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"Erzähl mir was" (mit Podcast)

"Auf einen Schlag" von Traudi Hell

Weil der Vater nach einem Schlaganfall auf der Intensivstation liegt, stehen sich Schwester und Bruder nach langer Zeit wieder gegenüber. Plötzlich scheint alles anders. Haben sich die Geschwister wieder gefunden?

Von 
Traudi Hell
Lesedauer: 
© picture alliance/dpa

"Stroke Unit - wer?“ Herz und Hirn rasen. Der erste Anruf meines Bruders, seit wir leben. Wir sind beide über 50. Ich staune, will laut staunen, doch der Schreck kommt mir zuvor. Längst hat mein Bruder knapp erklärt, unser Vater sei auf intensiv. Wie es aussieht, habe er Glück im Unglück gehabt, denn er, C., und seine Frau seien anwesend gewesen, als Vati plötzlich ziellos umher gelaufen sei und nicht mehr sprechen konnte.

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Ich bin auch sprachlos. Und tief in meinem Inneren weiß ich, dass es die Tatsache ist, dass wir Geschwister soeben erstmals im Leben ein Telefonat führen, die mich mehr aufwühlt als die Nachricht vom Schlaganfall unseres Vaters. Auch ich laufe auf und ab. War da tatsächlich Besorgnis in seiner Stimme, auch Zuwendung mir gegenüber?

Ich bin ergriffen. Und am Ende schlägt er vor: „Lass uns gemeinsam hinfahren und das Nötige besprechen.“

Mein Herz steht weit offen wie ein Scheunentor, darüber glimmt die Frohe Botschaft „Ich habe einen Bruder“, … wenn ich dafür auch meinen Vater fast verloren hätte, vervollständigt mein Gehirn.

Bis wir uns treffen, laufe ich auf Hochtouren: meine Termine checken, umplanen, was ziehe ich an? Lädt er mich zu sich ein? Am Punkt „Recherche über Schlaganfall und die Folgen“ angekommen, stelle ich fest, ich empfinde und benehme mich wie ein verliebter Teenie. Erkenne ich den Ernst der Lage?

Klar, endlich bin ich NORMAL, ich habe einen Bruder, der greifbar ist, der mit mir in Verbindung steht.

Für meinen Vater sende ich Stoßgebete: möge er sich gut erholen, der Medizin sei Dank, und in die Selbstständigkeit zurückkehren können. In meinem Glück unterstelle ich ihm, absichtlich den Anlass dafür geliefert zu haben, dass C. und ich endlich miteinander reden. War es nicht über Jahre sein Wunsch, seine Kinder mögen „gut miteinander“ sein?



„Ich hole dich ab“, biete ich C. in einem erneuten Telefonat an, „wir laufen bei Vati mit seinem weißen Dieselschiff auf, das freut ihn.“ Nicht bedacht hatte ich, dass der vielleicht gar nicht ansprechbar und ihm sein alter Mercer egal sein könnte. Ich habe tatsächlich Herzklopfen, als sich die Haustüre öffnet und wir uns Auge in Auge gegenüberstehen. C. mit Strickjacke und Herrenhandtasche, dazu seine ausladende Mähne, und zwar ziemlich ungebändigt. Eine reizvolle Mischung aus Spießertum und Hippie-Look (unbeabsichtigt), wie ich finde. M., meine Schwägerin, murmelt im Hintergrund „Schöne Grüße“, wohl an Schwiegervati, ohne mich überhaupt eines Blickes zu würdigen, egal.

Eine echt coole Fahrerin will ich abgeben, lehne mich also weit zurück, schalte lässig, setze engagiert ein Gespräch in Gang, das auch an Stopp-Schildern und Ampeln nicht verstummen soll. Klar, der Hergang des Schlaganfalls spielt noch mal eine zentrale Rolle; ich frage mich, ob auch ich sofort den Ernst der Lage erkannt hätte. Leise Bewunderung macht sich in mir breit. Die schlägt in laute Bewunderung um, als wir auf private Belange zu sprechen kommen. Dabei hatte ich mir nicht vorstellen können, dass dieser Mensch, durch und durch auf Zahlen und Fakten fixiert, mir je irgendetwas mit Unterhaltungswert erzählen könnte. Ich lache sogar laut auf, als er tatsächlich seine Verbrecherjagd am Badesee zum Besten gibt. Er hatte vom Wasser aus gerade noch gesehen, wie ein Typ seine zurückgelassene Hose durchsucht und seine Brieftasche klaut. Und er in Badehose hinterher … C. schmunzelt schief bei meinem Amüsement, er, der doch nie Spaß verstanden hat, wenn es um sein Geld ging, der ungehalten losbrüllte, wenn er irgendwie zu Schaden kam. Und der es am allerwenigsten vertragen konnte, wenn andere sich über ihn lustig machten.

Statt diese Gedanken zu offenbaren, grinse ich die Fahrbahn vor mir an. Fast andächtig werde ich, als auch ich aus meinem Leben plaudern kann und auf offene Ohren treffe. C. fragt interessiert nach, lässt Hochachtung für mein Engagement in einem sozialen Beruf erkennen. Seine Bemerkungen, erstaunlich einfühlsam und weitsichtig. Meine Erkenntnis: Auch dieser Mann ist ein soziales Wesen, unter dem Zahlenkostüm verbirgt sich eine empfindsame Seele. X-fach schon bei anderen erkannt, aber in der eigenen Familie …

Zeit und Zweck unserer Fahrt habe ich längst vergessen, während ich detailgetreu von meiner letzten Reise erzähle. Obwohl er nie seinen Urlaub so verbringen würde, M. würde das auch nicht zulassen, merke ich, er ist voll dabei im Tier-Sanctuary, bei den durch Buschbrände verletzten Koalas, denen ich für ein paar Wochen in einem wunderbar engagierten und humorvollen Team Krankenschwester und Gesellschafterin sein durfte. In seinem Kommentar bemerke ich Anerkennung dafür, dass ich so unerschrocken Blut und Wunden meiner Schützlinge sehen und entsprechend versorgen konnte.

Unsere Tierrettungsaktionen fielen mir ein, ich muss circa zehn Jahre alt gewesen sein.

Der Wagen steht längst schon in einer Parklücke vor dem Klinikum, die Autotüren wollen nicht aufgehen.

Das hier ist dann doch eine ganz andere Nummer. Welche Wunden und Einschränkungen an einem kürzlich noch voll lebenstüchtigen Greis werden wir gleich anschauen müssen, denke ich beim Betreten des Treppenhauses, das so tut, als würde es in Hotelzimmer münden. Und: Wir haben nicht abgesprochen, welche Fragen jetzt zu stellen sind und wie wir unsere Position vertreten, dass Pa so lange wie möglich in der Obhut der Klinik bleiben soll, bis wir den nächsten Schritt klarer sehen. Mein Magen meldet sich, Hunger kann es nicht sein. -

Übers Autodach schaue ich zu meinem Bruder rüber. Mitgenommen sieht er aus. Pa hat verdreht und wie nach einer Kissenschlacht mit verknäultem Bettzeug dagelegen, dabei führten Schläuche zu Armen und Nase. Wir hatten nicht mit ihm sprechen können, dafür mit dem Oberarzt. C. hatte dem gegenüber kurz seinen bellenden Ton angeschlagen, den ich aus der Kindheit so gut kenne. Hier war er angebracht gewesen, ich hätte nicht die Kraft gehabt gegenzuhalten.

Der Rückspiegel zeigt mir einmal klarer den Faltenkranz um meine schmalen Lippen. Atemzüge wie Seufzer, ein paar Halbsätze und C.’s Brummeln zu sich selbst füllen nun den Fahrgastraum fast bis zur Haustür von C. Nachdem wir die nächsten Schritte benannt und Aufgaben verteilt haben, er: „Wir telefonieren.“

Ich: „Ich nehme dich gerne wieder mit.“

„Erzähl mir was“

  • Mehr als 100 Geschichten erwachsener Leserinnen und Leser zum Thema „Krieg und Frieden“ haben uns erreicht, zwölf sind in der Endrunde. Sie werden immer dienstags, donnerstags und samstags auf dieser Seite abgedruckt sowie auf der Website dieser Redaktion veröffentlicht – als Texte und als Podcasts, in denen die Geschichten von Kulturchef Stefan M. Dettlinger gelesen werden.
  • Unsere Leserinnen und Leser entscheiden dann, wer den dritten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewinnt: In einer Onlineabstimmung werden nach dem 20. August die sechs Siegerinnen und Sieger ermittelt.

Meinen Teil der Erkundigungen für unseren Vater absolviere ich flott und professionell, wie ich finde. Die Zeit dazwischen verbringe ich im Geiste bei C. Der Ton, in dem er mit dem Arzt gesprochen hat, bringt erstaunlich klar all die Szenen aus der Kindheit zurück, in denen er mich mit seiner Lautstärke, verbunden mit zischendem Grimassieren, drohenden Worten und immer wieder Schlägen und Tritten malträtiert hat. Jede belanglose Äußerung konnte ihn damals reizen, so dass er sich raubtiergleich vor mir aufbaute und mich in seinen Kinder-, später in seinen Jungmännerrachen blicken ließ. Spucke sprühte, mit wutverzerrtem Gesicht verfluchte er mich mit den stets gleichen Sätzen: „Du bist nichts, du kannst nichts, du wirst sowieso in der Gosse enden. Und wenn ich dafür sorgen muss…!“

Während seiner Lehrzeit wollte er sich meinen sozialen Abstieg gar was kosten lassen… Mein täglich Brot damals. Ein stilles und vorsichtiges Kind war ich, und stark gehemmt bin ich geworden. Dabei erinnere ich eine Zeit, in der ich heimliche Racheakte durchführte, wie zum Beispiel das Bepinkeln seiner Zahnbürste, kurz bevor er sich bettfertig machte. Meine kleine Genugtuung damals. Systemisch gesehen scheint es ein Konkurrenzthema gewesen zu sein: Ausgerechnet vor Pa konnte C. nicht bestehen, ich war Vaters Liebling, mit mir und meinen musischen Fähigkeiten setzte er sich bei Nachbarn und Kollegen in Szene. Ma, unsere arme, ängstliche Mutter, musste den Schlamassel ausbaden, konnte sich gegen C. nicht durchsetzen, musste auf Vater warten und dessen strafende Hand nach Feierabend…

Daneben tauchen ständig die Eindrücke vom gemeinsamen Besuch bei unserem Vater auf, die tröstende Verbundenheit, die ich - ganz klar - nicht mehr missen möchte.

Die Autorin Traudi Hell

  • Traudi Hell hat bereits während ihrer Schulzeit für die Theater-AG Komödien geschrieben, später dann Sketche und fiktive Dialoge am Telefon, etwa anlässlich von Hochzeiten oder Geburtstagen.
  • Auch beruflich schreibt die Psychotherapeutin aus Bad Mergentheim viel, ihre privat verfassten Texte fallen daher inzwischen eher kürzer aus. So sind viele Gedichte entstanden, darunter beispielsweise auch ein Gedichtzyklus an und über die Nordsee.

Kann ich darauf bauen? Haben wir uns auf Dauer gefunden? Jedenfalls freue ich mich auf meinen ersten Anruf bei ihm. M. muss ihn holen und im Hintergrund höre ich, wie er sie anzischt. Aha, ist M. am Ende meine Leidensgenossin? Zu mir ist C. an diesem Abend erneut freundlich, schätzt offenbar meine Erfolge in der Recherche für Pa. Ich fühle mich geachtet von meinem Bruder!

Wir haben Vater gemeinsam durch die Zeit der Rehabilitation und ins Altenheim begleitet. Unsere Verbindung blieb erhalten, wenn es auch Unstimmigkeiten gab, unter Geschwistern sowieso völlig normal.

Dann starb Vater ganz plötzlich, vier Tage vor seinem Geburtstag, den wir im Altenheim gemeinsam mit ihm feiern wollten.

Nach der Besprechung des Begräbnisses mit dem Herrn Pfarrer, zischte und brüllte mich C. vor dem Pfarrhaus an, ließ mich stehen. Es ging um meine unkonventionelle Idee für die Grabrede und natürlich um das Erbe. Ich erlahmte, wie ganz früher. Kontakt gab es danach nur noch über Anwälte. Jetzt gar nicht mehr.

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