Wo Mutter Teresa zu Gast war

Vor 60 Jahren wird im Mannheimer Süden die katholische Kirche St. Theresia geweiht. Architektonisch gilt sie weltweit als Kleinod. Eine weitere Besonderheit ist 1986 der Besuch einer Frau, die 30 Jahre später heiliggesprochen wird.

Von 
Konstantin Groß
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Die katholische Kirche St. Theresia vom Kinde Jesu im Mannheimer Ortsteil Pfingstberg. In diesen Tagen jährt sich die Weihe des international renommierten Bauwerks zum 60. Mal. © Thomas Tröster

Es ist eine Begegnung, die man nie vergisst. Am 12. Juli 1986 steht der Autor dieses Beitrages ihr gegenüber: Einer Frau, ihm gerade bis zum Hals reichend, in schlichtem, weißen Sari, zierlich, fast zerbrechlich, gebeugt und mit tiefen Furchen im Antlitz, geprägt vom Alter und der Last, die die Pflege von Kranken und Sterbenden in einem Slum einem Menschen abverlangt. Es ist Mutter Teresa, „Engel der Armen von Kalkutta“ und Trägerin des Friedensnobelpreises, inzwischen, 2016, heiliggesprochen.

Die Kirche St. Theresia vom Kinde Jesu in Mannheim-Pfingstberg

Der Altarraum (Chorraum), 28 Meter breit und elf Meter tief, hat die Form einer Linse. Gegenüber und seine gebogene Form aufnehmend liegt der Besucherbereich (Laienraum), 39 Meter lang und 17 Meter breit.

Diese Gestaltung hat zur Folge, dass auch der am weitesten gelegene Sitzplatz nur 17,5 Meter vom Altar entfernt ist. Die zehn Bankreihen haben einen halben Meter Gefälle, so dass von nahezu jedem der 500 Sitzplätze Sicht auf den Altarraum besteht.

1965 erhielt die Kirche eine Orgel mit 25 Registern, verteilt auf zwei Manu-ale und Pedal mit 1900 Pfeifen. 1961 wurden vier Glocken geweiht, die größte 25 Zentner schwer, die kleinste sieben Zentner.

Seit dem Jahr 2001 ist die Gemeinde Teil der Seelsorgeeinheit Mannheim-Süd, deren Leiter (derzeit Pfarrer Lorenz Seiser) im Pfarrhaus St. Antonius in Kern-Rheinau wohnt.

Gottesdienst in St. Theresia Mittwoch und Samstag jeweils um 18 Uhr. Unter Corona-Bedingungen ist die Besucherzahl begrenzt. Daher vorherige Anmeldung telefonisch oder per Mail notwendig. -tin

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Doch der Ort dieser Begegnung ist keiner der christlichen Prachtbauten, der Dom zu Speyer oder zu Köln; nein, es ist die kleine katholische Gemeinde St. Theresia Pfingstberg-Hochstätt im Süden Mannheims, deren Kirche vor genau 60 Jahren, am 29. Januar 1961, geweiht wird. Der legendäre Besuch – er ist Höhepunkt der interessanten Entwicklung dieses Gotteshauses.

Zu Beginn der 1920er Jahre entsteht für die Beschäftigten des Rangierbahnhofes eine Siedlung, die den historischen Gewannnamen erhält: Pfingstberg. So ergibt sich die Frage nach der religiösen Betreuung.

Lange geplantes Projekt

Zu Gottesdiensten dient ab 1930 zunächst das Gemeindehaus. Doch mit der Zeit, die eine Erweiterung der alten Siedlung bringt, wird der Bau einer größeren Kirche immer dringlicher. 25 Jahre sollte das aber dauern. Verwirklicht wird dies von einem Mann, der am 11. September 1957 mit seinem VW Käfer in der Gemeinde eintrifft und sie 40 Jahre lang prägen wird: Erich Rappenecker.

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Vor dem damals 32-Jährigen steht eine große Aufgabe: Der Bau von sieben Kirchen ist in Mannheim geplant, doch der Pfingstberg steht an letzter Stelle. Wie im Film der Pater Brown, der mit seinem Modell-Kasten unterwegs ist, wirbt Rappenecker für sein Projekt. Angst vor kirchlichen Autoritäten kennt er nicht. Sein Onkel Josef Wirth ist in der Weimarer Republik Reichskanzler und Vorsitzender der Zentrumspartei, seine Tante befreundet mit der Schwester von Papst Pius XI. Und den Erzbischof Hermann Schäufele kennt er aus der Studienzeit. Das hilft: Der Pfingstberg rückt in der Priorität nach vorne.

Heinz Hess vom Erzbischöflichen Bauamt macht sich an die Planung. Er erarbeitet einen modernen Entwurf, der kein nach vorne ausgerichtetes längliches Kirchenschiff vorsieht, sondern eines, das in die Breite geht, Gemeinde abbildet. Zwar gibt es Widerstände. Doch Rappenecker setzt sich durch. Die Zeit ist reif. In Rom kommt 1958 Johannes XXIII. auf den Stuhl Petri, das Zweite Vatikanische Konzil steht vor der Tür.

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Die Kosten des Neubaus sind mit gut 800 000 D-Mark veranschlagt. Um Geld in die Kasse zu bekommen, führt Rappenecker den „Silbernen Sonntag“ ein: An jedem ersten Sonntag steht er persönlich mit dem Klingelbeutel an der Tür; keiner wagt sich ohne Spende an ihm vorbei. An guten Tagen kommen schon mal 1300 D-Mark zusammen – nicht nur damals eine riesige Summe.

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Im Sommer 1959 veranstaltet die Gemeinde ein großes Benefizfest. Die Eichbaum-Brauerei stellt ein 1500-Mann-Zelt, in dem bekannte Karnevalisten wie Hans Maurer und Walter Sohn auftreten. Als Hauptgewinn der 1600 Preise umfassenden Tombola lockt – damals eine Attraktion – ein Kühlschrank.

Am 6. September 1959 setzt Rappenecker zur Kirche den ersten Spatenstich, den Grundstein legt Stadtdekan Karl Nikolaus – am Nikolaustag des Jahres. Ein Kraftakt wird die Platzierung des 150 Zentner schweren Marmor-Altars. Pioniere der US-Armee helfen mit ihrem Kran.

Für den 29. Januar 1961 steht die Weihe der Kirche an. Am Vorabend trifft Rappenecker hier auf zwei Geistliche, er kennt sie nicht. Doch er ärgert sich, weil sie ungeachtet des matschigen Wetters mit schmutzigen Schuhen das für das Ereignis gerade geputzte Gotteshaus betreten. „Muss das sein“, entrüstet er sich.

Was er nicht weiß: Einer der beiden ist der erst 14 Tage zuvor ins Amt gekommene Weihbischof Karl Gnädinger, der am Morgen danach die Weihe vornehmen soll und sich die Kirche schon mal ansehen will. „Von Dir hört man ja schöne Sachen“, feixt Dekan Nikolaus tags darauf zu Rappenecker: „Schmeißt ja sogar Bischöfe aus Deiner Kirche.“

Doch das ist nicht der Grund, warum Gnädinger bei der Weihe mit dem Bischofsstab an die Tür der Kirche pocht. Sie wird nach vorkonziliarem Zeremoniell vorgenommen, beginnt um 8 Uhr früh und dauert fünf Stunden. Für Oberbürgermeister Hans Reschke, sämtliche Dezernenten und Polizeipräsident Rudolf Leiber ist Anwesenheit damals Pflicht.

International bekannt

Als erste moderne Kirche Nordbadens ist St. Theresia in Fachkreisen bald ein Begriff – und das weltweit. Der „Baedeker“, Deutschlands traditionsreichster Reiseführer, empfiehlt sie in seinem Bändchen über Mannheim begeistert als „eine der schönsten Kirchen Deutschlands“.

Bei einer vom Auswärtigen Amt organisierten Wanderausstellung in den USA mit dem Titel „Moderner Deutscher Kirchenbau“ ist sie eines von nur vier präsentierten Objekten. Und ihr Ruf verbreitet sich sogar auf die andere Seite des Erdballs, nach „down under“: Am 12. Juli 1984 ist eine Gruppe australischer Architekten und Geistlicher aus Newcastle im Bundesstaat Neu-Süd-Wales zu Gast, um Anregungen zu gewinnen.

Wichtiger sind aber die Gäste aus dem kirchlichen Bereich. Und derer gibt es viele. Die kleine Gemeinde trägt den Namen der Heiligen Theresia von Lisieux, einer 1897 gestorbenen französischen Ordensfrau, die 1925 heiliggesprochen und zur Patronin der Weltmission wird. Das führt dazu, dass St. Theresia Kontakte rund um den Globus unterhält.

Regelmäßig sind Bischöfe aus aller Welt zu Gast – aus Polen, Brasilien, Peru. Besonders eng ist die Beziehung nach Kroatien. Rappenecker wird Ehrendomherr der 800 Jahre alten Kathedrale von Zadar. Als sie im Jugoslawien-Krieg 1991 beschossen wird, wendet er sich an Bundeskanzler Helmut Kohl – und erhält eine persönliche Antwort.

Ordensschwestern aus Indien

Berühmteste Besucherin jedoch ist eine Albanerin: Agnes Gonxha Bojaxhiu, die beim Eintritt in ihren Orden den Namen der Patin dieser Kirche annimmt: Mutter Teresa. Im Hochstätter Teil der Gemeinde unterhält sie eine der drei deutschen Stationen ihrer weltweiten Hilfsorganisation „Missionaries of Charity“ (Missionarinnen der Nächstenliebe); die Saris der drei Schwestern aus Indien werden Teil des Ortsbildes.

Ihren Besuch bei Kanzler Kohl in Oggersheim nutzt die Friedensnobelpreisträgerin, um ihre Schwestern im Mannheimer Süden zu besuchen. Am Vormittag jenes 12. Juli 1986 landet der Flieger aus New York, wo sie ein AIDS-Hospital eröffnet hat, auf dem Flughafen Frankfurt. Abgeholt, „aus den Fängen der Reporter-Meute befreit“, wie er später schmunzelnd formuliert, wird sie von Pfarrer Erich Rappenecker.

Auf dem Beifahrersitz seines Audi kommt sie vor dem Pfarramt hinter der Kirche an. Rappenecker zeigt ihr St. Theresia. Doch zum Gottesdienst geht sie bezeichnenderweise nicht in diese prachtvolle Kirche, sondern in die schlichte Filial-Kapelle auf der Hochstätt, vor der bereits Hunderte von Menschen teilweise seit Stunden warten. Dem „Engel der Armen“ stecken sie manchen Schein zu, reichen Kinder, um sie von ihr segnen zu lassen – schon damals gilt sie vielen Gläubigen als Heilige.

Aber auch Rappenecker selbst wird durch diese Kirche bekannt. Seit 1997 im Ruhestand, erhält er 2008 eine Einladung in den Vatikan; Georg Gänswein, wie Rappenecker aus dem Schwarzwald stammend und nun Privatsekretär von Benedikt XVI., vermittelt ein Treffen mit dem Papst. Als Rappenecker 2016 im Alter von 91 Jahren stirbt, kann Mannheims Dekan Karl Jung berichten: „Benedikt XVI. hat für ihn gebetet.“

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