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Heimat

Projekte mit viel Potenzial

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© Michael Ruffler

Wissenschaft: Den Fortschritt in der Medizin voranzutreiben, dafür steht das Cluster Medizintechnologie Mannheim. Ein aktuelles Projekt befasst sich mit dem Thema Musik während einer Operation.

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Mit dem Cluster Medizintechnologie Mannheim verhält es sich ein bisschen so wie mit einem menschlichen Körper, der auf das Zusammenspiel von Organfunktionen angewiesen ist. Längst erfolgt zukunftsorientierte Forschung jenseits vom sprichwörtlichen Elfenbeinturm in gegenseitig inspirierendem Austausch. Nicht von ungefähr fördert die Stadt Mannheim auf dem Campus der Universitätsmedizin ein Kompetenz-Feld, das Nährboden für das Sprießen von Ideen mit Potenzial zur vermarktbaren Innovation bietet.

Campus

Das seit 2011 geförderte Cluster Medizintechnologie der Stadt Mannheim treibt die Vernetzung von Unternehmen, Startups, Uni-Klinikum und Forschung voran.

Die Fraunhofer-Gesellschaft für angewandte Forschung ist seit einem Jahrzehnt auf dem Campus präsent: Die Abteilung „Klinische Gesundheitstechnologien“ steht für die Digitalisierung zentraler Bereiche in Medizin und Biotechnologie.

In das Konzept eingebettet ist das medizintechnologische Großvorhaben „Mannheim Molecular Intervention Environment“ (M²OLIE), insbesondere für maßgeschneiderte Therapie von Tumorpatienten mit gestrafften Versorgungsabläufen. wam

„Unternehmer, Kliniker und Forscher sind hier nur so weit voneinander entfernt, dass eine mitgenommene Tasse Kaffee heiß bleibt“, pflegt Standortprojektleiter Elmar Bourdon das Konzept zu beschreiben. Es sind vor allem große Projekte, die im vergangenen Jahrzehnt von sich reden machten – beispielsweise der OP-Saal mit Hybridtechnik, die direkt auf dem OP-Tisch eine bildgebende Untersuchung ermöglicht.

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Auch wenn bei der Medizintechnologie Entwicklungen rund um Diagnose und Therapie im Mittelpunkt stehen, so geht es auch darum, Wohlbefinden zu fördern –auch und gerade in schwieriger Situation. Dass Kranke auf einer Intensivstation von Musik profitieren, ist seit Jahren bekannt wie belegt: Studien offenbaren, dass Ängste und Stress nachlassen, ja weniger Beruhigungsmittel nötig sind, wenn ein Organismus im Ausnahmezustand beispielsweise von einer wohltemperierten Bach-Fuge oder einer Mozart-Sonate „durchflutet“ und damit die Seele „gestreichelt“ wird. Einen völlig anderen Ansatz verfolgt die Arbeitsgruppe „Wach-OP“, die Mediziner, Musiker, Ingenieure und Physiker zusammengebracht hat. „Bisher gab es zwischen Musik und Medizintechnologie kaum Berührungspunkte“, so der Leiter für Kulturelle Stadtentwicklung Matthias Rauch.

Üblicherweise bekommen Patienten das Geschehen während einer Operation gar nicht mit – schließlich versetzt meist eine Vollnarkose in Tiefschlaf. Wenn es freilich gilt, einen Tumor in der Nähe des Sprachzentrums zu entfernen, so ist Kommunikation mit den jeweiligen Patienten nötig – damit Antworten auf gezielte Testfragen sozusagen den Weg fürs Skalpell weisen und dabei verhindern, dass wichtige Nervenzellen zerstört werden. Nicht von ungefähr gehört eine Neurochirurgin der Universitätsmedizin Mannheim, Miriam Ratliff, medizinisch federführend zu der interdisziplinären Arbeitsgruppe. Weil sich ein Patient beziehungsweise eine Patientin während einer Wach-OP nicht die ganze Zeit über mit der Logopädin austauscht, werden dazwischen Geräusche, wie das Absaugen von Flüssigkeit oder das Fiepen von Medizingeräten, wahrgenommen – was häufig als belastend empfunden wird. Und so reifte die Idee, in solcherart Kommunikationspausen Musik, nämlich vorher besprochene Lieblingsmelodien, über ein Audiogerät mit unterschiedlichen Sprachkanälen einzuspielen. Verwendet werden „InEar-Geräte“, wie sie auch Musiker benutzen. Jens Langejürgen vom Fraunhofer-Institut und außerdem Mannheimer Standortleiter für Klinische Gesundheitstechnologien spricht von einem zwar „eher exotischen“, aber gleichwohl „tollen Projekt“ mit viel Potenzial.

Erstaufnahme revolutionieren

Regelrecht ins Schwärmen gerät Langejürgen, wenn er von „Tedias“ berichtet – einem „Test- und Entwicklungszentrum für digitale Anamnese-Systeme“. Was etwas sperrig klingt, bedeutet: Die medizinische Erstaufnahme von Patienten soll automatisiert und eines Tages von Personal weitgehend unabhängig ablaufen. „Stellen Sie sich einen Sessel wie in der ersten Klasse eines Flugzeugs mit integriertem Tablet vor!“ Der Physiker mit Begeisterung von angewandter Wissenschaft erläutert, dass der etwas andere Sitzplatz mit sensibler Messtechnik ausgestattet ist. Und die dokumentiert in Blitzesschnelle Vitalfunktionen wie Körpertemperatur oder Herz-und Atemfrequenz und zeichnet obendrein per Mikrophon Atemgeräusche auf. Als Herzstück fungiert ein Avatar, der digital Routinefragen stellt und die Antworten speichert.

Das System einer automatisierten Erstuntersuchung solle keine ärztliche Untersuchung ersetzen, betont Langejürgen – aber es könne in Notaufnahmen das „Check in“ erleichtern und damit Wartezeit verkürzen. Der Fraunhofer-Entwickler kann sich vorstellen, den Hightech-Sessel ebenfalls für das Abspielen von Aufklärungsvideos , beispielsweise über eine bestimmte Therapieoption, zu nutzen. „Tedias“ sieht er als Beitrag zum Aufbau eines digitalen Krankenhauses, in dem das medizinische Personal von Routineabläufen entlastest wird – „damit mehr Zeit für Patienten bleibt“.

Bei dem Stichwort digitale Assistenzsysteme im Krankenhaus denkt der Laie zunächst mal an OP-Roboter wie den „Da Vinci“ mit ungewöhnlicher Vorgeschichte. Schließlich hatte die US-Armee mit viel Geld die Entwicklung eines intelligenten Systems mit dem Ziel gefördert, dass Operationen in weit entfernten Kriegs- und Krisengebieten digital von Chirurgen in amerikanischen Spezialkliniken virtuell gesteuert werden können. Guidoo heißt ein von Fraunhofer in Mannheim entwickeltes Assistenzsystem für schnellere und präzisere Gewebeentnahmen. Der Clou: Ein Roboter positioniert die Biopsie-Nadel punktgenau und obendrein mit exaktem Winkel sowie berechneter Tiefe.

Auf dem Mannheimer Campus für Medizintechnologie wird auch an kleinen Verbesserungen mit großer Wirkung getüftelt. Als Beispiele nennt Langejürgen Sensoren, die eine sanftere künstliche Beatmung ermöglichen oder Atemstillstände erkennen.

Ein Sensor machte das Rennen, als das Entwicklungszentrum Cubex One, Herzstück des Mannheimer Campus für Medizintechnologie, einen Startup-Wettbewerb ausschrieb. Aus 17 nominierten Projektideen wählten die Juroren jene Miniatur-Messstation aus, die bei Menschen mit gestörter Blasenfunktion den Füllstand des Speicherorgans stetig kontrolliert und entsprechend signalisiert, wann ein Toilettengang angebracht ist – und dies bevor es pressiert. Der über dem Schambein getragene, kaum spürbare Datensammler mit integrierter Kommunikationseinheit solle Kontrolle über die Blase zurückgeben, erklärte der Sprecher des jungen Teams aus Bayreuth unlängst bei der Verleihung des Preises. Und dieser besteht darin, dass das Startup „inConAlert“ ein Jahr lang mietfrei in Cubex One den Kontakt zu Tüftler-Kollegen wie der Urologischen Klinik nutzen kann.

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