Neckarstadt-West - Stadträte entscheiden über Hilfsangebot für Trinker am Neumarkt / Bürger-Netzwerk fordert Aufstockung Streetworker sollen bleiben

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Timo Schmidhuber
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Der Neumarkt ist der zentrale Platz in der Neckarstadt-West. Durch den Einsatz von Sozialarbeitern sind Konflikte mit Trinkern weniger geworden. © Christoph Blüthner

Mannheim. Trinker auf dem Neumarkt in der Neckarstadt-West, die dort laut sind, Müll hinterlassen und in die Büsche urinieren. Nach Beschwerden von Bürgern finanziert die Stadt seit 2019 beim Caritasverband eine halbe Streetworker-Stelle, die sich zwei Mitarbeiter teilen. Sie sprechen die Trinker an und vermitteln sie an Hilfsangebote – die Lage hat sich nach Ansicht der Beteiligten seitdem verbessert. Die halbe Stelle soll es deshalb nach dem Willen der Stadtverwaltung auch in diesem Jahr weiter geben, der Hauptausschuss des Gemeinderats soll in seiner Sitzung am Dienstag die dafür nötigen rund 47 000 Euro bewilligen. Nach Meinung des Bürger-Netzwerks „Wohnumfeld Neckarstadt“ reicht diese Personalstärke allerdings nicht aus.

Themen im Hauptausschuss

Der Hauptausschuss des Gemeinderats tagt am Dienstag von 16 Uhr an im Ratssaal des Stadthauses. Die Sitzung ist öffentlich, die Gästezahl wegen Corona aber begrenzt.

Eine vorherige Anmeldung per Mail ist erforderlich: 15ratsangelegenheiten@mannheim.de

Auf der Tagesordnung stehen unter anderem ein Bericht zur aktuellen Corona-Lage in der Stadt sowie Mannheims Finanzplanung bis zum Jahr 2024. Außerdem geht es um ein Sofort-Unterstützungsprogramm für die Suchthilfe in Mannheim.

Tagesordnung und Unterlagen unter www.bit.ly/2Ni5f0f

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Aktuell betreuen die beiden Streetworker am Neumarkt 25 bis 30 Personen, die sich dort regelmäßig treffen und Alkohol konsumieren, wie es in der Rathaus-Vorlage für die Stadträte heißt. Bei den Betroffenen handelt es sich demnach fast nur um Männer verschiedener Altersstufen. Die meisten von ihnen wohnen in der Nachbarschaft, sie beziehen Hartz IV oder Rente. Obdachlose sind kaum darunter. Die Hälfte hat Migrationshintergrund.

Der Hilfebedarf der Menschen sei „groß und sehr breitgefächert“, so beschreibt es die Vorlage. Bei allen liege ein Alkoholproblem vor, sie bräuchten aber auch Unterstützung wegen finanzieller Schwierigkeiten, bei Behördengängen oder bei der Bewältigung familiärer Probleme. Den Streetworkern sei es insbesondere im Herbst 2019 und im Frühjahr 2020 gelungen, Betroffene in Therapien oder stationäre Reha-Maßnahmen zu vermitteln. Seit Beginn des Streetwork-Angebots gibt es laut Vorlage deutlich weniger Beschwerden aus der Bevölkerung. Die Verwaltung setzt sich deshalb nicht nur für eine Fortführung in diesem Jahr ein, sondern für eine dauerhafte.

„Tropfen auf den heißen Stein“

Dass die Stadträte das Geld für dieses Jahr bewilligen, gilt als sicher. Bereits im Dezember hatte sich der Gesundheitsausschuss dafür stark gemacht, der zuständige Dezernent Dirk Grunert (Grüne) sprach sich gar für eine längerfristige Fortführung aus. Die CDU-Fraktion hatte bereits bei den Etat-Beratungen auf eine Fortsetzung gedrungen.

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Auch aus Sicht von Maik Rügemer, dem Koordinator des Bürger-Netzwerks „Wohnumfeld Neckarstadt“, hat sich die Lage durch das Streetwork-Angebot durchaus verbessert. Aber es gebe rund um den Neumarkt immer noch viel Streit und Schlägereien, an denen Trinker beteiligt seien. „Eine halbe Stelle ist zu wenig, das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Rügemer findet, dass mindestens eineinhalb solcher Stellen notwendig seien – nicht nur um der Trinker-, sondern auch um der Drogenproblematik zu begegnen. Denn an vielen Stellen in der Neckarstadt-West werde mit Rauschgift gehandelt.

Für Rügemer ist der Neumarkt aus mehreren Gründen der falsche Aufenthaltsort für Trinker. Zum einen, weil er in unmittelbarer Nähe von zwei Schulen und zwei Kindergärten liege. Zum anderen, weil der Platz neu gestaltet und dadurch seine Aufenthaltsqualität verbessert werden solle. „Wenn Trinker auf dem Platz sind, wird das die Leute abschrecken.“ Die Streetworker müssten die Betroffenen deshalb ins Café Anker im Jungbusch lotsen – in die von Caritas und Drogenverein betriebenen Einrichtung können Trinker mitgebrachten Alkohol konsumieren und werden dort ebenfalls an weiterführende Hilfsangebote vermittelt. Eine andere Möglichkeit wäre für Rügemer, den Trinkern in der Neckarstadt einen weniger frequentierten Ort anzubieten, an dem sie sich aufhalten könnten.

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„Für uns hat Priorität, dass die Menschen nicht so im Alltag auffallen, wenn sie draußen sind – und nicht, dass wir sie von bestimmten Stellen wegschicken“, sagt Felix Burgdörfer, einer der beiden Streetworker am Neumarkt. „Aktuell kommen wir mit einer halben Stelle für die Betreuung der Betroffenen am Neumarkt klar. Aber in der Neckarstadt gibt es genug Menschen, bei denen wir Bedarf für Unterstützung sehen.“

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