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Kurzgeschichte

"Krieg und Frieden" von Martin Köhler

Der Klimawandel hat weite Teile der Erde unbewohnbar gemacht. In vielen betroffenen Ländern herrscht Krieg um Boden und Ressourcen. Sehnsuchtsort ist Europa. Auch der 15-jährige Arul macht sich auf den Weg

Von 
Martin Köhler
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Bild: dpa © picture alliance/dpa/eyepix via ZUMA Press Wire

Mannheim. Kreuz München-Nord. Noch gut eineinhalb Stunden bis zum Wochenende. Jan fuhr routiniert und zügig, er kannte die Strecke seit langem. Eine bezahlbare Wohnung in München zu finden, war ein Ding der Unmöglichkeit, aber ein vergleichbarer Job daheim ebenfalls. Als er zuletzt erwogen hatte, die Stelle zu wechseln, hatten seine Frau und sein Steuerberater ihm dies ausgeredet. Und rückblickend war es so auch in Ordnung gewesen, dank seiner Erfahrung war er jetzt Abteilungsleiter geworden und hatte etwa 20 Leute unter sich. Man konnte eben nicht alles haben.

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Wieder die nervige Werbung im Radio. Wird die eigentlich noch von Menschen gemacht oder mittlerweile auch von Algorithmen? Weder die eine noch die andere Antwortmöglichkeit rechtfertigte jedenfalls die geschmacklichen Tiefschläge. Kauf dies, kauf das, kauf, kauf, kauf, dazu einen Jingle, den jeder Musikschullehrer in seinem Proberaum besser hinbekommen hätte. Hab doch schon alles, dachte Jan. Will gar nichts mehr. Aber es war ja produziert, also musste es auch verkauft werden. Auch der Jingle der Nachrichten war übrigens keinen Deut besser, aber man wusste wenigstens, dass jetzt eine Weile keine Werbung mehr kam. Die Hauptnachricht war wieder einmal der Flüchtlingsstrom aus Südostasien in Richtung Europa, der seit etwa einem Monat an den Grenzen der EU ankam und durch massive Bürgerkriege in deren Heimatländern ausgelöst worden war. Insbesondere Indien, Bangladesch und Myanmar wurden der inneren Unruhen nicht mehr Herr, die sich im Laufe der letzten Jahre aufgeschaukelt hatten, als immer mehr Küstenbewohner aufgrund steigender Meeresspiegel ins Landesinnere zogen.

Dort aber mangelte es an Wohnraum, Nahrungsmitteln, Arbeit und auch an allem anderen für so viele Menschen, hatte doch schon vorher Mangel an all diesen Notwendigkeiten geherrscht. Insbesondere die Versorgung mit Nahrungsmitteln war schon vor dieser Krise aufgrund zahlreicher Missernten durch Dürren und Überflutungen unzureichend. Die hungernden Binnenflüchtlinge begannen, Supermärkte und andere Geschäfte zu plündern, die Aggressionen der Notleidenden entluden sich immer öfters in Straßenschlachten mit der Polizei und später dem Militär. Regierungen stürzten und wurden durch Militärs ersetzt, und die anfänglich lokalen Unruheherde erfassten weite Teile der Länder und stürzten sie in die schlimmsten Bürgerkriege ihrer Geschichte. Aus den Binnenflüchtlingen wurden Kriegsflüchtlinge.



Anfangs kamen so wenige, dass das keiner merkte. Es wurden aber schnell mehr. Die meisten von ihnen waren weite Teile zu Fuß gegangen, eine unvorstellbare Strecke mit unzähligen Gefahren und Hindernissen, aber wie sollte das jemanden schrecken, der nichts zu verlieren hat. Das Ziel der meisten war Europa, von dem man wusste, dass dort Frieden herrschte, dass man dort friedlich leben konnte und mit seiner Hände Arbeit eine Familie ernähren. Zahllos waren die Meldungen, die dies bestätigten, und fast jeder der Flüchtlinge kannte jemanden, der jemanden kannte, der dies bezeugen konnte. Dass Europa einer Festung glich, war weniger bekannt. Auch Arul nicht. Aufgrund außenpolitischer Spannungen und der zunehmenden Migration hatte die EU mittlerweile eine der bestgesicherten Grenzen der Welt. Sie galt als ähnlich unüberwindbar wie seinerzeit die innerdeutsche Grenze, und das galt erst recht für unbewaffnete Flüchtlinge. Das Recht auf Asyl war verklausuliert aufgeweicht worden, wer als Klimaflüchtling erkannt wurde, konnte nicht damit rechnen, Schutz zu finden. Und Klimaflüchtling konnte man dieser Tage schnell werden.

Der Autor: Martin Köhler

  • Martin Köhler, Jahrgang 1977, wohnt im Taubertal in Wertheim-Reicholzheim.
  • Er schreibt gern, vor allem Kurzgeschichten, kurze Theaterstücke und Kolumnen. Letztere erscheinen im „Lichtwolf – Zeitschrift trotz Philosophie“.
  • Da man damit nicht reich wird, verdient er seine Brötchen als Übersetzer.

 

Arul war gerade einmal 15 Jahre alt, als sein beschauliches dörfliches Leben ein ziemlich abruptes Ende fand: Sein Dorf in der Region Chennai wurde durch einen kleinen Tsunami dem Erdboden gleichgemacht. Zwar war der Meeresspiegel seit Jahren gestiegen, so dass der nahe gelegene Fluss nach Überschwemmungen immer öfter versalzene Felder zurückließ, und auch hatte die Anzahl der Orte und Tage mit Temperaturen jenseits der 50 Grad stetig zugenommen. Aber es war immer irgendwie weitergegangen, wenn auch immer schlechter als im Jahr zuvor. Nun aber ging es nicht mehr weiter. Arul war froh, dass er und seine Familie mit dem Leben davongekommen waren, aber in Chennai selbst war dieses Leben nicht mehr zu führen. Zu viele drängten sich dort, und in dem Maße, wie die Hoffnung abnahm, nahm die Gewalt zu. Bei einer der vielen Demonstrationen der Flüchtlinge, bei denen er mit seiner drei Jahre älteren Schwester teilnahm, kam es zum Einsatz von scharfer Munition durch die Staatsmacht. In der darauf folgenden Massenpanik verlor er seine Schwester aus den Augen. Sie wurde wie so viele totgetrampelt, und was für Arul und seine Eltern der Inbegriff eines Unglücks war, war für den Rest so normal, dass es den Zeitungen und Nachrichten keine Meldung wert war. Es geschah einfach zu häufig, an zu vielen Orten mit zu vielen Toten, die keiner kannte und keiner kennen wollte.

Aruls Entschluss stand bald fest, und seine Eltern ließen ihn ziehen. Was sonst hätten sie auch machen sollen – die fehlende Perspektive vor Ort und die entfernte Hoffnung in Europa machten den Entschluss nicht leichter, aber immerhin erträglicher.

Dank jahrelanger Feldarbeit war Arul ein kräftiger junger Mann, und dank der Armut seiner Eltern war er auch viele Entbehrungen gewohnt. Er konnte am Tag durchaus 30 Kilometer weit wandern, und sein angenehmer Charakter war sehr zuträglich, wenn es darum ging, schwierige Situationen zu meistern oder irgendwie an Essen zu kommen.

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Dennoch blieb seine Flucht lebensgefährlich. Alleine in seinem Heimatland wurde Arul drei Mal überfallen und dabei einmal bewusstlos geschlagen. In Pakistan waren die Menschen weitaus weniger freigiebig ihm gegenüber, und er wanderte nur noch nachts und schlief tagsüber in Verstecken. Seine Mahlzeiten bestritt er überwiegend mit Diebstählen, aber er hatte Glück und wurde nur einmal geschnappt, was ihm eine Woche Haft und etliche Schläge einbrachte. Den Iran konnte Arul, je weiter er ins Landesinnere vordrang, zunehmend als Mitfahrer auf LKW durchqueren, was ihm gerade bei den hohen Bergen viel Kraft sparte. An der Grenze zur Türkei gab es das erste Mal größere Probleme, er wurde zunächst zu anderen Flüchtlingen gesperrt, bevor man sie per Bus und einem ausrangierten „Sonderzug“ nach Istanbul brachte, wo der Zug in irgendeinem verlassenen Depot hielt. Die Türen wurden von außen aufgerissen und Bewaffnete wiesen die Flüchtlinge an, sich schnell aus dem Staub zu machen, was vor allem aufgrund der Artikulation und dem nachdrücklichen Wedeln mit den Waffen gleich verstanden wurde.

Arul war dennoch guter Dinge. Er hatte vor Beginn der Flucht gewusst, dass er viel Glück brauchen würde, um heil nach Europa zu kommen, und nun stand er keine 100 Kilometer vor der Grenze der EU. Er würde dort irgendwie Fuß fassen und könnte dann seinen Eltern Geld zukommen lassen, die er vor eineinhalb Jahren zuletzt gesehen hatte. Arul konnte nicht wissen, dass sie mittlerweile arm und elend in Chennai verstorben waren, ihre ausgemergelten Körper hatten der brütenden Hitze nichts entgegensetzen können.

Er machte sich für das letzte Stück zu Fuß auf den Weg und mied die Zivilisation, wenn es ging. Je näher er der Grenze kam, desto schlechtere und schmalere Wege nahm er, bis er zuletzt, noch etwa 10 Kilometer von der Grenze entfernt, dazu überging, sich nur noch quer durch den Wald auf sein Ziel zuzubewegen. Am späten Abend sah er den NATO-Draht glitzern, ein Glitzern, das ihm nicht abschreckend vorkam, sondern vom dahinterliegenden Traum auszugehen schien: Europa.

„Erzähl mir was“

  • Mehr als 100 Geschichten erwachsener Leserinnen und Leser zum Thema „Krieg und Frieden“ haben uns erreicht, zwölf sind in der Endrunde. In den vergangenen Wochen sind die Geschichten und die dazugehörigen Podcasts dienstags, donnerstags und samstags erschienen. In den Podcasts werden die Geschichten von Kulturchef Stefan M. Dettlinger gelesen.
  • Unsere Leserinnen und Leser entscheiden jetzt, wer den dritten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewinnt: In einer Onlineabstimmung werden nach dem 20. August die sechs Siegerinnen und Sieger ermittelt.
  • Hier geht es zur Abstimmung.

Arul wusste von anderen Flüchtlingen, dass die Grenze scharf bewacht war, aber er wusste auch, dass in einem unzugänglichen Waldabschnitt wie hier die Patrouillen weniger engmaschig waren. Am ganzen Körper dick mit Kleidern eingepackt, die er kurz vor dem Abtauchen in den Wald von Wäscheleinen gestohlen hatte, machte er sich mit großen Ästen daran, die Klingendrahtsperre zu überwinden.

Die Wärmesensoren der Drohne, die diesen Abschnitt regelmäßig und auch in diesem Moment überflog, erkannten ihn sofort, und die Drohne feuerte einen Betäubungspfeil ab, ein „humanitäres Mittel zur Grenzsicherung“, wie man es in Brüssel nannte. Arul spürte einen heftigen Schmerz zwischen den Schulterblättern und fiel vornüber. Die Grenzschützer, die ihn am nächsten Morgen fanden, machten ein Foto von ihm in der Drahtsperre, luden ihn auf ihren Wagen und klebten ihm einen Zettel mit der Nummer 2 und einem Kreuzchen bei „verblutet“ auf das Hemd, bevor sie ihn nochmals fotografierten. Dann fuhren sie mit ihrer Ladung wie jeden Morgen ins nächstgelegene Krematorium.

Nach den Staumeldungen war endlich Schluss mit dem Geschwätz und es lief „Heal the world“ von Michael Jackson. Jan hatte noch eineinhalb Stunden Fahrt bis zum Wochenende. Draußen hatte es fast 30 Grad. Jan schaltete die Klimaanlage ein und gab Gas.

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