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Erzähl mir was

"Ist der Pazifismus tot?" von P.M.L. Müller

Gabriel hat ein Vorstellungsgespräch bei einer mysteriösen Firma. Als er herausfindet, womit das Unternehmen sein Geld verdient, ist er entsetzt. Kann er seinen potenziellen Arbeitgeber umstimmen?

Von 
P. M. L. Müller
Lesedauer: 
© istock

Das Smartphone spielte als Weckmelodie die ersten Akkorde von „Eye of the Tiger“. Gabriel sang für sich selbst: „Have the guts, got the glory.“

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Eine diffuse Angst vor dem heutigen Vorstellungsgespräch beherrschte seine Gedanken. Schon im Vorfeld verlangten sie eine Sicherheitsüberprüfung, einen Psycho-Fragebogen und eine Geheimhaltungsvereinbarung. Dafür waren die Gehaltsaussichten gigantisch.



Er wartete vor seiner Haustür. Ein Tesla hielt um Punkt 9.30 Uhr direkt vor ihm. Der Fahrer, ein Inder mit Turban, stieg aus, öffnete die hintere Tür und ließ ihn einsteigen. Kein Wort.

Lautlos setzte sich das Fahrzeug in Bewegung und erreichte nach 30 Minuten ein neues Bürogebäude in der Heidelberger Bahnstadt.

Der Fahrer konnte tatsächlich sprechen: „Halten Sie Ihren Personalausweis vor den Scanner. Auf Wiedersehen.“

Nachdem er durch die erste Tür gegangen war, schloss sich diese, aber die zweite Tür blieb verschlossen. Er saß in der Falle wie eine Ratte.

Nach zehn langen Minuten öffnete eine junge Frau in einem konservativen grauen Kostüm die Tür. Ihr Lächeln beruhigte ihn: „Guten Tag, Herr Neuhauser. Mein Name ist Sandy.“

Er lächelte zurück.

Sie sagte: „Bitte folgen Sie mir. Ich bringe Sie in den Besprechungsraum.“ Sie lief schweigend vor ihm her. Es war wie ausgestorben. Alte Gemälde von blutrünstigen mittelalterlichen Schlachten durchbrachen das Einerlei.

Im Besprechungsraum saßen bereits ein Mann und eine Frau. Der Mann erhob sich mühsam und kam ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. Er war mindestens 70 Jahre alt, hatte gebräunte, nein, gegerbte Gesichtshaut mit Runzeln, die an einen Kartoffelsack erinnerten. Sein weißes Hemd war ein greller Gegensatz zu dem schwarzen Anzug. Seine Stimme ein heiserer Ton, der ohne jegliche Modulation mit einem unheimlichen Flüstern Gabriel erschaudern ließ.

„Erzähl mir was“

  • Mehr als 100 Geschichten erwachsener Leserinnen und Leser zum Thema „Krieg und Frieden“ haben uns erreicht, zwölf sind in der Endrunde. In den vergangenen Wochen sind die Geschichten und die dazugehörigen Podcasts dienstags, donnerstags und samstags erschienen. In den Podcasts werden die Geschichten von Kulturchef Stefan M. Dettlinger gelesen.
  • Unsere Leserinnen und Leser entscheiden jetzt, wer den dritten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewinnt: In einer Onlineabstimmung werden nach dem 20. August die sechs Siegerinnen und Sieger ermittelt.
  • Hier geht es zur Abstimmung.

„Ich bin Luigi Ciprioni. Sind Sie bereit für eine neue Herausforderung?“ Sein ruhiger Blick aus den tiefgrünen Augen fixierte Gabriel wie eine Schlange.

Gabriel schluckte: „Deshalb bin ich hier. Guten Morgen, Herr Ciprioni.“

„Das ist Frau Vanessa von Borgena, Forschungsleiterin.“

Sie nickte Gabriel zu, Ciprioni fuhr fort.

„Wir produzieren Produkte, die man nicht überall kaufen kann und dem einen oder anderen als unnütz und grausam vorkommen. Ich kann Ihnen allerdings garantieren, dass die Welt ohne unsere Produkte nicht funktionieren würde. Leider!“

Gabriel sagte mit einem ernsten Gesichtsausdruck: „Jetzt haben Sie mich aber wirklich neugierig gemacht.“

Frau von Borgena startete eine PowerPoint-Präsentation: „Chart 1 zeigt verschiedene Patronen. Wir stellen Munition her. Ob Präzision, Teilmantel, Vollmantel, hohe oder niedrige Geschwindigkeit, Kaliber, alles was benötigt wird. Chart 2 Unsere Kunden – Polizei, Militär, Zoll, Sonstige.

Chart 3 Maßgeschneiderte Wirkung.“ Es zeigte Bilder von 6 verschiedenen Schussverletzungen.

Gabriel drehte es beinahe den Magen um. Aber schon kam das nächste Chart mit der Überschrift: Streng Geheim – Ein Geschoss und hundert Minibomben sind am Ziel.

Der Autor: P. M. L. Müller

  • P. M. L. Müller wurde im Oktober 1957 in Görlitz geboren.
  • Aufgewachsen ist er in Augsburg. Seit mehr als 35 Jahren lebt er in der Metropolregion.
  • Nach Abschluss seines Betriebswirtschaftsstudiums hatte er verschiedene Positionen in Marketing und Vertrieb.
  • Seit er im Ruhestand ist, legt er seinen Fokus auf sein Hobby, das Schreiben von Geschichten und Büchern.

Herr Ciprioni sagte mit vorwurfsvollem Ton: „Vanessa?“

Sie schüttelte den Kopf: „Egal, er hat unterschrieben. Herr Neuhauser, jetzt wissen Sie, mit was wir unser Geld verdienen.“

Beide schauten ihn erwartungsvoll an.

Gabriel überlegte ein paar Minuten und sagte dann: „Kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Küchenmesser, mit dem man auch jemanden umbringen kann. Munition ist zum Töten. Ohne diese wären Kriege unmöglich. Und dann auch noch die geächteten Streubomben.“

Ciprioni schüttelte den Kopf: „Ich hatte jetzt nicht erwartet, dass Sie das Gespräch auf ein so naives Niveau herunterziehen. Realität ist: Frieden funktioniert nur durch gegenseitige Abschreckung. Wer sich nicht verteidigen kann, wird gefressen. Denken Sie nach. Es geht darum, dem Gleichgewicht die benötigten Gewichte zu liefern.“

Gabriel schüttelte den Kopf: „Aber wer ist der Richtige? Wen beliefern Sie?“

Die heisere Stimme erklang jetzt etwas lauter: „Die Frage können Sie sich selbst beantworten.“

„Sie verkaufen an jeden, der bezahlen kann.“

„Nicht an jeden. Aber, allein das Wort Gleichgewicht impliziert immer zwei Seiten.“

Herr Ciprioni ging mit seinem Oberkörper nach vorn und fixierte die Augen von Gabriel. Nach einem kurzen Zögern, das die Spannung im Raum erdrückend machte, sagte er: „Ihr Fragebogen zeigte eigentlich eindeutig, dass Sie zu uns passen würden. Sie waren bei der Bundeswehr. Haben Sie den Test manipuliert?“

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„Jeder manipuliert diese Art von Fragebogen in eine Richtung, die er vom Arbeitgeber als erwünscht hält. Ich ahnte aber nicht, was mich hier erwartete. Tatsächlich habe ich im Laufe meines Lebens umgedacht.“

Er setzte sich nach vorn auf die Kante des Stuhls: „Ich hatte ein Schlüsselerlebnis, 2019, bei der Biennale in Venedig. Serwan Baran, ein irakisch-kurdischer Künstler, musste als Soldat Siegpropaganda gestalten. Seine Biennale-Arbeit sollte helfen, Zitat: ‚to silence the nightmare inside me’. Sein Werk hieß ‚Father Land’. Vaterland war für ihn der Grund für die Kriege, die er erlebt hatte. Al-Watan, Homeland, Fatherland, Heimat als Rechtfertigung in demagogischen Reden und der faschistischen Literatur.“

Herr Ciprioni schüttelte den Kopf: „Heute ist der 1. März 2022, wir haben gerade einen Krieg, den niemand wollte, aber er ist Realität. Alle Länder, besonders Deutschland, zählen ihre Munition und beeilen sich nach der Schlamperei in der Vergangenheit, die Fehlbestände auszugleichen.“

Gabriel schüttelte ungläubig den Kopf: „Schlamperei oder eine gesunde Einstellung zur historischen Verantwortung. Unser Problem ist nicht, dass es zu wenig Waffen und Munition gibt. Es gibt immer noch Atombomben, mit denen offen gedroht wird. NEIN, es ist ein diplomatisches Versagen! Eine weltweit auf nationalem Stolz basierende Politik, wie ‚America First’, ‚Brexit’, ‚Wiederherstellung der nationalen Größe der UDSSR’, pervertiert den Begriff Vaterland in einer Weise, die zu den Spannungen zwischen den Nationen beiträgt. Angeheizt durch die Rüstungsfirmen, wie die Ihre. Sie können mich naiv nennen, Utopist oder sogar ganz schlimm, einen Pazifisten.“

Ciprioni lächelte: „Pazifismus ist tot. Sehen Sie sich um.“

Gabriel entgegnete: „Dieser Krieg hat die Hoffnung auf Frieden nach Ende des Kalten Krieges zerstört. Eine riesige Desillusionierung. Aber man darf gerade jetzt nicht aufgeben. Pazifismus muss das Ziel bleiben.“

Die heisere Stimme sagte ganz langsam: „Pazifismus ist naive Traumtänzerei, da der Beweis angetreten wurde, dass der Mensch einfach nicht für den Frieden geschaffen ist.“

Gabriel sprang auf: „Aber wer ist der Mensch? Fragen Sie doch die Beteiligten, die Soldaten, die Hinterbliebenen, die Vertriebenen, die Vergewaltigten, die Verwundeten und die, die zu Mördern wurden. Nicht der Mensch im Allgemeinen will Krieg. Kriegstreiber sind einzelne Autokraten und geldgierige Firmen, wie die Ihre.“

Frau von Borgena brauste auf: „Jetzt geht es aber zu weit. Diese persönlichen Angriffe lasse ich mir nicht weiter bieten. Ich beende jetzt das Gespräch.“

Herr Ciprioni hob seine Hand und flüsterte: „Mal langsam. Vielleicht bietet er ja noch eine Lösung an.“

Gabriel begann, hin und her zu laufen: „Es gibt keine Lösung, die sich auf Knopfdruck erzeugen lässt. Die Zielsetzung wäre eine globale Einigung, um gemeinsam an den existenziellen Bedrohungen zu arbeiten: dem menschheitsbedrohenden Klimawandel, astronomischen Rüstungsausgaben und der Überbevölkerung.“

Von Borgena lächelte sarkastisch: „Das ist aber neu. Wo ist die Lösung?“

„Ein Berufen auf nationale Identität über Sprache, Religion und Gebräuche verliert durch die multinationale Durchmischung und Globalisierung ohnehin an Bedeutung. Die Utopie ist, dass eine Art Weltbürgertum entsteht, das für eine ökologische und humanitäre Zukunft kämpft. Die heutigen Staatenstrukturen, siehe EU, einigen sich niemals. Wenn wir nicht mit dem nationalen Handeln aufhören, werden die Konsequenzen fatal sein. Es ist an der Menschheit, etwas wirklich Neues zu wagen. Ihre Munitionsfabrik hat jedenfalls keine Zukunft. Speziell nachdem Sie zugegeben haben, Streubomben zu verkaufen. Vergessen Sie Ihre Geheimhaltungsvereinbarung.“

Frau von Borgena und Herr Ciprioni schauten sich kurz an und lächelten. Herr Ciprioni stand auf und reichte Gabriel die Hand: „Der Erzengel, ein passender Name für Sie. Ich bedanke mich für das Gespräch und nehme an, dass Sie nicht mit einem Jobangebot rechnen. Gehen Sie hin in Frieden. Genießen Sie Ihre Zukunft.“

Sandy brachte ihn zum Ausgang durch die Schleuse und sagte: „Ich hoffe, Sie hatten ein Gespräch, das Sie nicht bedauern werden.“ Dann schloss sie die Tür hinter ihm, blieb aber vor der Tür stehen. Auf der anderen Seite wurde die Tür geöffnet und zwei Herren im schwarzen Anzug und mit einem Knopf im Ohr erwarteten ihn.

Sandy klopfte nochmals an die Tür. Als er zurückschaute, gab sie ihm ihr schönstes Lächeln und winkte zum Abschied.

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