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"Erzähl mir was" (mit Podcast)

„Wie ich in zehn Minuten meinen inneren Frieden wiederfand“ von Michelle Gaus

Kriege - manchmal führen wir sie mit uns selbst. So wie Luna (15), die keine Party auslässt, obwohl sie ihre freie Zeit am liebsten mit einem Buch verbringt. Bis sie jemand daran erinnert, was in der Stille auf sie wartet

Von 
Michelle Gaus
Lesedauer: 
© istock

Längerer mit Waffengewalt ausgetragener Konflikt, größere Auseinandersetzung zwischen Völkern mit militärischen Mitteln.“

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Das war die erste Definition, die ich, Luna Garfield, damals zum Thema Krieg fand. Und doch beschrieb sie nicht einmal ansatzweise, was in diesem Moment in mir vorging.



Mit fünfzehn war ich der wohl introvertierteste Mensch. Ein Mädchen, das sich zu Hause in ihrem Zimmer einschloss und ihren Nachmittag am liebsten mit einem Buch verbrachte. Mit sozialer Interaktion hingegen hatte ich kaum etwas am Hut. Ich genoss die Stille und stieß damit immer wieder auf Unverständnis. Meine Freunde sagten, ich müsste mehr ausgehen und das Leben genießen. Was niemand verstand, war, dass ich mein Leben am meisten genoss, wenn mich die Ruhe wie ein warmer Mantel umhüllte. Mit jedem Tag wurden meine Zweifel stärker und das Gefühl, nicht genug geben zu können, so wie ich war, immer größer. Wenn ich meine Klassenkameraden beobachtete, wirkten sie unbeschwert, so wie sie scherzten, sich verabredeten und auf Partys gingen. Plötzlich war da nicht nur die Offenheit der anderen, die ich ersehnte, sondern ich versuchte in jedem Punkt, so wie sie zu sein. Ich versuchte, dünner zu sein, Kleidung zu tragen, die gerade „in“ war, nur um gemocht zu werden. Der Wunsch nach Akzeptanz wurde immer größer und die Verbindung zu meinem alten Ich gewann an Entfernung. Ich zwang mich dazu, jemand anderes zu sein, damit ich den Krieg in mir selbst beenden konnte. Der Waffenstillstand hielt leider nur für eine kurze Zeit an, denn es war nicht der Krieg in mir, den ich damit begrub, sondern das, was mich glücklich machte.

„Wir sehen uns heute Abend auf der Party!“ Sophie lächelte mir auf dem Schulflur zu. Wir waren erst seit einem halben Jahr befreundet, da ich aber auch erst seit kurzer Zeit etwas mit ihr gemeinsam hatte. Wir ließen keine Party aus und waren im ständigen Kontakt mit anderen Menschen. Sophie war anzusehen, wie sehr sie sich auf jede Party freute. Mir erging es ganz anders. Ich war erschöpft, und am Ende des Tages war meine „Sozialbatterie“ vollkommen leer. Jedes Mal kämpfte ich mich erneut auf eine Party, ohne, dass ich mir genügend Zeit ließ, meine Batterie wieder aufzuladen. Ich war zum Inbegriff eines „People Pleaser“ geworden und konnte mich kaum daran erinnern, wann meine Freunde das letzte Mal ein Nein aus meinem Mund gehört hatten. Doch das interessierte sie nicht. Sie mochten die neue Luna sowieso lieber, und konnten nicht sehen, wie ich nachts im Badezimmer weinte, in voller Hoffnung, die ständigen Partys würden mich doch noch glücklich machen.

Es war an einem schönen Frühlingstag, als meine Freunde und ich durch die Cafeteria liefen und ich ein Mädchen am anderen Ende des Raums entdeckte. Ganz alleine saß sie dort am letzten Tisch, mit einem Buch in der linken Hand. Sie schmunzelte über eine Stelle in diesem Buch, und ich wünschte mir in diesem Moment nichts sehnlicher, als ihren Platz einzunehmen. In ihrem Inneren war sie bestimmt dennoch schrecklich unglücklich. Ganz alleine dort am Tisch, niemand, der sie zu der nächsten Party einlud und das nur, weil sie die Pause am liebsten alleine verbrachte. Seltsam war nur, dass sie gar nicht traurig wirkte. Sie sah sich nicht einmal um, als sehnte sie sich gar nicht danach, beachtet zu werden.

Die Autorin Michelle Gaus

Michelle Gaus wurde 2003 in Mosbach geboren und lebt in Neunkirchen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Heidelberg. Sie hat dieses Jahr ihr Abitur gemacht.

Seit 2017 schreibt und veröffentlicht sie Geschichten auf Wattpad. Eine weitere Leidenschaft neben dem Schreiben ist die Musik. Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester schreibt sie eigene Songs und performt diese auf Festen und Wettbewerben.

Ich war niemand, der wirklich oft auf die Menschen zuging und sie ansprach. Trotzdem schien mich etwas magisch zu diesem Mädchen hinzuziehen. Ich teilte Sophie mit, dass ich nachkommen würde und ging, ohne lange darüber nachzudenken, auf das Mädchen zu. Das braunhaarige Mädchen bemerkte mich zunächst gar nicht, sondern las seelenruhig weiter. Erst als ich mich räusperte und ein leises „Hey“ murmelte, sah sie zu mir auf.

„Oh sorry. Ich habe dich gar nicht bemerkt.“ Ihre Mundwinkel hoben sich leicht.

„Setz dich ruhig“, fuhr sie fort, als ich mich immer noch nicht rührte. Dankend nahm ich das Angebot an, wusste aber dennoch nicht so richtig, was ich sagen sollte.

„Liest du auch gerne? Hast du dieses Buch schon gelesen? Es ist einfach der Wahnsinn!“ Ihr Schwärmen entlockte mir ein kleines Lächeln. Ich strahlte ähnlich euphorisch, wenn ich über Bücher sprach.

„Ich habe es noch nicht gelesen, aber es steht auf meiner Liste.“ Meine Liste, die mittlerweile überirdisch lang war, weil ich es mir nur noch selten erlaubte, meinen Tag im Zimmer zu verbringen.

„Es fehlen mir nur noch ein paar Seiten. Kannst du mir vielleicht ein Buch empfehlen?“ Aus erwartungsvollen Augen blickte sie mich an, während ich schwer schluckte. Noch nie zuvor hatte jemand meiner Freunde Interesse an meiner Bücherliebe gezeigt. Dem Mädchen, dessen Namen ich immer noch nicht kannte, fiel auf, wie blass ich auf einmal geworden war.

„Ist alles in Ordnung?“ Mein rasches Nicken beruhigte sie, und schließlich stellte ich ihr die Frage, die mir schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte.

„Fühlst du dich nicht einsam? Ich meine, ganz alleine an diesem Tisch?“ Sie störte sich nicht an meiner wirklich persönlichen Frage.

„Nein, genau hier, fühle ich mich am wohlsten. Es ist nicht so, dass ich Gesellschaft nicht genießen würde, aber ich genieße auch meine Zeit alleine. Ich brauche sie. Ich kann es aber gut verstehen, wenn es dir da anders geht.“

Dass ich sie mehr als nur gut verstand, konnte sie natürlich nicht wissen. Doch es war, als sprach sie mir aus der Seele.

„Ehrlich gesagt, verstehe ich sehr gut, was du meinst.“ Verwundert blickte sie mich an.

Der Schreibwettbewerb "Erzähl mir was"

Mehr als 100 Geschichten erwachsener Leserinnen und Leser zum Thema „Krieg und Frieden“ haben uns erreicht, zwölf sind in der Endrunde. Sie werden immer dienstags, donnerstags und samstags auf dieser Seite abgedruckt sowie auf der Website dieser Redaktion veröffentlicht - als Texte und als Podcasts, in denen die Geschichten von Kulturchef Stefan M. Dettlinger gelesen werden.

Unsere Leserinnen und Leser entscheiden dann, wer den dritten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewinnt: In einer Onlineabstimmung werden nach dem 20. August die sechs Siegerinnen und Sieger ermittelt.

„Ach, echt?“ Sie schlug das Buch zu und packte es in ihren Rucksack. „Willst du mich zum Sekretariat begleiten?“ Dieses Mal war ich weniger zögerlich und folgte ihr aus der überfüllten Cafeteria. „Du liest also gerne und genießt es, auch einmal alleine zu sein. Wieso sehe ich dich dann immer nur mit deiner Freundesgruppe?“

„Ich war früher immer nur für mich. Ich habe in den Pausen gelesen, bin kaum auf Partys gegangen, aber dafür wurde ich kaum beachtet und immer vergessen. Die Leute haben mich für langweilig gehalten“, gestand ich. Sie zuckte mit den Schultern.

„Das Wichtigste ist am Ende nur, dass du dich magst und dass du glücklich bist.“ Ich lachte auf.

„Wenn du das sagst, dann klingt es so einfach.“ Sie lächelte.

„Mir ging es auch eine lange Zeit so. Ich habe immer geglaubt, etwas wäre falsch an mir. Dass etwas daran falsch ist, wie sehr ich die Ruhe genieße und wie gerne ich nur für mich bin. Dann verstand ich, dass ich genauso gut bin, wie ich nun mal bin und nicht weniger wert, nur weil ich meine sozialen Kontakte im Rahmen halte.“

Bevor ich ansetzen konnte, sprach sie weiter. „Damit meine ich nicht, dass es eine gute Idee wäre, niemals das Zimmer zu verlassen und sich nur zurückzuziehen. Aber es ist mehr als nur in Ordnung, wenn wir Zeit alleine brauchen, um unsere Kräfte wieder aufzutanken. Schließlich zählt am Ende nur, dass wir glücklich sind und keinen inneren Krieg mit uns führen. Nicht wahr?“

Wenn ich an die letzten Monate zurückdachte, fiel mir erneut auf, wie unglücklich ich tatsächlich gewesen war. Mit meinen krampfhaften Versuchen, dazuzugehören, war ich zwar meinen Freunden nähergekommen, hatte mich dafür aber ein ganzes Stück von mir und meiner mentalen Gesundheit entfernt.

„Du hast Recht. Danke …“ Mir fiel auf, dass ich sie gar nicht nach ihrem Namen gefragt hatte.

„Cara“, sagte sie grinsend.

„Freut mich, Cara.“

Das Gespräch mit Cara hatte mir die Augen geöffnet. Nur zehn Minuten mit ihr hatten mir mehr inneren Frieden gebracht, als die ganzen verzweifelten Versuche, mich zu verbiegen. Cara hatte mir Mut gemacht. Sie war positiv und voller Freude. Wenn sie so glücklich sein konnte, dann würde ich das auch schaffen.

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Ich hatte mich so sehr verändert, dass der Krieg, der tief in mir verankert war, nur noch mehr an Waffenkraft zugenommen hatte. Mein Glück musste nicht das Glück anderer bedeuten. Ich musste nicht genauso sein wie Sophie, die Partys liebte. So wie ich war, war ich genug. Dass ich introvertiert war, war kein Fehler. Der ideale Mensch musste nicht immer gesellig sein und eine große Anzahl von sozialen Kontakten haben. Ich griff nach meinem Smartphone und suchte nach dem Chat mit Sophie. Meine Fingerspitzen kribbelten vor Aufregung, aber auch vor Stolz, als ich ihr für den Abend absagte.

„Tut mir leid, Sophie. Ich komme heute nicht mit. Ich brauche mal ein wenig Zeit für mich.“ Zum ersten Mal seit Monaten fühlte ich mich, als könnte ich wieder richtig ausatmen. Ich öffnete meinen Laptop und begann das Wort Frieden einzutippen. „Frieden definiert sich als heilsamer Zustand der Stille oder Ruhe, als die Abwesenheit von Störung oder Beunruhigung und besonders von Krieg.“

Ja, diese Definition des Friedens beschrieb ziemlich genau, wie ich mich gerade fühlte. Alles in mir war ruhig und das Gefühl nicht genug zu sein, war verschwunden. Der Sturm, der viel zu lange in mir getobt hatte, verlor an Kraft. Ich fühlte mich, als hätte ich endlich wieder etwas zurückbekommen, das ich vor langer Zeit verloren hatte. Der Krieg war vorbei. Ich schloss Frieden mit mir.

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