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Kurzgeschichte (mit Podcast)

"Daheim ist kein Ort" von Barbara Imgrund

Obwohl in seiner Heimat Krieg ist, sehnt sich der acht Jahre alte Grischa nach seinem Zuhause. Alles wird noch schlimmer, als sein Hund verschwindet. Kommt Luba wieder zurück? Und kann Grischa endlich neu vertrauen lernen?

Von 
Barbara Imgrund
Lesedauer: 
© istock

"Hier ist Frieden“, hat Mama gesagt.

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Der Himmel leuchtet so blau wie zu Hause. Auf den Feldern wächst Getreide wie zu Hause. Es ist aber nicht zu Hause. Und es ist der dritte Tag ohne Luba.

Grischa kennt dieses Land nicht, in dem sie jetzt leben. Und er erinnert sich an keines der anderen Länder, durch die sie gekommen sind; sie sind spurlos an ihm vorübergezogen. Er konnte sie nicht festhalten, er hatte alle Hände voll zu tun. Die eine Hand umklammerte die Leine mit Luba, die andere den Riemen seiner Tasche, wegen der Diebe, die auch auf der Flucht waren.

Alles ist anders, seitdem Krieg ist. Sie mussten weggehen von zu Hause, ohne Papa, dorthin, wo sie fremd sind. Sobald Grischa die Augen schließt, sieht er wieder sich und Mama und seine kleine Schwester und seinen Hund in Ruinen am Straßenrand kauern. Poljas Augen wurden groß und leer, wenn die Geschosse die Mauern trafen und es Staub und Trümmer regnete, und Luba drückte sich an Grischa und vergrub zitternd ihre Schnauze unter seinem Arm.

Auf dem ganzen weiten Weg hierher hat Mama auf Polja aufgepasst und Grischa auf Luba, und Polja und Luba haben manchmal Späße gemacht und Mama und Grischa zum Lachen gebracht. Zusammen haben sie es hierher geschafft. Hier hören sie keine Sirenen und Raketen, sie müssen nicht mehr fliehen und um Hilfe betteln und irgendwie überleben. Hier liegen keine Leiber im Straßengraben, als wären es nie Menschen gewesen. Hier ist Fremde und Frieden und Sicherheit. Grischa kann endlich Papa vermissen und Heimweh haben, und er kann aufhören mit dem Aufpassen und Wachsamsein ... Und genau deshalb ist Luba jetzt fort, und er trägt Schuld daran, und er denkt, dass doch irgendwie immer noch Krieg ist.



Mama hatte Grischa zum Milchholen geschickt. Der Supermarkt liegt unten an der Ecke, man kann ihn vom Fenster ihrer neuen Wohnung aus sehen, es ist nur ein Katzensprung. Grischa kann schon ein bisschen Deutsch - er findet das Wort lustig, es gefällt ihm. So hat er Luba die Leine angelegt und ist mit ihr hinuntergegangen. Am Supermarkt gibt es einen Haken in der Mauer, dort hat er Luba festgemacht. Er hat sich sehr beeilt, aber an der Kasse hat es länger gedauert. Als er wieder draußen vor dem Supermarkt stand mit der dummen Milch, war der Haken leer und Luba fort.

Er möchte auf seine Schwester böse sein, weil sie immerzu Milch braucht und Luba jetzt nicht fort wäre, wenn Polja keine Milch gebraucht hätte. Aber er kann nicht böse sein, er kann nur Angst haben. Angst, wie er noch nie Angst hatte. Dabei hat doch gerade alles angefangen, wieder ein bisschen gut zu werden. Die Schneiders, bei denen sie hier wohnen, haben Polja eine Puppe geschenkt und Grischa einen Fußball, und Luba hat einen quietschenden Gummiknochen bekommen.

Grischa drückt Lubas Spielzeug an sich. Wo ist sie jetzt? Wer hat sie mitgenommen? Sind sie gut zu ihr? Weiter kann er nicht denken, weil dahinter ein schwarzes Loch lauert, in das er fallen könnte, und wer weiß, ob er dann jemals wieder herausfindet. In der neuen Schule sitzt er wie ein Geist, der gar nicht da ist. Er ist in Wirklichkeit bei Luba. Vielleicht tun die fremden Leute seinem Hund nichts, wenn er nur fest genug an ihn denkt … Der Bleistift, mit dem er seine Familie zeichnen soll, zerbricht wie ein trockener Zweig in seiner Hand. Das Mädchen, das neben ihm sitzt, schiebt ihm einen neuen Bleistift zu. Er ist rosa und glitzert.

Mama war bei der Polizei und im Tierheim, aber niemand weiß, wo Luba ist. Frau Schneider hat ein Suchplakat auf Deutsch gemacht, und Herr Schneider hat es ganz oft kopiert. Dann haben Mama und Polja und Grischa die Plakate mit Lubas Foto und Mamas Nummer aufgehängt. Es kommt nur kein Anruf.

Am zweiten Abend ohne Luba hört Grischa, wie Mama mit Papa telefoniert. Sie sagt: „Er ist erst acht Jahre alt und schon genauso wie sein Name - er ist Grischa, der Wachsame. Er hat dich vertreten, obwohl er das nicht hätte tun müssen. Immer war er stark für uns alle. Aber jetzt schwindet er wie ein Schatten. Er will nicht mehr hier sein. Er will nach Hause. Dort waren alle immer gut zu Luba.“ Dann weint Mama, um seinetwillen und wegen Papa und Luba und auch, weil der Krieg nicht aufhört.

Irgendwann schläft Grischa doch ein. Er träumt von dem Land, in dem er geboren ist, von dem knallblauen Himmel und den gelben Feldern, von wilden Wettrennen mit Luba am Fluss und von dem Picknick unter dem Kirschbaum letzten Sommer. Alles ist wieder gut und richtig in seinem Traum. Dann wacht er auf, mitten hinein in den dritten Tag ohne Luba, und alles ist schlimm und falsch.

Nachmittags nach der Schule klingelt es an der Tür. Draußen steht Lilly, das Mädchen mit dem rosa Glitzerbleistift. Sie hat eine Leine und einen Hund dabei. Sein Kopf reicht ihr bis zum Bauchnabel, sein Fell ist grau und gekräuselt, und er sieht aus großen, runden Augen zu Grischa auf. „Das ist Pelle, mein Hund“, sagt Lilly. „Vielleicht willst du mit ihm spielen.“

Grischa antwortet nicht. In seinem Hals steckt ein Kloß wie ein Korken, der eine Limonadenflasche verschließt. Wenn er nur ein einziges Wort sagt, dann wird alles aus ihm heraussprudeln, die Traurigkeit und das Heimweh und die Wut und die Ohnmacht und die Angst. Es wird ein reißender Fluss sein, so reißend wie der Fluss zu Hause, und er wird ihn das Treppenhaus hinunterspülen, zur Haustür hinaus, die Straße entlang und in den nächsten Gully, und dann wird er fort sein und Luba nie wiedersehen.

Nein, er kann nicht reden. Aber seine Hand zuckt in der Hosentasche. Sie möchte Pelles Hundekopf streicheln, sie traut sich nur nicht. Vielleicht ist es dann endgültig, und Luba kommt dann wirklich nie mehr zurück. Grischa presst die Lippen zusammen, sieht Lilly an und schüttelt nur den Kopf.

Als Lilly längst fort ist, merkt Grischa, wie froh er ist, dass er sich am Montag in der Schule wieder neben sie setzen kann. Er muss ihr nichts erklären, er darf sogar ab und zu einen Bleistift kaputt machen, und sie gibt ihm dann einfach einen neuen.

„Erzähl mir was“

  • Mehr als 100 Geschichten erwachsener Leserinnen und Leser zum Thema „Krieg und Frieden“ haben uns erreicht, zwölf sind in der Endrunde. Sie werden immer dienstags, donnerstags und samstags auf dieser Seite abgedruckt sowie auf der Website dieser Redaktion veröffentlicht – als Texte und als Podcasts, in denen die Geschichten von Kulturchef Stefan M. Dettlinger gelesen werden.
  • Unsere Leserinnen und Leser entscheiden dann, wer den dritten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewinnt: In einer Onlineabstimmung werden nach dem 20. August die sechs Siegerinnen und Sieger ermittelt.

Am nächsten Tag läutet es wieder an der Tür. Mama ruft Grischa. Vielleicht ist es Lilly mit Pelle? Aber da steht ein Mann und hinter ihm noch einer. Sie tragen Uniformen und Schlagstöcke und Pistolen. Grischa wird ganz steif und starr. Uniformen und Schlagstöcke und Pistolen sind Krieg. Hat er sie also doch noch gefunden.

„Hab keine Angst, mein wachsamer Grischa.“ Mama streicht ihm über die Wange, federleicht. „Alles ist gut. Schau.“

Sie schiebt ihn sanft zur Tür, und er blickt auf. Die Polizisten wirken gar nicht furchterregend, jetzt fangen sie sogar an zu lächeln, und der Mann, der hinten steht, tritt nach vorn. Er hält eine Leine in der Hand. Eine Leine mit Luba dran.

Grischas Herz macht einen Purzelbaum, genau wie Luba. Sie reißt sich los und springt an Grischa hoch und jault und wedelt mit dem Schwanz und dreht sich um sich selbst. Alles auf einmal.

Er wagt kaum, es zu glauben. Er blickt von einem zum anderen. Aber alle lächeln immer weiter, und da geht plötzlich noch eine Tür auf, tief drin in ihm. Er kniet sich hin, er versucht, Luba bei ihrem Jubeltanz zu fassen zu bekommen. Währenddessen hört er die Polizisten irgendwo über seinem Kopf mit Mama reden. Er versteht nicht, was sie sagen, weil Luba sich so laut freut. Aber sie ist wieder da und fröhlich, mehr muss er vorläufig gar nicht wissen.

Die Autorin Barbara Imgrund

  • Barbara Imgrund wurde 1967 in Landshut in Niederbayern geboren, aufgewachsen ist sie in Kaufbeuren im Ostallgäu.
  • Nach ihrem Germanistikstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München arbeitete sie zunächst als Lektorin in verschiedenen Verlagen, später als freie Literaturübersetzerin und Sachbuchautorin.
  • Seit 2000 lebt Barbara Imgrund, die neben Prosa auch Lyrik schreibt, in Heidelberg. Außerdem ist sie Ehrenamtliche im Hospizdienst und besucht mit ihrer Hündin Palliativstationen.

Schließlich beruhigt Luba sich, und Grischa kann sie in seine Arme nehmen und festhalten. Das mag sie sonst nicht, nur jetzt lässt sie es geschehen und leckt ihm über die Hand - seine Luba, die ihren Namen zu Recht trägt, denn sie ist wirklich „die Liebe“. Die Erwachsenen werden still. Grischa drückt sein Gesicht in dieses Hundefell, das noch immer so sehr nach Zuhause riecht wie nichts auf der Welt.

Er blickt zu den Polizisten in den Uniformen auf. Er hat keine Angst mehr, sie tun ihm nichts. Sie machen sogar etwas gut, das sehr lange nicht gut war. Er spürt Lubas Herz heftig klopfen unter seiner Hand. „Jetzt bist du wieder daheim“, raunt er ihr zu. Ihm fällt ein, was Mama gesagt hat, als sie hier ankamen, und er sagt es weiter, leise, mitten in Lubas Ohr hinein: „Hier ist Frieden.“

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