Studie - Immer mehr Selbstständige mit Migrationshintergrund / Mannheimer Gründer sieht gesellschaftlichen Wandel als Ursache Immer mehr Gründer mit Migrationshintergrund

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Till Börner
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Akan Tekcan hat im Mannheimer Start-up-Zentrum Mafinex ein eigenes Software-Unternehmen gegründet. © Christoph Blüthner

Mannheim. Im Zuge der Anwerberabkommen, die die Bundesrepublik Deutschland in den 60er-Jahren hauptsächlich mit Mittelmeeranrainerstaaten schloss, kamen zahlreiche Gastarbeiter nach Deutschland. Viele waren ungelernte Männer und Frauen, die vor allem in der Industrie Tätigkeiten mit niedrigen Anforderungen ausübten. Sie standen zumeist bei Großunternehmen wie Daimler oder VW am Fließband.

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Inzwischen hat sich Einiges geändert: Mehr Menschen mit Migrationshintergrund machen sich selbstständig, und zusätzlich – anders als bei der Generation der Gastarbeiter – sind die in jüngerer Zeit Zugewanderten mit höheren Bildungsabschlüssen ausgestattet. Das geht aus einer Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) der Universität Mannheim hervor. Demnach hat die Zahl der Selbstständigen mit Migrationshintergrund zwischen 2005 und 2019 um über 250 000 auf 790 000 zugenommen – eine Steigerung von 50 Prozent.

Laut der im Auftrag der Bundesregierung erstellten Studie hat jede fünfte unternehmerisch engagierte Person in Deutschland einen Migrationshintergrund. Studienleiter René Leicht hat zwei Gründe ausgemacht, die diesen Anstieg erklären. Eingewanderte würden durch eine erfolgreiche Selbstständigkeit leichter einen sozialen Aufstieg erreichen als in einem Beschäftigungsverhältnis. „Und absolut betrachtet handelt es sich um einen Effekt verstärkter Einwanderung, vor allem von Hochqualifizierten“, erklärt Leicht. Denn akademisch gebildete Migranten würden sich im Vergleich zu Geringqualifizierten häufiger selbstständig machen. „Das schlägt sich in den Selbstständigenzahlen nieder“, so der Fachmann.

Branchen verschieben sich

Entsprechend verschoben haben sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten auch die Branchen, in denen Neugründungen stattfanden. War vor 25 Jahren noch die Hälfte aller migrantischen Selbstständigen in Gastronomie und Einzelhandel tätig, sind es heute noch 25 Prozent. Zwar prägen Restaurants, Imbisse sowie Obst- und Gemüseläden mit ausländischen Namen viele Innenstadtbilder, doch ist auch jedes vierte Migrantenunternehmen den wissensintensiven Dienstleistungen zuzuordnen. Gemeint sind damit Ingenieurbüros, technologieorientierte Start-ups, Forschungslabore sowie Freie Berufe wie Steuerberaterinnen und Mediziner.

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Akan Tekcan ist einer von ihnen. Er wurde 1970 in der Türkei geboren und kam als Dreijähriger nach Deutschland. Nach seinem BWL-Studium in Mannheim und langjähriger Tätigkeit für den Softwarekonzern SAP entschied sich Takcan vor drei Jahren für den Schritt in die Selbstständigkeit. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Can Arikboga führt er die Do Not Nine Digital GmbH, die sich darauf spezialisiert hat, Personalabteilungen die Arbeit zu erleichtern. Mithilfe einer App können Unternehmen neue Mitarbeiter mit wenigen Klicks der Deutschen Rentenversicherung melden.

Die Studie des IfM kommt zu dem Schluss, dass das Gründungspotenzial von Zugewanderten längst nicht ausgeschöpft sei. Durch gesetzliche und bürokratische Hürden sei ihr Zugang zu beruflicher Selbstständigkeit gehemmt, heißt es als Begründung.

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Eine Aussage, die Akan Tekcan nicht bestätigen kann. Die biografischen Hintergründe seien bei der Gründung kein Problem gewesen, sagt er. Schwierig hingegen war die Zusage eines Kredites. „Das war nicht leicht. Ich seh da aber keinen Zusammenhang mit unseren Namen, sondern eher mit der üblichen Bürokratie“, so Tekcan. Viel Unterstützung hätten seine Mitgründer und er von der IHK Rhein-Neckar erhalten. Dass in den letzten Jahren mehr Menschen mit Migrationshintergrund wissensintensive Dienstleistungen gründen, ist auch Tekcan aufgefallen. Als einen Grund sieht er die „passive Integration“. Gesellschaftliche Denkschranken hätten sich geöffnet. „Die Leute haben das Gefühl, sie können und dürfen so etwas machen“, sagt er.

Export als Stärke

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Auf der anderen Seite seien in vielen Migrationsfamilien auch Traditionen weggefallen. „Früher wurde von den Eltern klar gesagt, was das Kind beruflich darf und wen es heiraten soll. Das hat sich aufgelockert“, erzählt Tekcan, der laut eigener Aussage in einem liberalen Haushalt aufgewachsen ist.

Als eine „herausragende Stärke der migrantischen Unternehmen“ bezeichnet die Studie ihre internationalen Beziehungen und Netzwerke. Sprache und landesspezifische Kenntnisse seien hier ausschlaggebend. Daher liegt die Exportaktivität unter Migrantengründungen bei 14 Prozent, bei Gründungen deutscher Herkunft sind es nur 9 Prozent.

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