AdUnit Billboard
Glückspiel - Sportwetten und Online-Casinos sind jetzt bundesweit legal / Experten warnen vor gravierenden Folgen – vor allem für Jugendliche

Das große Geschäft mit der Spielsucht

Von 
Tobias Kisling
Lesedauer: 
Für Wettanbieter wie bwin ist die Fußball-Bundesliga ein ideales – und positiv besetztes – Werbeumfeld. © dpa

Berlin. Satte Bässe wummern, dunkel und verrucht geht es zu, der Kick der Straße. Dann treten sie auf: die großen Fußballstars der Nation, Vorbilder für viele kickende Jugendliche. Ihre Botschaft: Aufgeben ist keine Option, man will mehr, man will ganz nach oben. Emotionen, Gemeinschaft, Zusammenhalt und Erfolg – so ist sie geprägt, die Werbung der Sportwetten, die in diesen Tagen der Fußball-Europameisterschaft omnipräsent ist.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Steuerparadies Malta

Viele Sportwettanbieter haben ihren Sitz in europäischen Steueroasen. Vor allem Malta ist beliebt. Hier sitzen Unternehmen wie Tipico, Tipwin oder Interwetten.

Zwölf Prozent der gesamten Wertschöpfung des kleinsten EU-Landes entfallen auf den Glücksspielsektor.

Zugleich sieht sich Malta – ebenso wie die Wettanbieter – immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht genug gegen Geldwäsche zu tun. tki

Lange fristeten Sportwetten ein Dasein in der juristischen Grauzone – und das, obwohl der Markt seit Jahren wächst. Seit Beginn dieses Monats ist es damit vorbei. Sportwetten und Online-Casinos, die bisher bis auf ein kleines Schlupfloch in Schleswig-Holstein bundesweit verboten waren, sind fortan erlaubt. Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag soll ein gigantischer Markt aus dem Schatten geholt werden. 13,27 Milliarden Euro war der Markt 2019 laut Jahresreport der Glücksspielaufsichtsbehörden schwer. Fast jeder fünfte Euro wurde im illegalen Bereich der Sportwetten und Online-Casinos erwirtschaftet.

Spielsüchtige oft hoch verschuldet

Die Aussichten sind jedenfalls verlockend. Für Online-Casinos und Sportwettenanbieter, die auf noch mehr Umsatz, noch mehr Gewinn hoffen. Aber auch für die Bundesländer, die auf deutlich mehr Steuereinnahmen setzen.

Für die Branche ist der neue Staatsvertrag eine Revolution. Für Suchtexperten eine Katastrophe. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) attestiert rund 430 000 Menschen in Deutschland ein „problematisches Glücksspielverhalten oder eine Glücksspielsucht“. Meist seien es Männer, die glücksspielsüchtig werden. Und häufig seien sie jung, keine 25 Jahre alt, oftmals mit Migrationshintergrund oder niedrigem Einkommen.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

„Für sie bedeutet Glücksspiel der Traum von einem besseren Leben“, sagt Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachverbandes Glücksspielsucht und Leiterin der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht in Nordrhein-Westfalen. Die Realität sieht oft anders aus. „Bei keiner anderen Sucht ist die Verschuldung der Betroffenen höher“, sagt sie. Viele wüssten keinen Ausweg. „Und bei keiner anderen Suchterkrankung ist die Suizidrate höher als bei Glücksspielsüchtigen“, sagt Füchtenschnieder. Wie die BZgA auf Anfrage dieser Redaktion mitteilte, habe jeder dritte Spielsüchtige in Behandlung Suizidgedanken, fast jeder fünfte unternehme sogar einen Selbsttötungsversuch.

Der neue Glücksspielstaatsvertrag soll Spieler besser schützen. Es soll eine einheitliche Sperrdatei geben, die Spielern sowohl den Zugang ins Online-Casino als auch in die örtliche Spielhalle verwehrt. Einzahlungen werden auf 1000 Euro im Monat limitiert. Und eine neue Glücksspielbehörde soll in Halle an der Saale entstehen, um schlagkräftig gegen Missbrauch vorzugehen.

So weit die Theorie. In der Praxis wird die neue Glücksspielaufsichtsbehörde erst in eineinhalb Jahren voll arbeitsfähig sein. Bis dahin liegt der Spielerschutz weiter in den Händen der einzelnen Bundesländer.

Die Online-Glücksspielbranche drängt derweil aggressiv auf den Werbemarkt vor. „Es handelt sich um Produkte mit einer hohen Suchtgefahr“, sagt Psychologe Tobias Hayer, der an der Universität Bremen zur Glücksspielsucht forscht. „Zugleich werden Sportwetten und Online-Automatenspiele glorifiziert und verharmlost. Die Assoziation mit Sport ist positiv, berühmte Werbegesichter wie Scooter oder Oliver Kahn stärken das Vertrauen in das Produkt. Diese Werbepraxis widerspricht jeder evidenzgestützten Suchtprävention.“

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

„Keine Gefahr für Minderjährige“

Hayer ist besorgt, auch weil der Kontakt mit dem Glücksspiel deutlich früher stattfände, „oftmals schon mit 12, 13, 14 Jahren“, wie er sagt. „Die Unternehmen wissen um ihre künftige Zielgruppe, die Werbung ist oft jugendgerecht zugeschnitten.“

Luka Andric, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Sportwettenverbandes (DSWV), sieht das naturgemäß anders. „Für Minderjährige geht von Glücksspielwerbung mit aktiven Sportlern keine Gefahr aus, da sie ohnehin lückenlos von jedem Glücksspiel ausgeschlossen sind“, sagte Andric dieser Redaktion.

Der Staat verdient indessen am Wachstum der Branche mit. Im vergangenen Jahr flossen nach DSWV-Angaben 389 Millionen Euro an Sportwettsteuer an den Fiskus.

Autor

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1