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Erzähl mir was

"Gisela" von Birgit Klein

Heinz und Gisela haben für die regelmäßigen Fliegerangriffe während des Zweiten Weltkriegs längst eine Routine entwickelt: Schnell aus dem Bett, der Koffer steht bereit. Doch in dieser Nacht ist alles anders

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Bild: istock © Getty Images/iStockphoto

Frieden finden, und das mitten in harten Kriegszeiten, geht das überhaupt? Heinz und Gisela war das gelungen, an einem frühen Donnerstagmorgen, mitten im kalten Winter 1943/44. Der Zweite Weltkrieg wütete schon seit mehr als vier Jahren. Entbehrungen, Hunger und Not waren allgegenwärtig.

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Heinz war wach, bevor der Bombenalarm begann. Irgendetwas hatte ihn aus seinem Traum geholt. Mit offenen Augen lag er im Bett und lauschte in die Nacht. Die große, alte Uhr tickte leise auf dem Kleiderschrank. Ihre Umrisse, und insbesondere ihr Zifferblatt, konnte er nicht erkennen, denn alles umher lag in völliger Dunkelheit. Er hörte auf die gleichmäßigen Atemzüge seiner Ehefrau. Die unterschiedlichen Geräusche vermischten sich in einer beruhigenden Regelmäßigkeit, und obwohl er es nicht wollte, schweiften seine Gedanken und verhinderten, dass er wieder in den Schlaf fand. Es hatte in ihrem langen gemeinsamen Leben nur wenige Ausnahmen gegeben, dass er und seine Frau getrennt waren, und ihm war es jedes Mal von neuem vorgekommen, als fehle ihm ein Stück seiner Seele, wenn das Bett an seiner Seite leer blieb. Es fühlte sich dann auf eine Weise falsch an, unvollkommen und trostlos, ja geradezu auf eine deprimierende Art schlecht. Giselas Nähe war zu einer wohltuenden Gewohnheit geworden, ihre Gegenwart ließ tief in seinem Inneren einen behaglichen Frieden entstehen. Sie bewegte sich und murmelte unverständliche Worte im Schlaf. Das hatte ihn wohl aufgeweckt. Langsam drehte er den Kopf in ihre Richtung, angestrengt suchte sein Blick nach ihr, doch die Finsternis umhüllte ihn wie eine schwere Decke. Die Klappläden des Fensters waren wie immer geschlossen und der dicke Vorhang zugezogen. Weder Mondschein noch Morgendämmerung erhellte ihr Schlafzimmer, und umgekehrt durfte kein verräterisches Licht nach draußen dringen und dem Feind den Weg weisen.



Der Sirenenalarm kam plötzlich, auch wenn man wusste, dass alle Nächte das gleiche jähe Ende nahmen. Das anhaltende Auf- und Abschwellen der durchdringenden Töne drang in Giselas Bewusstsein und weckte sie schlagartig auf. Sie schlug sogleich die Decke zurück und blieb schwindelig einen Moment auf der Bettkante sitzen. Heinz hörte sie kurz aufstöhnen. Er schaltete die kleine Lampe auf dem Nachttisch an, und das Schlafzimmer erschien vor seinen Augen, der Schrank, die Uhr, seine Frau Gisela, ja alles Vertraute und Liebgewonnene in seinem Leben. Trotz seines fortgeschrittenen Alters sprang er behände aus dem Bett, stand bald auf dem Bettvorleger und schlüpfte in seine Hose. Mit den wollenen Strümpfen an den Füßen und der warmen langen Unterwäsche war er schlafen gegangen, damit in der Nacht alles schneller vonstattenging. Auch bei Gisela saß jeder Handgriff, rasches Ankleiden gehörte zum Kriegsalltag wie all die anderen Dinge, die man lernte.

„Beeile dich“, drängte Heinz sie, „ich glaube, ich hör sie schon anfliegen.“

Gisela zog mit fahrigen Händen ihre warme Strickjacke über und hetzte zur Wohnungstür. Heinz half ihr rasch in den Wintermantel. Er nahm den kleinen braunen Lederkoffer, der gepackt bei der Wohnungstür stand, vergaß nicht, seinen Hut aufzusetzen, und stürzte ins Treppenhaus. Die Nachbarn von oben polterten an ihnen vorüber die Treppe hinab.

„Heinz, ich glaube, es ist zu spät, wir müssen diesmal im Keller bleiben“, rief Franz, der Nachbar.

„Ich will in den Bunker“, entgegnete Gisela trotzig.

Der nächste Luftschutzbunker lag in guter Reichweite. Der Weg war zu schaffen, bevor der Beschuss begann und die ersten mit hochexplosivem Sprengstoff gefüllten Luftminen die Hausdächer aufrissen, als seien sie aus Pappe gebaut. Der Haken bei der Sache war die schlechte Gesundheit von Gisela, die nur sehr langsam und beschwerlich vorankam. Die Füße und Beine wollten nicht mehr so wie früher; im Alter war die Leichtigkeit abhandengekommen. Sie öffnete Heinz beflissentlich die Haustür und alles, was folgte, war reine Routine. Heinz stellte den Koffer in seinen Leiterwagen, umklammerte den Griff des Wagens, zog ihn mit Kraft nach draußen, wartete voller Ungeduld, bis Gisela sich hineingesetzt hatte, warf währenddessen wie jedes Mal einen abschätzenden Blick zum Himmel und rannte schließlich hinaus in die kalte, dunkle Nacht, in eine Welt voller Trümmer.

Die Autorin: Birgit Klein

  • Birgit Klein ist 1962 in Mannheim geboren.
  • Sie wohnt schon lange im Mannheimer Stadtteil Gartenstadt.
  • In ihrer Freizeit schreibt Birgit Klein gerne Geschichten – und zwar solche, „die ich erfinde oder solche, die wirklich passiert sind“

Niemals wusste Heinz, ob er sein Zuhause bei der Rückkehr wiederfand oder ob es ein Abschied für immer war. Er reihte sich unter die Menschenmenge, alle hetzten in die gleiche Richtung. Der Wagen zog sich heute ausgezeichnet, Heinz flog geradezu mit seiner Last über das Straßenpflaster, angetrieben von den Sirenen des Fliegeralarms und den panischen Schreien der Menschen um ihn herum. Das ferne Motorengeräusch der ersten feindlichen Flugzeuge, beladen mit tödlicher Fracht, trieb ihn noch schneller an. Das bange Gefühl in seinem Herzen ließ ihn rennen, so schnell er konnte. Nur noch wenige Meter, und als er am Hochbunker ankam, schlugen bereits die ersten Bomben ein. Helfende Hände streckten sich Heinz entgegen, zogen ihn in das Innere des Schutzbaus. Heinz war unendlich dankbar, dass sie es wieder hierher geschafft hatten.

Aber Gisela war nicht da! Als ihm klar wurde, dass Gisela nicht an seiner Seite war, dass er nur mit dem Koffer das rettende Ziel erreicht hatte, ergriff ihn eine riesige Verzweiflung. Unglauben, Angst und die Vorstellung, dass sie aus dem Wagen herausgefallen war und mitten auf der Straße saß, in einer brennenden Hölle der Vernichtung, entsetzte ihn wahnsinnig.

„Meine Frau, meine Frau“, stammelte Heinz wie von Sinnen und drängte zurück zum Ausgang.

„Was machst du da?“, fragten ihn die anderen und versuchten ihn aufzuhalten.

„Ich habe meine Frau unterwegs verloren.“

„Gehe nicht, sie wird sich in Sicherheit gebracht haben“, rieten sie ihm, doch die Sorge um Gisela umklammerte sein Herz, und sein Verstand setzte aus. Er schüttelte fremde Arme ab, ließ sich von niemandem zurückhalten. Er machte etwas, das kein Mensch je vor ihm gemacht hatte: Er verließ den Bunker, um den Weg zurück nach Hause zu laufen, um Gisela, sein Ein und Alles, zu finden und aus dem beginnenden Inferno zu retten.

Heinz stürmte los, verlor seinen Hut, rannte um sein Leben, immer in Gedanken bei Gisela. Das ohrenbetäubende Pfeifen der fallenden Bomben und das Motorengrollen der Feindflugzeuge, die über die Stadt hinwegflogen, nahm Heinz kaum wahr. Sprengbomben detonierten bei ihrem Aufschlag mit ungeheurer Zerstörungskraft, ließen die Ziegel von den Hausdächern regnen, Fensterscheiben barsten, alles prasselte auf Heinz nieder. Lawinen von Steinbrocken fielen ihm vor die Füße, und das Vorwärtskommen mit dem Leiterwagen war durch die auf dem Weg liegenden Hindernisse fast unmöglich geworden, die Straße stellenweise unpassierbar. Er sah nur fremde, umherirrende Menschen, deren Entsetzensschreie ihn begleiteten. Brandbomben fielen nun wie Sterne vom Himmel, entzündeten mit ihrer starken Stichflamme die freiliegenden, leicht brennbaren Dachgebälke, entfachten in kurzer Zeit große Brände.

„Erzähl mir was“

  • Mehr als 100 Geschichten erwachsener Leserinnen und Leser zum Thema „Krieg und Frieden“ haben uns erreicht, zwölf sind in der Endrunde. Sie werden immer dienstags, donnerstags und samstags auf dieser Seite abgedruckt sowie auf der Website dieser Redaktion veröffentlicht – als Texte und als Podcasts, in denen die Geschichten von Kulturchef Stefan M. Dettlinger gelesen werden.
  • Unsere Leserinnen und Leser entscheiden dann, wer den dritten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewinnt: In einer Onlineabstimmung werden nach dem 20. August die sechs Siegerinnen und Sieger ermittelt.

Die ersten Feuer erleuchteten gespenstig die Nacht. Heinz blieb unverletzt. Er jagte fluchtartig durch den Bombenhagel, immer Ausschau haltend nach seiner Frau. „Giselaaa“, schrie er immer wieder mit heiserer Stimme gegen den Lärm an, „Giselaaa“.

Die Angst im Nacken und die Sorge um Gisela beflügelten ihn, er rannte wie ein Jungspund. Er hörte die Flakgeschütze am Stadtrand Granaten abfeuern, roch den Staub und Rauch, spürte die glühende Hitze. Feuerfunken segelten durch die Luft, die Stadt ging in Flammen auf. Er war schon fast wieder zu Hause, aber nirgends hatte er eine Spur von Gisela entdecken können. Eine Ahnung des Verlustes überkam ihn plötzlich und lähmte ihn. Mitten auf der Straße blieb er stehen, wo sollte er noch suchen? Eine verheerende Druckwelle schleuderte ihn an eine Hauswand und riss ihn zu Boden. Es war Franz, sein Nachbar, der ihn in den Hauseingang zog. Er hatte sich eine nasse Wolldecke übergeworfen und auf ihn gewartet. Er schleppte ihn in den Keller, wo auf wenigen Quadratmetern die anderen Hausbewohner beengt beisammensaßen, stumm vor Schreck, wieder eine endlose Nacht ausharrend bis zum Morgen. Hohle Augen waren auf ihn gerichtet, als er den kleinen stickigen Raum betrat. Das Kerzenlicht flackerte, die Kellerfenster waren bis auf kleine Lüftungsöffnungen zugemauert.

Ein Aufschrei aus der dunklen Kellerecke folgte, und da war sie, Gisela, seine wunderbare Ehefrau. Sie fiel ihm um den Hals, legte heulend ihre Arme um ihn.

„Du hast mich nicht mitgenommen“, schluchzte sie immer wieder.

Alle, die in diesem kleinen Kellerraum kauerten, starrten auf das alte Ehepaar und vergaßen für Sekunden die tobende Welt. Heinz hatte sein Gesicht in Giselas Haar gegraben. Er spürte seinen Herzschlag und fühlte die nassen Tränen Giselas auf seiner Haut. Trotz des schweren Luftangriffs entstand tief in seiner Seele ein unerklärbarer Friede, ein Gefühl des puren Glücks.

Heinz und Gisela hielten sich noch lange in den Armen.

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