Wirtschaft Mannheimer Start-up nuwo macht aus Homeoffice eine Geschäftsidee

Von 
Joana Rettig
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Mannheim. Auch wenn es seit rund einem Jahr massiv an Beliebtheit gewonnen hat: Nicht jeder mag Homeoffice. Das liegt dabei oft nicht unbedingt daran, dass man nicht gern von Zuhause aus arbeiten würde. Viele haben schlicht nicht die richtige Ausstattung. Ein Mannheimer Start-up macht daraus eine Geschäftsidee: Homeoffice-Möbel sollen geleast und für die Mitarbeitenden individuell angepasst werden. Damit wollen Lisa Rosa Bräutigam und Lukas Schlund von nuwo den Arbeitgebern ein günstiges Angebot machen und die nötige Flexibilität bieten.

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Die Gesundheit wird immer mehr zum Problem. Eine Umfrage im Auftrag des US-amerikanischen Büromaschinenherstellers Fellowes zeichnet ein besorgniserregendes Bild. Von der Gefährdungsbeurteilung und der Büroausstattung bis hin zur Pausengestaltung und dem Verständnis der eigenen Rechte am Arbeitsplatz – laut Fellowes kommen zu viele Arbeitgeber ihrer Sorgfaltspflicht nicht nach.

Markt verändert sich

Die nuwo-Gründer wollen es den Firmen einfacher machen. Ein Bewusstsein schaffen für die neue Art zu arbeiten. Hybrides Arbeiten wird laut Zukunftsforschern und –forscherinnen immer häufiger. Auch das Team von nuwo – das steht für „new Work“, also neues Arbeiten – erwartet, dass der Markt in dieser Hinsicht sensibilisiert wird. Das Konzept: Mitarbeitende suchen sich über Büroausstatter aus ihrer Nähe die für sie passenden Möbel aus – ergonomisch aber auch stiltechnisch. Viele Arbeitgeber bieten an, die Ausstattung aus dem Unternehmen zuhause zu nutzen. Rechtlich gesehen: korrekt. „Aber nicht jedem gefällt ein Schreibtisch oder Stuhl, wie er am Arbeitsplatz steht“, erklärt Bräutigam. „Die Ausstattung muss zum eigenen Interieur passen.“

Für die Unternehmen soll im gleichen Zug ein liquiditätsschonendes Angebot gemacht werden – deshalb die Leasing-Idee. „Für 25 Euro im Monat können hochwertige Möbel geleast werden“, erklärt Schlund. Mehr als 40 Möbelausstatter arbeiten dafür in ganz Deutschland mit nuwo zusammen. Die Idee kam Schlund, als er in seinem Freundeskreis die Probleme im ersten Corona-Lockdown mitbekam. „Ich habe gemerkt, dass es für viele nicht so einfach war, von heute auf morgen zuhause zu arbeiten – das war die Geburtsstunde von nuwo.“ Man habe ein langfristiges Problem erkannt.

Stress und Rückenschmerzen

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Laut der Fellows-Studie hat seit Beginn der Pandemie mehr als ein Drittel der Heimarbeiter (35 Prozent) Stress und Angstzustände erlebt. Mehr als jeder Dritte (37 Prozent) litt schon unter Rückenschmerzen. Und: Mehr als zwei Drittel (71 Prozent) zahlten die Ausstattung ihres Homeoffice-Arbeitsplatzes aus eigener Tasche.

Das Mannheimer Start-up besteht bisher aus Bräutigam, Schlund und einem Techniker in Berlin. Doch nuwo hat eine erfolgreiche Finanzierungsrunde hinter sich, will jetzt einstellen – vorrangig im Bereich Vertrieb. Über die Summe, die in der Finanzierungsrunde eingenommen wurde, habe man mit den Investoren Stillschweigen vereinbart, sagt Schlund. „Was wir sagen können, ist, dass sich ,Business Angles’ aus der Rhein-Neckar Region beteiligen.“

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Einer der Investoren ist der Gründer des Heidelberger Digitalversicherers Getsafe, Christian Wiens. Auch Getsafe habe begonnen, seine Mitarbeitenden über nuwo auszustatten. Und für Firmen, die sich mit einem solchen Schritt noch schwertun, hat nuwo laut Wiens ein Pilotkundenprogramm gestartet: „Es wird eine gewisse Anzahl an Pilotplätzen vergeben. Dabei dürfen sich dann beispielsweise fünf Arbeitnehmer auf Kosten von nuwo ausstatten, um das mal vorzuleben.“

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Und Wiens sagt: Das ist noch nicht alles. „Es wird künftig auch Softwarelösungen brauchen. Jeder Arbeitgeber muss bei seinen Mitarbeitenden eine Gefährdungsbeurteilung durchführen.“ Heißt, eigentlich müsste geprüft werden, ob bei dem Mitarbeitenden alles den gesetzlichen Ansprüchen entspricht. „Das macht ja keiner“, so Wiens, „nuwo arbeitet an einer Software, in der dies über Fragebögen evaluiert werden kann.“

Die Rechtslage

  • Allgemeine Auffassung ist: Damit Menschen von Zuhause aus arbeiten können, müssen Firmen einen Arbeitsplatz einrichten. Im Fall von Homeoffice ist die Firma für den Arbeits- und Gesundheitsschutz verantwortlich.
  • Aber: Beim mobilen Arbeiten müssen Arbeitgeber keine Ausstattung bereitstellen – auch beim Homeoffice ist der Arbeitgeber nicht immer in der Pflicht, sagt Rechtswissenschaftler Friedemann Kainer. Er lehrt Wirtschafts- und Arbeitsrecht an der Uni Mannheim.
  • „Nach bisherigen Urteilen muss die Bedingung erfüllt sein, dass das Homeoffice vor allem für den Arbeitgeber von Vorteil ist“, erklärt Kainer. „Wenn der Vorteil vor allem beim Arbeitnehmer liegt, ist das Unternehmen nicht in der Pflicht.“ Spannend könne es in der jetzigen Situation werden. „Wer hat beim Homeoffice durch Corona den größeren Vorteil: der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer oder doch eher die Gesellschaft?“ Urteile gab es bisher noch nicht. (jor)

 

Redaktion Weltreporterin mit Wirtschaftsschwerpunkt