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 Bistum Speyer Sexueller Missbrauch: Speyerer Generalvikar sieht Existenz der Kirche gefährdet

Von 
Stephan Alfter
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Beten allein hilft jetzt nicht mehr: Die katholische Kirche steht vor großen Herausforderungen. © istock

Speyer. Radikale Wende oder Zeit gewinnen? Wie geht es weiter nach dem Bekanntwerden des Skandals im Bistum Speyer, in dem sich ein einziger hochrangiger geistlicher namens Rudolf Motzenbäcker in den 60er und 70er Jahren hundertfach an Heimkindern vergangen hat (wir berichteten mehrmals ausführlich)? Konrad O. (63 Jahre alt, Name von der Redaktion geändert), der heute in Südhessen lebt, hat es sich für den Rest seines Lebens zur Aufgabe gemacht, auf sein Schicksal hinzuweisen. Im Fokus seiner Geschichte stehen neben Motzenbäcker die Niederbronner Schwestern, denen er die Hauptschuld zuschreibt.
Ohne das Mitwirken dieser Heimleiterinnen wären diese Untaten nicht möglich gewesen, sagt er. Sie hätten quasi als Zuhälterinnen des Geistlichen gearbeitet. Doch wie blickt das Bistum jetzt auf die vor ihm liegenden Aufgaben? Immerhin haben sich über Weihnachten erneut weitere Betroffene gemeldet, die aber nach Darstellung des unabhängigen Missbrauchsbeauftragten Ansgar Schreiner nichts mit dem Kinderheim Engelsgasse am Dom in Speyer zu tun haben.

In einem 60-minütigen Gespräch mit dieser Redaktion hat Andreas Sturm, als Generalvikar quasi der Ministerpräsident des Bistums Speyer, nun wenige Tage vor der Jahrespressekonferenz am heutigen Mittwoch, massive Versäumnisse in der Aufarbeitung des beispiellosen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche auch und vor allem in Speyer eingeräumt und damit letztlich einen Paradigmenwechsel gefordert. Er plädiert nach den jüngsten Veröffentlichungen für eine Art Sonderermittler in Sachen Missbrauch, der aber nicht im Auftrag der Kirche arbeiten dürfe.
„Uns nimmt doch niemand mehr ab, dass wir ehrlich aufklären. Also braucht es externe Menschen, die das für uns tun“, formuliert Sturm. "Ich bin bereit, alles Material zur Verfügung zu stellen, das wir haben." Für den Fall, dass die Aufarbeitung nicht gelingen sollte, prognostiziert der Generalvikar einen existenziellen Reputationsverlust. Wörtlich: „Dann braucht uns niemand mehr als Kirche.“

Fragt man junge Erwachsene heute nach ihren Erfahrungen mit Kirche, so assoziieren viele mit einem katholischen Prieser ganz selbstverständlich „Missbrauch“. Eine Generation, die quasi schon fast ohne Kirche lebt. Wie findet das ein Generalvikar, der Kirche ja in der Mitte der Gesellschaft sehen möchte?

Muss der Zölibat weg?
In einer Deutlichkeit, die bisher in den Führungsgremien der katholischen Kirche in Deutschland nur selten zu hören ist, stellt Andreas Sturm gegenüber dieser Redaktion sogar den Zölibat in Frage, also das Versprechen der Geistlichen, sexuell enthaltsam zu leben und nicht zu heiraten. Das haben zuletzt zwar schon andere geäußert. Aber in der katholischen Kirche, das weiß Sturm, tobt ein Kampf über diese Frage, der noch lange nicht entschieden ist. Konservative Kräfte wie der Regensburger Bischof Rudolf Vorderholzer stehen zum Zölibat und sagen öffentlich, dass er „vielleicht noch nie so wichtig war wie heute“. Der im Zusammenhang mit dem Missbrauchsumgang in die Kritik geratene Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki lehnt Ausnahmen vom Zölibat in der Tendenz klar ab.
Aber: Ist der unterdrückte Sexualtrieb überhaupt verantwortlich dafür, dass seit 1946 knapp 3700 Minderjährige von 1670 Klerikern sexuell missbraucht worden sind, wie eine Mannheimer MHG-Studie im Jahr 2018 dokumentierte.

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Harald Schlumpp ist sich da recht sicher. Der Hockenheimer Gastronom war in den 80er Jahren während seiner Ausbildung zum Ordensbruder mal kurz davor, sein Leben dauerhaft Jesus Christus zu verschreiben. Schlumpp bekennt sich zu seiner Homosexualität und erinnert sich an einige Nächte mit den Mitbrüdern. Seine vorsichtige Schätzung: „80 Prozent hatten Sex mit anderen Männern oder auch mit Frauen.“ Nicht menschliche, sondern unmenschliche Neigungen lebte dagegen der Speyerer Prälat Motzenbäcker in den 60er Jahren aus.

Wiesemann muss passen
Das noch nicht in allen Dimensionen bekannte Ausmaß von Vergewaltigungen und Sexpartys in den Reihen und Räumen der Speyerer Kirche hat nicht nur Sturm erschüttert, sondern auch Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Er sieht sich an diesem Tag zu einem Gespräch mit über die Vorgänge psychisch nicht in der Lage und schickt Sturm ins Feuer. Der drückt aus, dass ihm in all den Jahren in seinem Umfeld kein Missbrauch begegnet sei. Kritiker, etwa ein ehemaliger Mitarbeiter des Speyerer Ordinariats, der mit Missbrauchten und Opferverbänden in Kontakt ist, aber nicht genannt werden möchte, glaubt den Beteuerungen und Aussagen des Bistums nicht. Da werde weiter vertuscht und verschwiegen, sagt der Mann, der angibt, weiter mit einstigen Kolleginnen in Kontakt zu stehen und daher seine Informationen zu beziehen. Noch ist ein klarer neuer Weg insofern nicht zu erkennen. Am Mittwoch ist Pressekonferenz.

 

Redaktion Reporter in der Metropolregion Rhein-Neckar