„Nackenschlag für alle Aktiven“

Von 
Jan Kotulla
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Training oder gar Ligenspiele im Amateurbereich findet seit Monaten nicht statt. Für Thomas Rieger von der University of Europe for Applied Sciences ein schwer erträglicher Zustand. Der 47-Jährige warnt im Interview vor gravierenden Folgen.

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Es ist unumstritten, dass sportliche Betätigung viele positive Effekte hat. Warum zählen diese nun - zumindest gefühlt - nicht mehr?

Thomas Rieger: Das ist natürlich eine Frage der Prioritäten. Die Politik versucht in dieser schwierigen Lage, in der wir einer sehr starken physischen Bedrohung ausgesetzt sind, Bedingungen zu schaffen, diese Bedrohung für Leib und Leben zu minimieren. Da schaut man dann weniger links oder rechts und überlegt, was man begleitend tun kann, um die Bevölkerung widerstandsfähiger zu machen. Da gehört für mich der Sport und Bewegung dazu. Da geht es erst einmal um eine rein medizinische Perspektive: Wie kann ich eine Ansteckung, eine Erkrankung verhindern. Das geht über die Reduzierung von Kontakten. Und da der Sport, zumindest in den meisten Fällen, sehr kontaktgeprägt ist, ist es naheliegend, diesen zu unterbinden. Die Effekte, die Folgen dieser Maßnahmen sind dann eher zweitrangig.

Was brennt Ihnen da am meisten auf den Nägeln?

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Rieger: Dass der Sport und insbesondere die Fitnessindustrie keine Lobby haben. Dass nicht darüber diskutiert wird, dass nicht verstanden wird, dass ein aktiver gesundheitsorientierter Lebensstil dazu beiträgt, Krankheiten zu verhindern. Das sind genau die Krankheiten, von denen wir jetzt als Risikofaktoren sprechen. Das heißt, wenn ich einen gesundheitsschädlichen Lebensstil führe, führt das dazu, dass - zumindest in manchen Fällen - andere in der Pandemie Rücksicht auf mich nehmen müssen. Das hat auch etwas mit Solidarität zu tun. Aber das wird völlig ausgeblendet. Wenn die Bundesregierung dann ein Werbespotkonzept umsetzt, dass vermittelt, man solle jetzt drei Monate auf dem Sofa liegen, Dosenravioli essen und Cola trinken, dann ist das ein Nackenschlag für alle Aktiven, für alle Verantwortlichen im Vereinswesen, in der Fitnessbranche, die sich um die Themen Sport und Gesundheit bemühen. Man kann das Thema Ausgangsbeschränkungen ja netter verpacken, aber dieser Spot hat mich schon geärgert.

Was hätten Sie sich gewünscht?

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Rieger: Wir sehen ja das metabolische Syndrom in der Bevölkerung, also Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Da passiert mir zu wenig, um da gegenzusteuern. In der Pandemie wird alles getan, um Leben zu schützen und Todesfälle zu verhindern. Völlig richtig. Wir brauchen im Nachgang der Pandemie allerdings Initiativen und Konzepte zur Förderung eines aktiven Lebensstils. So könnte man diese Zivilisationskrankheiten besser in den Griff bekommen.

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Nach kurzen Lockerungen ist Sport für die breite Masse der Bevölkerung nicht mehr im Verein oder Fitnessstudio möglich. Worin sehen Sie die größten Auswirkungen für die Menschen, für die Vereine und kommerziellen Anbieter? Zumal ja der Lockdown verlängert und verschärft wurde?

Rieger: Wenn ich mir die Corona-Schutzverordnung anschaue, ist es nur erlaubt, alleine im öffentlichen Raum, also noch nicht einmal auf Sportplätzen, Sport zu treiben. Das ist schon eine massive Einschränkung der Möglichkeiten und des Zugangs, die aufgrund der aktuellen Infektionslage, zur Sicherung der Gesundheit jedes Einzelnen unumgänglich ist. Es gibt nur noch den einen sehr engen Kanal, nämlich diese informelle Art des Sporttreibens. Daraus ergibt sich das Problem, dass die Aktivität zurückgeht. Aus der Zeit des ersten Lockdowns gibt es eine interessante Studie der Uniklinik Münster, dass vor allem bei Kindern die Aktivitätsraten massiv gesunken sind. Und wir wissen, dass es bei Kindern noch mal dramatischer ist, wenn Bewegung reduziert wird. Ich sehe es als großes Problem an, wenn wir über einen so langen Zeitraum faktisch die beiden großen Zugänge zum Sport, nämlich über Vereine oder kommerzielle Anbieter blockieren.

Was macht das mit den Menschen? Geht da nicht vieles verloren, das für die Gesellschaft wichtig ist? Von den gesundheitlichen Aspekten mal ganz abgesehen?

Rieger: Da kann man sehr gut mit der Definition von Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation WHO argumentieren. Da heißt es, dass es um physische, psychische und soziale Gesundheit geht. Wir sind soziale Wesen, wir leben von einem Austausch. Der Sport ist das größte bürgerschaftliche und soziale Engagement in Deutschland. Wenn wir uns anschauen, dass 27 Millionen Menschen in 88 000 Vereinen engagiert sind, umfasst das etwa ein Drittel der Bevölkerung. Dieses Engagement ist leider für sechs Monate weitestgehend lahmgelegt. Da finden keine soziale Interaktion und kein soziales Lernen mehr statt. Bei den kommerziellen Anbietern haben wir natürlich auch einen sozialen Umgang, aber nicht in dem Maß wie in den Vereinen, wo wir eine demokratische Struktur haben, wo sich die Ziele der Organisation an den Interessen der Mitglieder orientieren. Da geht aktuell sehr viel verloren. Nicht nur was die physische und psychische Gesundheit angeht, sondern eben auch die soziale. Die Interaktion fehlt einfach.

Nicht zu vergessen, dass die meiste Arbeit im Verein von Ehrenamtlichen geleistet wird.

Rieger: Stimmt. Das ehrenamtliche Engagement ist ein weiterer wichtiger Baustein für die Vereine. Da kann man noch nicht absehen, wie sich das nach einer Öffnung entwickeln wird. Aber es ist eine sehr wichtige Säule für die Sportvereine, um überhaupt existenzfähig zu sein.

Allerdings geht nun immer mehr Zeit verloren, um Menschen für den Verein, für das Ehrenamt zu begeistern.

Rieger: Absolut. Beim Sport, gerade im Verein, geht es auch um die Förderung von Gesundheit in der Bevölkerung . Wir müssen verstehen, dass Bewegung eine Grundvoraussetzung ist, um gesund zu bleiben. Vor einem Monat hat die WHO ihre Bewegungsempfehlung nach oben angepasst. 300 Minuten leichte aerobe Aktivität pro Woche sollten wir generieren plus zwei Mal die Woche ein Kräftigungstraining für den ganzen Körper - um gesund zu bleiben. Das hat etwas mit einer Hygiene zu tun. So wie wir uns täglich die Zähne putzen - und da würde auch niemand auf die Idee kommen zu sagen, da habe ich jetzt keine Lust mehr. Und wenn wir jetzt aufgrund des fehlenden Zugangs unsere körperlichen Aktivitäten über einen längeren Zeitraum einstellen, wird das massive Auswirkungen auf den Gesundheitszustand aller Bevölkerungsgruppen haben.

In einer Erhebung der Sporthochschule Köln hat fast die Hälfte aller Vereine angegeben, dass sie Mitglieder verloren hat und einen weiteren Schwund fürchtet. Schon vor der Pandemie waren die Zahlen rückläufig. Wird es zu einer Erholung kommen?

Rieger: Tatsächlich mussten sich die Vereine bereits vor Corona hinterfragen, welche Angebote sie beispielsweise für die jüngere Zielgruppe umsetzen können. Das Problem, das ich sehe, ist, dass das Digitale in den Vordergrund rückt und die Lust an der Bewegung verloren geht. Da steht für die Vereine noch einiges an Arbeit an, um gerade die jüngere Zielgruppe zu revitalisieren.

Immer mehr Vereine haben schon reagiert und eigene E-Sport-Abteilungen gegründet. Wie stehen Sie dem Thema gegenüber, vor allem wenn es um das Thema Bewegung geht?

Rieger: Da kommt es auf die Definition von Sport an. Wenn man ihn als ein Wettkampfumfeld definiert, in dem es um eine Codierung Sieg oder Niederlage geht, dann tritt das auf den E-Sport zu. Und was Profi-E-Sportler leisten ist auch eine körperliche Herausforderung, primär eine kognitive. Die tägliche körperliche Bewegung kann das aber nicht dauerhaft ersetzen. Nicht zuletzt, weil der Sport im Sitzen ausgeführt wird. Aber E-Sport kann eine sinnvolle Ergänzung sein. An unserer Hochschule bieten wir mittlerweile ein eigenes Studienprogramm für E-Sport-Interessierte an.

Online ist ja das Wort der Stunde. Vieles kann man auch von zu Hause erledigen, wie man sieht. Und natürlich gibt es auch Fitness-Angebote wie virtuelle Radrennen und ähnliches. Stehen wir da am Anfang einer Verschmelzung dieser beiden Welten?

Rieger: Auf jeden Fall. Da gab es schon vor der Pandemie sehr positive Entwicklungen in der Fitness-Branche was digitale Angebote angeht. Es gibt ja bereits Anbieter, die ausschließlich online unterwegs sind. Und es gibt Unternehmen, bei denen man klassisch im Studio trainieren kann und zusätzlich Online-Fitness anbieten. Das hat durch die Pandemie einen unglaublichen Boost bekommen. Apple beispielsweise kommt mit einem eigenen Angebot auf den Markt. Daran kann man erkennen, dass dieses Thema ein ganz wichtiges ist. Aus meiner Sicht werden diese Angebote jedoch die stationäre Fitness zumindest mittelfristig nicht ersetzen können. Das hat schon damit zu tun, dass ein ganzheitliches Training zu Hause nicht möglich ist, weil mir da die Ausstattung fehlt. Ganz aktuell ist es ja schon schwierig, sich Equipment wie Kurzhanteln zu besorgen, weil die Nachfrage so enorm ist. Der Markt ist quasi leergekauft.

Die „Fitness-Industrie“ wurde aber von der Pandemie mit voller Wucht getroffen. Befürchten Sie ein großflächiges Sterben von Studios?

Rieger: Wir hatten vor der Pandemie 11,6 Millionen Mitglieder in Fitnessstudios. Die Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor, Schätzungen gehen aber davon aus, dass es etwa zwei Millionen weniger gewesen sind als im Jahr davor. Bis zu dem Einbruch war die Fitness-Branche aber eine absolute Wachstumsbranche. Selbst durch die Finanzkrise ist sie mit einem stabilen Wachstum gekommen. Da waren sehr viele Investoren unterwegs, weil es eine sehr lukrative Branche ist. Ich glaube, dass sich das stabilisieren wird und wir auf das Ausgangsniveau zurückkommen werden. Bezogen auf die möglichen Insolvenzen hängt es davon ab, in welchem wirtschaftlichen Kontext ein solcher Anbieter eingebettet ist. Wir sehen, dass große Betriebe mit mehreren Filialen da weniger Probleme haben werden, weil sie einen wesentlich stärkeren wirtschaftlichen Hintergrund haben, wohingegen der Einzelbetrieb um die Ecke es durchaus schwer haben dürfte - in Einzelfällen - das wirklich zu überstehen. Das steht und fällt mit der Bereitschaft der Kunden, die Beiträge weiter zu zahlen. Da wird es auch darauf ankommen, wie lange die Beschränkungen noch gehen. Da kann ein Monat schon einen Unterschied machen.

Dieses Problem dürfte auch auf die Vereine zukommen. Verstärkt, wenn sich die wirtschaftliche Situation der Menschen verschlechtert.

Rieger: Das kommt noch hinzu. Sport treiben ist ein tertiäres Bedürfnis. Zunächst decke ich meine Grundbedürfnisse wie Wohnen und Essen ab. Irgendwann kommt dann der Sport. Wenn die wirtschaftliche Situation schlecht ist, schneide ich natürlich erstmal bei den tertiären Bedürfnissen ein. Obwohl wir nach der Pandemie in wirtschaftlich schwierige Zeiten kommen werden, bin ich immer noch der Hoffnung, dass den Menschen der Sport wichtig ist und sie bereit sind, dafür Geld auszugeben.

Bleiben wir bei der Wirtschaft. Halten Sie die Sonderrolle bei den Profis, Stichwort Handball-WM oder Fußball-Bundesliga, für sinnvoll?

Rieger: Da bin ich zwiegespalten. Auf der einen Seite hat der Sport eine Vorbildfunktion. Auf der anderen Seite ist die Bundesliga ein großer Wirtschaftsfaktor mit vielen Arbeitsplätzen. Für viele Menschen ist der Profisport, dieses Entertainment eine willkommene Abwechslung in diesen Zeiten. Ich kann da für mich sprechen, dass es für mich wichtig ist, samstags Fußball gucken und ein bisschen Normalität zu haben. Ich kann aber verstehen, dass Menschen, die damit nichts zu tun haben, fragen, warum Bundesligaspiele stattfinden, meine Kinder aber nicht auf den Spielplatz können. Bei der Handball-WM ist es noch mal etwas kritischer, weil dort viele Nationen zusammenkommen. Ich vertraue aber den Veranstaltern dort, was die Hygienekonzepte angeht. Und ich kann auch die Sportler verstehen. Deutsche Spieler haben in Interviews gesagt, dass sie ihren Sport repräsentieren wollen, vor allem, wenn die Breitensportler selbst nicht spielen können. Insgesamt ist es sehr schwierig in der Abwägung.

Redaktion Sportredakteur