lässt“, schreibt die Aufsichtsbehörde. UMM-Mediziner Christoph Klein, der den Geschäftsbereich „zentrale klinische Einrichtungen“ leitet, ergänzt: „Es ist nicht nur komplett umgebaut worden, wir haben auch alle Geräte ausgetauscht.“

In Schutzkleidung – von Gummiclogs bis zur Haarhaube – dürfen Journalistin und Fotograf eine der beiden Einheiten für die Sterilgutversorgung besichtigen. Dort landen OP-Instrumente, die mehrfach im Einsatz sind: Zangen, Endoskope oder Einsatzarme des chirurgischen Roboterassistenten „Da Vinci“. Skalpelle gehören hingegen zu den stets nur einmal benutzten Wegwerfprodukten.

Umhüllendes Spezial-Vlies

Beim Rundgang erläutert Leitungskraft Toralf Heinrich, in welchen Schritten benutztes Medizingut aufbereitet wird: Bei der Vorreinigung – dafür werden Scharnierbestecke wie Fasszangen zerlegt – entfernen Mitarbeiter mit Hilfe von Bürsten, Dampfstrahlern und Ultraschall klebrige Anhaftungen wie getrocknetes Blut. Danach folgen Säubern und Desinfizieren in einer speziellen Hightech-Spülmaschine. Nach dem Trockenvorgang werden die Instrumente im „reinen“ Teil der Einheit unter der Lupe kontrolliert, auf Funktionstüchtigkeit überprüft und mit Pflegemitteln behandelt. Je nach OP-Packliste kommen Scheren, Haken und Co. als sortierte Sets in Siebbehältnisse. Als schützende Umhüllung dient ein Vlies, das für Keime undurchlässig ist, aber Dampfsterilisation ermöglicht. Für hitzeempfindliche Werkstoffe gibt es ein besonderes Steri-Verfahren mit Temperaturen unter 60 Grad.

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Einst übliche Papierlaufzettel und handschriftliche Listen gehören der Vergangenheit an. Alles läuft digital ab. An jeder Station prangt ein Rechner mit Bildschirm. „Sämtliche Arbeitsschritte und Handlungsanweisungen sind abrufbar hinterlegt“, erläutert Christoph Klein. Weil jede Kraft die von ihr ausgeführten Vorgänge mit persönlichem Code dokumentiert, kann nachverfolgt werden, wer wann wie an der Aufbereitung eines Instrumentes beteiligt war. Toralf Heinrich: „Dadurch ist der Kreislauf einer Sterilisation transparent.“ Noch gibt es für diesen Medizinbereich kein anerkanntes Berufsbild. Quereinsteiger von der Arzthelferin über den Lagerlogistiker bis zum Maurer absolvieren Lehrgänge mit Prüfungen. „Wir haben in jeder Schicht mindestens eine Kraft mit der höchsten Fachkunde drei“, schildert Klein.

Inzwischen Chefsache

Als der Klinikmanager und Anästhesist Hans-Jürgen Hennes Anfang 2019 an der UMM die Medizinische Geschäftsführung übernahm, war die Sterilgutversorgung bereits zur Chefsache erklärt und direkt der Doppelspitze zugeordnet worden. Hennes sieht den hochtechnisierten, aber gleichwohl sensiblen Bereich als „einen kontinuierlichen Prozess von Verbesserungen“ in Absprache mit Aufsichtsbehörden – auch mit dem Gesundheitsamt. Das Regierungspräsidium bestätigt „engen Kontakt“ , der genutzt werde, „praktische Probleme möglichst vorausschauend zu lösen“. Während die Kontrollbehörde 2015 in kurzen Abständen auch unangekündigt im Klinikum auftauchte, hat sie ihre Inspektionsintervalle schrittweise verlängert und ab 2019, wie sie mitteilt, auf einmal jährlich reduziert. Die Frage, ob es bei den inzwischen regelhaften Besuchen Anlass zu fachlicher Kritik gegeben habe, beantwortet eine RP-Sprecherin: „Beanstandungen bewegten sich in dem Rahmen, welcher auch bei vergleichbaren Einrichtungen vorzufinden ist.“

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Info: Weitere Bilder unter morgenweb.de/mannheim

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