US-Konzern baut Lkw-Motoren: Was bedeutet das für den Daimler-Standort Mannheim?

Von 
Tatjana Junker
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Auf dem Daimler-Areal in Mannheim arbeiten rund 5100 Beschäftigte im Lkw-Motorenwerk. © Bernhard Zinke

Mannheim. Der Nutzfahrzeughersteller Daimler Trucks steigt aus der Produktion von mittelschweren Verbrennungsmotoren aus und arbeitet künftig mit dem US-Konzern Cummins zusammen. Die beiden Unternehmen haben dazu vor einigen Tagen eine Absichtserklärung unterzeichnet. Was steht hinter der Entscheidung, und was bedeutet sie für den Standort Mannheim? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

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Warum will Daimler Trucks die mittelschweren Motoren nicht mehr selbst produzieren?

Die mittelschweren Motoren, die Daimler bisher selbst für seine Lkw und Busse baut, entsprechen der Abgasnorm Euro 6. Sie wird in den nächsten Jahren durch Euro 7 ersetzt. Um diese Abgasnorm zu erfüllen, müsste Daimler eine neue Motorengeneration entwickeln, was mit hohen Kosten verbunden wäre. Von mehreren hundert Millionen Euro spricht Yaris Pürsün, verantwortlich für das weltweite Produktionsnetzwerk von Daimler Trucks.

Dieses Geld will der Nutzfahrzeughersteller lieber in die Entwicklung alternativer Antriebe stecken. Eine Investition in neue, mittelschwere Verbrennungsmotoren lohnt sich laut Pürsün für das Unternehmen nicht. Schon jetzt sei die Nachfrage rückläufig, die Stückzahlen seien eher gering: Bei den Fahrzeugen, in denen diese Motoren zum Einsatz kommen - vor allem Stadtbusse und kleine Lkw -, gehe der Trend bereits heute deutlich zu alternativen Antrieben.

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Was sieht die Partnerschaft mit Cummins vor?

Der US-Konzern entwickelt mittelschwere Motoren mit der Abgasnorm 7, die Daimler Trucks dann in seinen Lkw und Bussen verbaut. Cummins verkauft die Motoren aber auch an Wettbewerber von Daimler, dadurch lohne sich das Geschäft für die Amerikaner.

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Was bedeutet die Kooperation für das Motorenwerk Mannheim?

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Cummins wird für die Produktion der Euro-7-Motoren eine eigene Fertigung in Mannheim aufbauen und mietet dafür auf dem Gelände des Mercedes-Benz-Werks eine Halle an. „Ab der zweiten Hälfte des Jahrzehnts“, also ungefähr ab 2025, sollen die neuen Motoren dort vom Band laufen. Der genaue Zeitpunkt hängt davon ab, wann die Euro-7-Norm in Kraft tritt. Sie wird derzeit noch auf EU-Ebene erarbeitet. Mit dem Start der Cummins-Produktion stellt Daimler seine eigene Fertigung schrittweise ein.

Seine großen Motoren für schwere Lkw und Busse wird der Konzern unterdessen weiter selbst produzieren. „Hier haben wir weltweit eine führende Position“, sagt Pürsün. Im Mannheimer Werk machen schwere Motoren den Großteil des Volumens aus. Auf die Daimler-Tochter Evobus in Mannheim hat die Partnerschaft keine direkten Auswirkungen.

Was kommt auf die Belegschaft zu?

Nach Angaben von Andreas Moch, Leiter des Mannheimer Mercedes- Benz-Werks, sind mit der Produktion der mittelschweren Motoren in Mannheim derzeit rund 15 Prozent der Mitarbeitenden beschäftigt. Bei einer Gesamtzahl von rund 5100 Beschäftigten wären das mehr als 700 Menschen. Offen ist, ob Cummins in seiner Mannheimer Fertigung Mitarbeitende von Daimler übernimmt - und ob diese dann zu den gleichen Konditionen angestellt würden.

Cummins benötige aber qualifizierte Fachkräfte und habe bestimmt großes Interesse, bisherige Daimler-Beschäftigte zu rekrutieren, so Moch. Man werde für jeden eine Lösung finden. Für den Standortleiter ist sicher: Die Partnerschaft mit dem US-Konzern sichert Arbeitsplätze. Mit Cummins sei vereinbart, dass Daimler dem US-Konzern seine Motoren nur abkauft, wenn er diese in Mannheim produziert. In den nächsten Monaten werde bei Daimler zudem entschieden, welche Bausteine das Mercedes-Benz-Motorenwerk künftig noch dazubekommt.

Was sagen die Arbeitnehmervertreter?

„Dass der Verbrennungsmotor perspektivisch ausläuft, war klar. Für uns und die Belegschaft ist deshalb viel wichtiger, welche alternativen Antriebe künftig bei Daimler in Mannheim hergestellt werden. Da ist uns der Konzern immer noch Antworten schuldig“, sagt Joachim Horner, Betriebsratsvorsitzender in Mannheim. Statt erst einmal hier seine Hausaufgaben zu machen, kümmere sich das Unternehmen darum, was aus Auslaufprodukten werde. „Das ist aus unserer Sicht zweitrangig.“

Statt einer klaren Perspektive für die Belegschaft werde „ständig eine neue Sau durchs Dorf getrieben“. „Das Nervenkostüm der Beschäftigten ist schon extrem strapaziert, durch Ankündigungen wie die heutige steigt die Verunsicherung“, bekräftigt Horners Stellvertreter Bruno Buschbacher. „Wir fordern Antworten Pro Mannheim, um der Belegschaft die notwendige Sicherheit zu geben“, heißt es auch in einer Stellungnahme des Betriebsrats, die am Dienstag an die Vertrauensleute im Werk und die Standortleitung verschickt wurde. Die geplante Kooperation mit Cummins könne man derzeit nicht bewerten, noch seien zu viele Fragen offen.

„Wichtig ist aus unserer Sicht, dass bei Cummins die Fertigungstiefe erhalten bleibt, also die Motoren hier nicht nur zusammengebaut werden, sondern auch die Gießerei- und Zerspanungsprodukte weiter aus Mannheim kommen“, erklärt Thomas Hahl, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Mannheim. „Vor allem aber brauchen wir Entscheidungen, welche Zukunftsprodukte bei Daimler in Mannheim gebaut werden, wenn der Verbrennungsmotor ausläuft“, sagt der Gewerkschafter.

Redaktion Wirtschaftsreporterin