Beliebtheit von Sprachen

Bildungsbegriff verwässert

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Zum Debattenbeitrag „Hängt der Umgang mit Menschen von deren Muttersprache ab, Frau Grjasnowa?“ vom 14. März:

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Frau Grjasnowas Behauptung, es gäbe in Deutschland eine Hierarchie im Beliebtheitsgrad von Sprachen, die abzielt, Menschen aus dem türkischen, kurdischen oder arabischen Sprachraum zu benachteiligen, ist hanebüchener Unsinn. Vielmehr herrscht in Deutschland seit mindestens 20 Jahren vor Frau Grjasnowas Geburt ein Narrativ vor, Fremdsprachenkenntnisse seien äußerst erwünscht, um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu bleiben.

Eine Spezifizierung gab es diesbezüglich noch nie. In den Nachkriegsjahren wurden viele unverheiratete deutsche Frauen und ein paar Witwen von der amerikanischen Besatzungsmacht angestellt, Freude an der Sprache gab’s damals nicht. Eine wie immer auch geartete kulturelle Rezeption auch nicht. Respekt vor den Frauen, die aus der Besatzungszeit heraus sich in Arbeitsverhältnisse fügen mussten, schon gar nicht.

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Debatte am Wochenende

Gastbeitrag von Olga Grjasnowa: Hängt der Umgang mit Menschen von ihrer Muttersprache ab?

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Von
Olga Grjasnowa
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Die Kombi von Schulenglisch, Schulfranzösisch und großem Latinum plus Altgriechisch hat spätestens seit den geburtenstarken Jahrgängen ab 1962 völlig ausgedient; selbst mit einem angehängten geistes- und/oder sprachwissenschaftlichem abgeschlossenen Magisterstudiengang ging damals sehr wenig und heute noch weniger. Deutschland dürfte vor, während und vermutlich auch nach jeder weltzerschmetternden Katastrophe immer noch den absoluten Spitzenplatz unter den sogenannten Erste-Welt-Ländern einnehmen, das Irrelevanz von und Indifferenz gegenüber jedweder sprachlicher oder bildungsaffiner Kompetenzen überaus ernst nimmt und sogar aus dem Grundgesetz herleitet.

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An besseren Welt basteln

Die Liste der Sprachen, die als kulturtragende identitätsstiftende lernens- und lehrenswerte zivilisatorischen Errungenschaften verachtet werden, umfasst sicher mehr als Türkisch, Kurdisch, Arabisch, Paschtu, Urdu, Polnisch, Russisch, Neugriechisch und Hochdeutsch und viele andere. Vermutlich ausnahmslos alle. Dies hat allerdings weit weniger mit einem kulturellen Unbehagen gegenüber der einen oder anderen Sprache zu tun, sondern mit dem Fakt, dass in Deutschland eine brutalkapitalistische Ideologie herrscht, in der jeglicher Bildungsbegriff bis zur Unkenntlichkeit verwässert und alle Sprachkompetenz dem Erreichen unternehmensspezifischer Ziele untergeordnet ist.

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Die Bemühungen seitens der vielgescholtenen Lehrkräfte, sich immer wieder in einem kontrollierten öffentlichen Raum um eine gemeinsame Sprache zu kümmern, würde ich als Einladung werten, in Deutschland mit Gleichgesinnten an einer besseren Welt zu basteln. (von Hilde Bäuschlein, Mannheim)