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"Erzähl mir was" (mit Podcast)

"Der Junge mit den roten Gummistiefeln" von Johanna Basler

Ein Spielplatz mitten im Kriegsgebiet. Der acht Jahre alte Andiri, der sich Frieden wünscht. Und eine Journalistin, die sich auf die Heimreise begibt - und doch den düsteren Ort noch lange nicht hinter sich lassen kann.

Von 
Johanna Basler
Lesedauer: 
Ein Bild aus dem Ukraine-Krieg: Eine Wippe steht in einen leeren Kindergarten vor einem nach russischem Beschuss völlig zerstörten Gebäude.

Hinter den Fensterscheiben ist es dunkel, aber ich finde keinen Schlaf. Mein Blick wandert durch die spärlich beleuchtete Flugzeugkabine, und ich beneide all jene, die ausgeruht in Deutschland ankommen werden, weil sie jetzt schlafen können.

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Rund 1000 Kilometer liegen nun noch zwischen uns und dem Flughafen in Frankfurt. Ich empfinde Flugzeuge immer ein bisschen wie Zeitmaschinen. Sie saugen einen an einem Ort ein und spucken einen nur ein paar Stunden später an einem völlig anderen Ort wieder aus. Mit jedem zurückgelegten Kilometer entfernt man sich auch innerlich von dem Platz, an dem man gerade noch gewesen ist und nähert sich dem neuen Ziel. Aber obwohl bereits mehr als drei Viertel der Flugstrecke hinter uns liegen, stellt sich mein Kopf dieses Mal nicht automatisch um auf „daheim“.

Ich schließe die Augen und gestatte meinen Gedanken, dass sie zurückkehren nach Ragatorskaja.



Unser Einsatz begann vor zwei Wochen und führte uns gleich mitten in das Kriegsgebiet. Wir wurden in einem gepanzerten Geländewagen in einen zehn Kilometer vom Hotel entfernten kleineren Ort gebracht. Sowohl das Fahrzeug als auch wir selbst waren mit Schildern als Presse gekennzeichnet. Der Fahrer parkte unter einem Baum mit dichtem Blätterwerk. Möglichst unsichtbar bleiben.

„Haben alle ihre Schutzwesten an?“, fragte er uns. Als wir das bestätigten, durften wir aussteigen.

Wir sahen uns um. Eine staubige Dorfstraße. Viel staubiger als üblich. Eine Siedlung mit Einfamilienhäusern rechts und links. Sie erinnerten an die Kulisse für einen Katastrophenfilm. Zerborstene Scheiben, rußgeschwärzte Mauern, eingestürzte Wände, ausgebrannte Autos. Vorgärten mit Kinderschaukeln und Blumenbeeten. Übersät mit Trümmern.

Gespenstische Stille, plötzlich unterbrochen durch ein klägliches Winseln. Mein Blick folgte der Handbewegung des Soldaten vor uns. Er zeigte auf ein Gebüsch und winkte uns heran. Neben mir mein Kollege Ulf, dessen Kamera schon die ganze Zeit lief und unseren Einsatz dokumentierte. Als die Sicht auf den Rasen hinter den Sträuchern frei wurde, nahm ich die Kamera hoch, noch bevor ich richtig erkennen konnte, was da lag. Klick -klick - klick. Ich sah durch das Objektiv den Hund, der seinen Kopf auf einen kleinen Körper gelegt hatte und jämmerlich jaulte. Als wir näherkamen, stand er auf.

Nun offenbarte sich die grausame Fratze dieses sinnlosen Krieges. Zwei Einschusslöcher im Kopf boten einen verstörenden Anblick. Mein Auge sah durch die Kameralinse nur einen toten Körper. Erst später, vielleicht nachts im Schlaf, vielleicht auch erst nach Tagen, wenn ich denke, ich hätte das alles schon verarbeitet, wird der Körper des Mädchens ein Gesicht bekommen. Ich kenne das von vergangenen Aufträgen als Kriegsreporterin. Ein Schutzmechanismus.

Nach den Einsätzen kehrten wir am späten Nachmittag in unser Hotel zurück und redeten bei einem Tee über den Tag, danach sperrten wir den Beruf bis zum nächsten Morgen bewusst aus.

Wir konnten uns beide in der Landessprache verständigen und trauten uns, ohne Begleitung in der Nähe des Hotels vor dem Abendessen noch ein bisschen frische Luft schnappen zu gehen.

Gleich am ersten Tag entdeckten wir dabei einen kleinen Spielplatz und setzten uns dort auf eine Bank. Als ich Stimmen hörte, fuhr ich aus meiner bequemen Haltung hoch und sah Ulf fragend an. Er machte eine beruhigende Handbewegung. Ich drehte mich langsam um. Das erste, was ich von weitem sah, waren zwei rot leuchtende Punkte, die sich als Gummistiefel entpuppten. Sie gehörten einem circa Achtjährigen, der mit einem anderen Jungen und einem Mädchen nun den Spielplatz ansteuerte und sich im Sand niederließ, keine fünf Meter entfernt von uns. Sie sahen kurz herüber, aber zeigten keine Angst.

„Was wollen wir heute spielen, Jaschka?“, wurde das Mädchen gefragt.

Sie überlegte nicht lange. „Frieden! Ich will Frieden spielen!“

Der Kleinere der Jungen wirkte nachdenklich. „Wie geht Frieden? Andiri, zeig uns, wie das ist … Frieden.“

Der Junge in den roten Gummistiefeln kaute aufgeregt auf seiner Unterlippe. Dann streckte er sich und wurde sich wohl seiner Rolle bewusst, die er als der Älteste einnahm.

„Frieden, das ist ganz doll schön. Man lebt ohne Angst zu sterben und ohne Angst vor Bomben!“

Jaschka nickte verstehend. „Dann braucht man auch keine Angst vor Flugzeugen und Hubschraubern zu haben, gell?“

„Genau. Du kannst ihnen winken und es passiert Dir nichts.“

Das harmonische Miteinander der drei war so wohltuend, und wir freuten uns, als wir sie auch die nächsten Male wieder am Spielplatz antrafen. Manchmal kamen sie nach uns, manchmal waren sie schon da, und ich glaube, sie warteten dann ebenso ungeduldig auf uns wie wir auf sie.

Die Autorin Johanna Basler

Geboren bin ich im Mai 1964 in Mannheim und somit 58 Jahre jung. Aufgewachsen bin ich in Viernheim, wo ich bis heute lebe.

In meiner Freizeit schreibe ich gerne und lese viel. Außerdem liebe ich es, schöne Dinge zu entdecken und sie zu fotografieren.

Seit ein paar Monaten habe ich mich einer Autorengruppe in Speyer angeschlossen, um mich mit Gleichgesinnten auszutauschen und als Autorin weiterzuentwickeln.

Vier Tage vor unserem Rückflug herrschte in unserem Hotel heller Aufruhr, als wir vom Einsatz zurückkehrten.

„Ganz in der Nähe gab es eine Explosion. Vermutlich ein Blindgänger“, informierte uns ein Angestellter.

„Weiß man schon Näheres?“, fragte ich.

„Es hat wohl mehrere Tote und Verletzte gegeben! Auch Kinder sollen unter den Opfern sein.“

Einer von der Security wandte sich uns zu. „Verlassen Sie das Hotel heute bitte nicht mehr! Die Lage ist zu unsicher im Moment.“

Wir nickten.

Am nächsten Tag gab es Entwarnung. Die Lage sei jetzt soweit sicher. Wir konnten also wieder spazieren gehen. Als wir unsere Bank erreichten, packte mich eine Unruhe, die sich erst legte, als ich Andiri mit seinen Freunden von weitem kommen sah. Hörbar stieß ich die Luft aus.

„Mann, ich hatte schon Angst, dass …“

Ich sprach nicht aus, was ich dachte, aber Ulf verstand auch so. Er nickte. „Ich auch.“

Meine Erleichterung war jedoch nur von kurzer Dauer.

„Mascha, das ist nicht Andiri!“ Ulf hatte mich am Unterarm gepackt.

„Quatsch! Ich habe doch seine Gummistiefel erkannt!“, protestierte ich.

„Aber es ist nicht Andiri“, bekräftigte er ein bisschen lauter.

Nun sah ich genauer hin. Der Junge hatte Ähnlichkeit mit Andiri, aber er war es tatsächlich nicht. Und die anderen zwei Kinder waren auch nicht Jaschka und Leo.

„Es gibt doch mehr als nur ein Paar rote Gummistiefel in Ragatorskaja“, meinte Ulf zu mir.

„Aber sicher nur ein Paar mit einem Blumenaufkleber an der Seite“, entgegnete ich ihm traurig.

Vor dem Hotel kaufte ich die regionale Abendzeitung. Als ich sie aufklappte, wurde mir übel.

„Was ist los, Mascha? Du bist plötzlich ganz blass!“

Der Schreibwettbewerb "Erzähl mir was"

Mehr als 100 Geschichten erwachsener Leserinnen und Leser zum Thema „Krieg und Frieden“ haben uns erreicht, zwölf sind in der Endrunde. Sie werden immer dienstags, donnerstags und samstags auf dieser Seite abgedruckt sowie auf der Website dieser Redaktion veröffentlicht - als Texte und als Podcasts, in denen die Geschichten von Kulturchef Stefan M. Dettlinger gelesen werden.

Unsere Leserinnen und Leser entscheiden dann, wer den dritten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewinnt: In einer Onlineabstimmung werden nach dem 20. August die sechs Siegerinnen und Sieger ermittelt.

Wortlos reichte ich ihm die Zeitung. Dann sah er es selbst. Ein Bericht über die Explosion gestern. Die Schlagzeile lautete: „Blindgänger explodiert. Zwei Kinder sterben, vier werden verletzt.“ Darunter ein Foto. Ein Feld mit herumliegenden Kleinteilen. Und mittendrin zwei leuchtete rote Flecken. Der Blumenaufkleber war nicht klar zu erkennen, aber ich wusste auch so, dass es die Gummistiefel waren, die ich von dem Spielplatz nur allzu gut kannte. Meine Augen werden beim Gedanken an die Ereignisse der letzten Tage feucht. Meine Sitznachbarn im Flugzeug scheinen alle zu schlafen. Ich lasse den Tränen freien Lauf. Sie auf dem Gesicht zu spüren, heißt mich zu spüren und das tut gut. Ja, ich werde auf mich achten. Unsere Redaktion bietet nach belastenden Auslandseinsätzen Supervisionssitzungen an. Ich nehme mir vor, dass ich dieses Mal von dem Angebot Gebrauch machen werde.

Ich bin gerne Journalistin. Meine Arbeit ist mehr Berufung als Beruf. Die Berichterstattung aus Kriegsgebieten empfinde ich als wichtigen Beitrag, den betroffenen Menschen eine Stimme zu verleihen und die Realität vor Ort in die Wohnzimmer zu tragen. Es soll jedem zeigen, wie dankbar wir alle sein können, die in einem friedlichen Land leben dürfen. Und wir sollten aufmerksam bleiben und stets auf dieses Gut achten.

Wie schön wäre es aber, wenn mein Beruf überflüssig würde, weil überall auf der Welt Frieden ist und Krieg dann nur ein fiktives Kinderspiel wäre.

Dabei denke ich wieder an Andiri, den Jungen mit den roten Gummistiefeln, den ich nie vergessen werde.

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