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Das Mehr im Weniger

Der Mehrwert der Krise liegt in der Anforderung, im Antrieb zur Lösungsfindung selbst. Er liegt in der aus Notwendigkeit entstandenen Bereitschaft, alles was bisher als wahr, unumstößlich und gesetzt galt, neu zu hinterfragen

Von 
Ralf-Carl Langhals
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Redakteure und Redakteurinnen des „Mannheimer Morgen“ verraten, worauf sie sich freuen und was sie hoffnungsfroh stimmt. © iStock

Sie war eine lebenskluge Frau, die Großmutter. Ihr Standardkommentar auf schlechte Nachrichten lautete so: „Nichts ist so schlecht, dass es nicht für etwas gut wäre.“ Als Jugendlicher mit hoffnungsfroh aufgeregtem Blick auf eine weitoffenstehende Welt konnte man mit diesem Redensart nichts anfangen. Mit zwei Weltkriegen, Inflationen und vielen menschlichen wie auch finanziellen Verlusten auf dem persönlichen Biografiezettel wahrscheinlich schon. Jammern war ihre Sache nicht, dann doch eher das Gute im Möglichen und Notwendigen finden. Im Prinzip folgte sie damit einem humanen Reflex aus Zwang Zweck und Optimismus zu generieren.

Heute ist er medial in den allabendlichen Talkshows zu erleben. Kaum sind die elendigen Folgen einer wie auch immer benannten Krise durch die Register betroffener Branchen dekliniert, folgt zügig die gute Nachricht: Hurra! Die Krise ist eine Chance! Da sind sich Feuilletonisten, Analysten, Philosophen, Soziologen, Influencer, Theologen und „Zeit“-Geister meist einig. Einige unter ihnen sind sich nicht ganz siche - und formulieren Restzweifel dann im Imperativ: „Wir müssen diese Krise als Chance begreifen!“

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Selbst aus volkswirtschaftlichen, politischen und sozialen Krisen oder Schieflagen einen Mehrwert zu generieren, ist dabei weniger hohe Kunst von Staats- und Wirtschaftslenkern, die man in das Durchhalteparolen-Regal mit der Aufschrift „dem Kapitalismus geschuldet“ räumen könnte.

Das Prinzip Hoffnung

Es ist schlicht Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Handlungsfreiheit und Zukunft. Hierzulande trägt dieses Streben den schönen Namen „Hoffnung“. Und die stirbt bekanntlich zuletzt. Müssen wir darob verzweifeln und alle positiven Krisenmehrwertprognosen als Selbsterhaltungsopium enttarnen? Uns ärgern, dass wir einmal mehr vom und mit System gefoppt werden? Sicher nicht. Denn es gibt ihn tatsächlich, den aus der Krise zu generierenden Mehrwert, man muss ihn nur finden.

Natürlich wollen wir es uns nicht zu einfach machen und den Erfolg mit einigem Sarkasmus dort suchen, wo die jeweilige Krise ihn von selbst erzeugt, etwa bei Streamingdiensten, in der Petrochemie, im Onlinehandel, der Rüstungsindustrie oder in der Mund-Nasen-Masken-Produktions- und Provisionsökonomie...

Der Mehrwert der Krise liegt in der Anforderung, im Antrieb zur Lösungsfindung selbst. Er liegt in der aus Notwendigkeit entstandenen Bereitschaft, alles was uns bisher als wahr, unumstößlich und gesetzt galt, neu zu hinterfragen.

Andere Handelsschienen als die bisherigen zu befahren, mit anderen Ländern und Systemen zu verhandeln als zuvor, gehört ebenso dazu, wie den Ausbau anderer Energiequellen endlich auch zu vollziehen und nicht nur als dekoratives Moral-Feigenblatt vor die Verbrennungsrealität zu halten. All das ist fraglos nicht einfach, wird aber bereits angegangen. Und ist in Summe das, was uns evolutionstechnisch voranbringt, schlauer und stärker macht.

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Sich mit Gegebenheiten, übrigens auch den selbst verschuldeten, auseinandersetzen, Versuche wagen, dabei auch scheitern - und dennoch weitermachen, bis Verbesserungen eintreten, so sieht es aus das andere Mehr aus dem Weniger.

Reden rechnen, entwickeln

Wir müssen die Krise dazu nicht unbedingt als Chance begreifen. Man braucht sie sich auch weder schön reden, noch schön rechnen. Und nein, weniger ist trotzdem nicht mehr. Doch die Überzeugung, aus allem etwas machen zu können, ist mehr als systemrelevant, sie ist systemimmanent.

Das Vertrauen auf eine Lehre, die sich ziehen, auf eine Maßnahme, die sich ergreifen lässt, ist quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche unerschütterlich. Folglich wäre ein gesellschaftlicher Leistungs- und (somit auch) Hoffnungsträger, der vor Belegschaft, Gläubige, Aktionäre, Leser, Kunden oder Öffentlichkeit tritt, schlecht beraten, wenn er außer „Also ich sehe schwarz!“ nichts zu sagen hätte.

Als Ansporn für neue Formate und Formen außerhalb unsere ausgetretenen Pfade ist die Krise immerhin nutzbar. Jetzt ist die Zeit für individuelle Lösungen, für kreative Ausbrüche aus dem Üblichen. Und die kollektiv erarbeiteten und erstrittenen Maßnahmen des Anstatts ermöglichen also durchaus ein Mehr im Weniger.

Die Großmutter hatte also recht. Wir sehen: „Nichts ist so schlecht, dass es nicht für etwas gut wäre.“ Das ist, wenn auch auf Umwegen, eine gute Nachricht.

Redaktion Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.