Freizeit - Reisemobile und Wohnwagen sind während der Pandemie gefragt wie nie / Beliebt bei allen Altersklassen Die Caravan-Branche boomt

Von 
Beate Kranz
Lesedauer: 
2020 wurden in Deutschland fast 50 Prozent mehr Wohnmobile zugelassen als im Vorjahr. © dpa

Berlin. Der Campingplatz Hörnum auf Sylt ist für die Sommerferien jetzt schon ausgebucht. Ob die Urlauber jedoch an ihr Traumziel hinter den Dünen an die Nordsee reisen dürfen, ist ungewiss. Aktuell ist der Platz nur für Dauercamper geöffnet. Alle anderen Touristen dürfen nicht auf das Gelände, auch wenn sie mit eigenem Wohnmobil anreisen würden, sagt der Platzverwalter Rainer Dehn. Dies schreiben die Corona-Regeln von Schleswig-Holstein vor. Viele Campingplätze in Deutschland bleiben unterdessen in den nächsten Wochen ganz dicht – da die Bundesregierung hierzulande touristische Übernachtungen bis zum 18. April untersagt hat.

AdUnit urban-intext1

Beispiellose Dynamik

2020 wurden in Deutschland erstmals mehr als 107 000 Freizeitfahrzeuge zugelassen – ein Drittel mehr als im Vorjahr und ein neuer Rekord.

Besonders gefragt waren Reisemobile: 78 000 Fahrzeuge wurden neu zugelassen und damit 45 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Umsatz der Branche kletterte um sechs Prozent auf 12,5 Milliarden Euro.

Auch der europäische Caravanmarkt steht nach Einschätzung der Branche vor einer nie gekannten Dynamik. Er dürfte nach einer Prognose bis 2025 jährlich um durchschnittlich 7,1 Prozent zulegen, der Bereich der Reisemobile sogar um 9,9 Prozent pro Jahr.

Der größte Wachstumstreiber sei der deutsche Markt, wo sogar ein Plus von 14 Prozent pro Jahr erwartet wird, wie eine Studie des Caravaning Industrie Verbands Deutschland (CIVD) ergab. ZRB

Flexibler Urlaub

Der Urlaub auf dem Campingplatz oder mit dem Reisemobil wird schon seit Jahren immer beliebter und hat mit der Corona-Krise einen weiteren Aufschwung erlebt. Angesichts der zahlreichen Reisebeschränkungen und Hygieneregeln betrachten viele Camper einen flexiblen Urlaub am Meer oder in den Bergen als ideale Alternative zu Hotels und Pensionen an festen Standorten.

„Mit dem eigenen Hausstand auf Reisen zu gehen bietet vielen Menschen die Möglichkeit, sich zu isolieren und gleichzeitig dem Alltag zu entfliehen“, berichtet Christian Günther, Geschäftsführer des Bundesverbands der Campingwirtschaft in Deutschland (BVCD). Und dieser Trend setze sich auch in diesem Jahr fort. „Viele Campingplätze sind für die Feiertage und Ferien schon lange im Voraus gut gebucht.“ Eine weitere Buchungswelle werde erwartet, sobald es konkrete Öffnungsperspektiven für die Campingplätze gebe.

Der Trend steigender Absatzzahlen bei Wohnmobilen, der bereits im vergangenen Jahr einsetzte, scheint ebenfalls ungebrochen. Allein Knaus Tabbert, einer der drei führenden europäischen Caravanhersteller, hat einen Rekordauftragsbestand von 18 736 Fahrzeugen im Wert von 640 Millionen Euro in den Büchern, berichtet Wolfgang Speck, Vorstandschef des börsennotierten Konzerns. 2020 kletterte der Konzernumsatz um 1,8 Prozent auf 794,6 Millionen Euro, für 2021 werde ein Umsatzplus von 20 bis 22 Prozent erwartet. Die Produktion soll erweitert werden, ein erstes vollelektrisches Fahrzeugmodell sei in Planung.

AdUnit urban-intext2

In den ersten zwei Monaten dieses Jahres gingen die Verkaufszahlen laut Branchenverband im Vergleich zum Vorjahr zwar zurück, nachdem sich die Zahl der abgesetzten Reisemobile im Dezember noch verdreifacht hatte. Viele Käuferinnen und Käufer hatten die Mehrwertsteuersenkung bis zum Jahresende genutzt, um vergünstigt ein Fahrzeug zu erwerben. Die Nachfrage sei sehr hoch, berichtet ein CIVD-Verbandssprecher. Allerdings möchten die Verbraucher aktiv beraten werden, was durch die geschlossenen Autohäuser zu Jahresbeginn nur schwer möglich war.

Wer einen eigenen Caravan kaufen möchte, muss tiefer in die Taschen greifen. In der Regel kosten gut ausgebaute Reisemobile ab 50 000 Euro. Wohnwagen gibt es ab 10 000 Euro. Nach oben hin sind wenig Grenzen gesetzt. Luxusmodelle können gerne auch mehrere Hunderttausend Euro kosten. Wer Anschaffungskosten scheut, kann auch mieten. Auf seiner „Rent and Travel“-Vermietplattform bietet Knaus Tabbert rund 2000 Fahrzeuge in Deutschland an, davon 300 Wohnwagen. 2020 gab es dort 18 000 Buchungen, auch für dieses Jahr sind viele Fahrzeuge schon reserviert. Die Mietpreise beginnen ab 100 Euro pro Tag, berichtet der Unternehmenssprecher Stefan V. Diehl. „Wer noch diesen Sommer ein Fahrzeug bekommen möchte, sollte jetzt buchen.“

AdUnit urban-intext3

Freiheit, Privatsphäre, Komfort

Caravaning wird von allen Altersklassen genutzt. Besonders groß ist das Interesse der 25- bis 44-Jährigen, von denen jeder fünfte von dieser Reiseform begeistert ist, wie eine repräsentative Umfrage zeigt. Aber auch jeder zehnte über 65-Jährige mag Urlaub auf Rädern. Caravaning steht bei vielen für Freiheit, Privatsphäre, aber auch für Komfort, sagt Vorstandschef Speck. Zudem sei es eine Form des nachhaltigen Reisens. Ein einwöchiger Urlaub in einem Wohnmobil verursache weniger CO2 als eine Flugreise in eine Großstadt.

AdUnit urban-intext4

Damit die Menschen ihre Liebe zum Campen bald wieder aktiv leben können, hofft der Campingverbandschef, dass Camping- und Wohnmobilstellplätze bei künftigen Corona-Öffnungskonzepten endlich mit einbezogen werden. Es sei nicht nachvollziehbar, so Günther, dass jeder Baumarkt und Friseur wisse, unter welchen Bedingungen der Betrieb funktionieren könne, „aber eine kontaktarme Outdoor-Urlaubsform wie Camping in der Diskussion gar nicht stattfindet“.

Autor