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Reiss-Engelhorn-Museen - Wissenschaftler aus Togo tritt Stelle zur Erforschung der in den Depots schlummernden Exponate aus Afrika an

Wissenschaftler aus Afrika arbeitet koloniales Erbe Mannheims auf

Von 
Peter W. Ragge
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© REM/Rebecca Kind

Mannheim. „Ein Alleinstellungsmerkmal“ bescheinigt Stefanie Michels von der Universität Düsseldorf den Reiss-Engelhorn-Museen. Mit einem Wissenschaftler aus Togo, 1884 bis 1916 deutsche Kolonie, und damit einem Vertreter eines Herkunftslandes nehmen sie die Aufarbeitung der aus Kolonialzeiten stammenden Sammlungen aus Afrika in Angriff. Das sei „zumindest im deutschsprachigen Raum“ einmalig, so Michels.

„Wir wollen damit die Tür öffnen zu unserer gemeinsamen Geschichte“, hieß nun Wilfried Rosendahl, Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen, den neuen Mitarbeiter willkommen. Oussounou Abdel-Aziz Sandja ist 25 Jahre alt und seit 1. April in Mannheim.

Koloniale Sammlungen der Reiss-Engelhorn-Museen

Sammlung „Bumiller“: Theodor Bumiller (1864-1912) war viele Jahre in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika tätig, diente zeitweise als Adjutant bei Militärexpeditionen, dann als hoher Kolonialbeamter. Er trug eine umfangreiche Sammlung ethnografischer Objekte zusammen, die sich seit 1920 an den Reiss-Engelhorn-Museen befindet. Sie umfasst ca. 460 Objekte sowie zahlreiche Archivalien und Dokumente, darunter mehrere Expeditionstagebücher. Den Hauptteil der Objekte soll Bumiller von dem deutschen Reiseschriftsteller und Journalisten Fritz Bley (1853-1931) haben, dessen Erwerbsquellen noch nicht erforscht sind.

Sammlung „Thorbecke“: Franz Thorbecke (1875-1945) und seine Frau Marie Pauline (1882-1971) reisten 1911-13 durch Kamerun, wobei der Geograf Thorbecke Möglichkeiten zur kolonialen Nutzung des Kameruner Graslandes untersuchen sollte. Dabei sammelte das Ehepaar naturkundliche und ethnographische Objekte, von denen etwa 2000 an die Reiss-Engelhorn-Museen gelangten. Die Objekte stammen von verschiedenen Ethnien des heutigen Kamerun, wurden gekauft, gegen Tauschwaren gehandelt oder teils als Geschenk überlassen. Auch wenn man bei vielen Gegenständen nicht von einer rechtswidrigen Aneignung ausgeht, bleibt die Provenienz meist ungeklärt. pwr

Doch erst musste er in Quarantäne, ehe er seine Arbeit aufnehmen durfte. Die Stadt Mannheim übernahm seine Flugkosten. Die Curt-Engelhorn-Stiftung zahlte die Visakosten, besorgte ihm eine Wohnung und ein Fahrrad und füllte zum Auftakt seinen Kühlschrank. Das gehöre für ihn „zur Willkommenskultur“, betonte Wilfried Rosendahl.

„Es ist schön, ich werde von allen Seiten unterstützt“, freut sich Oussounou Abdel-Aziz Sandja. In Mannheim arbeiten zu dürfen, sei für ihn „ein sehr interessantes Projekt“, so der 25-jährige Germanist und Kulturwissenschaftler. Bereits während seines Studiums an der Universität Lomé hat er sich intensiv mit den Themen Kolonialismus und Archivwesen auseinandergesetzt. Zuletzt arbeitete er an der Deutschen Botschaft in Togo, hat daher Fortbildungen im Auswärtigen Amt Berlin absolviert. Sandja beherrscht sogar die Sütterlin-Schrift und kann damit gut Dokumente aus der Zeit des Deutschen Reiches entziffern.

Er kann Sütterlin-Schrift

Dass Kulturschätze aus Afrika in Deutschland sind, sei in seiner Heimat „nur in bestimmten Kreisen ein Thema“. Aber er nehme gerne die Herausforderung an, sich damit zu beschäftigen und „eine neue Perspektive in die Debatte“ zu bringen. Zwar gebe es ein Nationalmuseum, und auch der ehemalige deutsche Gouverneurspalast werde gerade zum Museum umgebaut, berichtet Sandja. In seiner Heimat hege man aber nicht die Erwartung, so sagt er auf Nachfrage, dass er sich sofort um die Rückkehr der Exponate nach Afrika einsetze oder gar gleich welche mitbringe. „Ich will mich mit den Objekten auseinandersetzen, damit wir wissen, wie wir damit umgehen müssen“, erklärt er.

Sein konkreter Auftrag ist zunächst, in den kommenden beiden Jahren zwei Sammlungen in den Beständen der Reiss-Engelhorn-Museen aus Afrika zu digitalisieren und in einer Online-Datenbank öffentlich weltweit – und damit auch in deren Heimat – zugänglich zu machen: die Sammlung „Bumiller“ und die Sammlung „Thorbecke“. Im ersten Jahr wird die Volontärsstelle vom Land finanziert, im zweiten von der Stadt. Die Förderung des Landes in Höhe von 61 600 Euro umfasst darüber hinaus Sachmittel für die notwendige technische Ausrüstung.

„Wir haben ein Scannersystem beschafft, mit dem wir benutzerfreundlich, in großem Umfang und auf hohem technischen Niveau arbeiten können“, erläutert Sarah Nelly Friedland, Direktorin der Reiss-Engelhorn-Museen für Archäologie und Weltkulturen sowie Projektkoordinatorin. Ziel sei, nicht nur die Exponate zu digitalisieren, sondern sie mit den reichlich vorhandenen, aber ungeordneten Zetteln und Briefen der Sammler zu verknüpfen, um mehr über Herkunft und Erwerb zu erfahren. „Wir wissen da erschütternd wenig“, es sei „oft ein Krimi“.

Besucher teilhaben lassen

Dabei befassen sich die Reiss-Engelhorn-Museen bereits seit 2013 mit ihren kolonialen Sammlungen, „bevor es alle anderen gemacht haben“, so Stefanie Michels von der Universität Düsseldorf. Sie hat dazu ein Forschungsprojekt begleitet und schon 2016 im Auftrag der Reiss-Engelhorn-Museen dem König von Bana/Kamerun, Sikam Happi V., verschiedene Bildreproduktionen von Aquarellen aus der Thorbecke- Sammlung als Geschenk übergeben.

„Mehr konnten wir aber mit unseren bescheidenen Mitteln nicht tun“, betont Rosendahl. Bisher hätten die Reiss-Engelhorn-Museen weder Personal noch Sachmittel zur Aufarbeitung gehabt. Die Stelle von Oussounou Abdel-Aziz Sandja sei „ein guter Anfang, aber kann nur ein Auftakt sein“, so Rosendahl. „Wir brauchen eine Dauerstelle – so ein wichtiges Thema kann man nicht nebenbei machen“, forderte er. Schließlich gebe es, was die Erforschung und Rückgabe von Exponaten in deutschen Museen aus Kolonialzeiten betrifft, „derzeit eine richtige Welle, die immer mehr an Bedeutung gewinnt“.

Auch die Besucher will Rosendahl an dieser Forschung teilhaben lassen durch „mehr Backstageeinblicke und digitale Projekte“, wie er ankündigt. Doch die Zeiten, in denen man die Exponate als „Fenster zur Exotik“ ausgestellt habe, seien vorbei. Seit über 20 Jahren werden die ethnologischen Sammlungen bewusst nicht ausgestellt, sondern in den Depots verwahrt. Rückgabeforderungen aus den Herkunftsländern gab es, weil die Bestände gar nicht genau bekannt und erforscht sind, aber auch nicht.

Redaktion Chefreporter

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