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"Erzähl mir was" (mit Podcast)

"Friedensbringer" von Katharina Geiger

Was ist eine schlechte Schulnote im Vergleich zu der Angst, getötet zu werden? Krieg verändert alles. Und vor allem verändert er den Blick auf die Nichtigkeiten des Alltags. Auch des unsrigen?

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Bild: istock © Getty Images/iStockphoto

Kazu duckte sich, als er die Flugzeuge am Himmel sah. Er wusste bereits, was kommen würde – und er hasste es. Seit drei Monaten war das nun schon sein Alltag. Permanente Anspannung, jederzeit für einen neuen Angriff gewappnet. Bisher hatte er immer Glück gehabt. Doch früher oder später würde auch der Vierzehnjährige getroffen werden. Gefangene machten sie nicht.

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Sie – das waren die „Friedensbringer“, wie sie sich selbst gern nannten. Das war paradox, denn zuvor war hier Frieden gewesen, aber es war wohl der „falsche“ Frieden gewesen – diese Meinung vertraten zumindest die „Friedensbringer“.

Frieden war ein leerer Begriff geworden. All die Bedeutung, die dem Wort einst innewohnte, war gänzlich beseitigt worden. Früher war Frieden ein Konzept der Liebe gewesen, der Toleranz und der Gleichheit. Heute bedeutete Frieden nur noch eins: Gewalt, Krieg, Zerstörung.

Vielleicht würde irgendwann wieder Frieden einkehren, aber er würde belastet sein, vom Krieg. Es würde ein Siegerfrieden sein.



Einige waren geflohen. Dorthin, wo man keine Angst mehr haben musste, wo alles gut schien, wo die Häuser noch standen, wo das Leben unverändert weiterging, wo das, was hier passierte, die Menschen nur so weit kümmerte, wie es ihnen angenehm war. Wo sie heuchlerisch ihr Mitleid bekunden konnten und dann in ihr Leben zurückkehrten, um sich wieder mit ihren „Problemen“ auseinanderzusetzen, die keine waren.

Nein, Kazu wollte sie ihnen keineswegs absprechen, denn früher war das auch sein Alltag gewesen. Heute wusste er, dass es manchmal besser war, einen Schritt zurückzutreten und alles noch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, um dann festzustellen, dass keines ihrer kleinen Wehwehchen so unlösbar war, wie es schien. Ihr größtes Problem: die vergessene Klassenarbeit, das bedrückte Kind, der Regen, der auf sie herabfiel – seine: die Bomben, die auf sein Land herabprasselten.

Die Schule, die früher so schrecklich erschien, vermisste er inzwischen. Im ersten Monat hatte er noch Unterricht gehabt, nur sehr unregelmäßig, aber dennoch. Das nahm aber immer weiter ab, bis die „Friedensbringer“ sie schließlich in die Luft gesprengt hatten. Sie griffen gerne öffentliche Einrichtungen an, denn es ging schon lange nicht mehr darum, möglichst viele zu verschonen.

Deshalb flohen auch so viele. Die Gesellschaft, der Staat würde beseitigt werden. Das stand fest. Es gab keine Hoffnung mehr, den Staat, der zuvor war, wiederherzustellen.

Erstaunlicherweise gelang die Flucht häufig, denn es ging den „Friedensbringern“ ja nicht mehr darum, den Menschen durch Krieg den „richtigen“ Frieden beizubringen, sondern um den reinen Gewinn an Territorium, um dort mit dem eigenen Volk die gewünschte Gesellschaft aufzubauen. Daher war es egal, ob die Menschen nun flohen oder tot waren.

Kazu hatte Gründe, nicht zu fliehen. Er gehörte zu einer kleinen Gruppe, die sowieso schon so viel verloren hatte, dass sie genauso gut bleiben und denen helfen konnte, die nicht wegkonnten. Auch seine Großmutter gehörte dazu. Seine Eltern waren tot, seine Schwester mit Tante und Onkel geflohen. Er verstand alle, die flohen, aber er konnte es nicht. Würde er das tun, würde er sich schuldig fühlen, weil er dann die Schwachen und Hilflosen zurücklassen würde. Er wusste, dass sein Kampf ein hoffnungsloser war, doch er wollte nicht aufgeben. Eigentlich kämpfte er ja auch nicht, alles was er tat, war zu helfen.

„Erzähl mir was“

  • Mehr als 100 Geschichten erwachsener Leserinnen und Leser zum Thema „Krieg und Frieden“ haben uns erreicht, zwölf sind in der Endrunde. Sie werden immer dienstags, donnerstags und samstags auf dieser Seite abgedruckt sowie auf der Website dieser Redaktion veröffentlicht – als Texte und als Podcasts, in denen die Geschichten von Kulturchef Stefan M. Dettlinger gelesen werden.
  • Unsere Leserinnen und Leser entscheiden dann, wer den dritten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewinnt: In einer Onlineabstimmung werden nach dem 20. August die sechs Siegerinnen und Sieger ermittelt.

All diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er gefühlte Stunden lang kauernd auf dem Boden lag. Als das Flugzeug über ihn hinweggezogen war und die Geräusche verklangen, wagte er es, sich wieder aufzurichten. In dem Moment, als er den Kopf hob, sah er die Soldatin, die ihn mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen anblickte. „Schieß“, rief jemand hinter ihr. Einen Moment lang konnte er in ihren Augen etwas aufblitzen sehen, was er nicht deuten konnte. Dann traf ihn eine Kugel.

Friedenskrieg war sein letzter Gedanke, bevor er in sich zusammensackte.

Was war nur passiert? Hatte sie das getan? Sie betrachtete den kleinen leblosen Körper, der vor ihr lag. Sie hatte auf den Befehl gehört, der ihr erteilt worden war.

Es hieß, hier befände sich eine Gruppe von Widerständigen, die sich weigerten, das Land zu verlassen oder den Frieden zu akzeptieren, den sie brachten. Sie verstand nicht, warum sich jemand gegen den Frieden stellen sollte. Sie war in den Krieg gezogen, um diesen Leuten zu helfen, zu erkennen, dass das System, in dem sie lebten, falsch war. Der Frieden, der hier geherrscht hatte, war nur Schein. Es hatte für den Moment funktioniert, aber ein System brauchte einen starken Herrscher, im Angesicht der Gefahr würde es sonst scheitern. Das glaubte man ihnen nicht, weshalb es galt, das zu beweisen.

Es ging nicht darum, das Land gänzlich zu zerstören, nur ihr fehlerhaftes System aufzuzeigen. Wer hätte ahnen können, dass das Volk so widerspenstig sein würde. Nur deshalb hatte man beschlossen, die Willigen in das neue bessere System einzugliedern und Unwilligen die Möglichkeit zu geben zu fliehen, was auch die meisten dankbar annahmen.

Doch dann gab es auch noch die dritte Gruppe: die, die das alte System verteidigten. Man ging davon aus, dass inzwischen all jene, die fliehen wollten, bereits geflohen waren, und die, die sich ins neue System integrieren wollten, sich in den Auffanglagern gemeldet hatten. Im Umkehrschluss galt es nun, die Straßen von denen zu reinigen, die weiterhin aufständig waren.

Sie war sich immer sicher gewesen, dass sie auf der richtigen Seite stand. Doch als sie dem kleinen Jungen, der kaum älter als 14 Jahre war und auf dem Boden kauerte, in die Augen sah, war so viel Schmerz und gleichzeitig eine so große Reinheit, eine so große Unschuld darin, dass sie sich kaum vorstellen konnte, dass er jemals etwas Böses wollte. Einen Moment lang dachte sie, sie könne es nicht. Innerhalb weniger Sekunden tobte ein Kampf in ihr, wie sie ihn noch nie gefühlt hatte. Bisher war sie nur eingesetzt worden, um die Menschen zu evakuieren. Das hier war neu: Sie musste es tun, es war richtig.

Autorin Katharina Geiger

Katharina Geiger wurde am 13. November 2002 geboren und kommt aus Weinheim.

Sie studiert in Heidelberg Germanistik und Geschichte mit dem Ziel, Lehrerin zu werden. Nebenbei arbeitet sie als Nachhilfelehrerin.

Sie betreibt Kampfsport, engagiert sich in der Kirche, singt im Chor und ist gerne in der Natur.

Er sah nicht aus wie ein Terrorist.

Es war nötig für den Frieden.

Es musste einen anderen Weg geben.

Er hatte die Chance gehabt zu fliehen.

Es war unfair, er war ihr unterlegen.

Er hatte diese Entscheidung getroffen.

Aber was, wenn man ihm keine Wahl gelassen hatte?

Er trug die Verantwortung für sein eigenes Leben.

Wer war sie, über das Leben anderer zu richten?

Es war nicht ihre Schuld, sondern ein Befehl. Wenn sie sich diesem widersetzte, müsste sie die Konsequenzen tragen.

Er war ein Kind. Konnte die Folgen seiner Entscheidung vielleicht nicht absehen.

Sie konnte es nicht, es war falsch.

Gerade als sie die Waffe hatte sinken lassen wollen, hörte sie den Kommandanten hinter sich. „Schieß“, befahl er laut. Erschrocken schoss sie auf ihn. Sofort bereute sie, es getan zu haben, während der Kommandant ihr anerkennend auf die Schulter klopfte. Nun war es zu spät.

Was war nur passiert? Hatte sie das getan? Sie betrachtete den kleinen leblosen Körper, der vor ihr lag. Sie hatte auf den Befehl gehört, der ihr erteilt worden war.

Sie war kein Friedensbringer. Kein Frieden dieser Welt konnte Krieg rechtfertigen. Sie war ein Monster.

Kurzerhand entfernte sie ihre Abzeichen, blickte in das verdutzte Gesicht des Kommandanten, nahm den Jungen auf den Arm und rannte. Sie wollte seine Familie finden. Sich entschuldigen. Es wieder gut machen.

Sie war ungefähr hundert Meter weit gekommen, als sie den Schuss hörte. Dann traf er sie in den Rücken.

Lucian schlug erschrocken die Augen auf. Ein Albtraum. Keine Realität. Einmal tief durchatmen. Dann traf Lucian die Erinnerung: die Klassenarbeit, die Klassenarbeit – vergessen. Horror. Lucian würde eine schlechte Note mit nach Hause bringen, und dann würde die nächsten zwei Wochen bei ihnen zu Hause Krieg herrschen. Die Eltern würden Lucian umbringen. Als Lucians Eltern fragten, was los war, weil sie den besorgten Ausdruck auf dem Gesicht ihres Kindes sahen, sagte er nur: „Lasst mich doch einfach in Frieden!“

Lucian trat aus der Tür und ärgerte sich über den Regen.

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