Interview - Psychologin Anna Schreiber im Gespräch über ihre Zeit im Rotlichtmilieu und Therapiemöglichkeiten für Aussteigerinnen „Prostitution ist hart und hässlich“

Von 
Christine Maisch
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Mit Anfang 20 ging Anna Schreiber in Bordellen und Clubs anschaffen. Die finanzielle Not war groß, kurz nach dem Abi hatte die Tochter eines Diakons und einer Ärztin ein Kind bekommen. Sie arbeitete zwei Jahre im Rotlichtmilieu und stieg Mitte der 1980er-Jahre aus. Nach langer Therapie und zwei Studiengängen arbeitet sie seit 2008 als Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Karlsruhe. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben. „Körper sucht Seele“ zeigt Innenansichten aus dem System Prostitution. Nach ihrem Vortrag in der Diakonie-Beratungsstelle Amalie spricht die heute 57-Jährige über alte Wunden, psychische Folgen, Hilfsangebote und das Gnadengeschenk der Liebe.

„Mit Geld kaschierte Gewalt“ bezeichnet die Psychotherapeutin und Autorin Anna Schreiber Prostitution, wie auf diesem Bild zu sehen, in ihrem Buch „Körper sucht Seele“. © dpa
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Frau Schreiber, um den Lebensunterhalt von sich und ihrer Tochter zu bestreiten, haben Sie mit 22 Jahren ihren Körper für Geld verkauft. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Die Therapeutin, das Gesetz und Amalie



  • Anna Schreiber, 1961 in Bayern geboren, arbeitet als Psychotherapeutin in ihrer Praxis in Karlsruhe mit den Schwerpunkten Paardynamik, Sexualität und Traumatherapie. Sie hat zwei erwachsene Töchter und ist mehrfache Großmutter.
  • In ihrem Buch „Körper sucht Seele“ beschreibt sie ihre Prostitutionsgeschichte als junge Frau und erhellt die Räume und psychologischen Hintergründe, die im käuflichen Sex wirksam sind.
  • Seit der Novellierung des Prostitutionsgesetzes 2002 gilt „Förderung der Prostitution“ nicht mehr als Straftatbestand. Varianten des Bordells sind Eros-Center, Terminhäuser, Domina-Studios, FKK-Clubs etc.
  • Die Reform des Gesetzes ist 2017 mit der neuen Bezeichnung Prostituiertenschutzgesetz in Kraft getreten. Stichworte sind: Beratungstermine für Frauen und Männer, die in der Prostitution arbeiten, Kondompflicht und Auflagen für die Betreiber.
  • Die Diakonie-Beratungsstelle Amalie kümmert sich um Frauen in der Prostitution. Die Sozialarbeiterinnen helfen beim Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu. In der Draisstraße 1 können die Frauen aber auch duschen, Wäsche waschen und die medizinische Beratung nutzen.
  • Leiterin Julia Wege und die Mitarbeiter von Amalie haben neun Schwangerschaften und Geburten begleitet und 15 Kinder mit betreut. Es gab in fünf Jahren 296 Einzelfälle, 2288 Frauen wurden über Streetwork aufgesucht, 15 Frauen sind im Wohnprojekt betreut worden, darunter auch eine minderjährige Tochter. Infos unter: www.amalie-mannheim.de. mai

Anna Schreiber: Da gab es damals die Prostituierte, die Frau in roten Stiefeln, und es gab mich. Wir gehörten irgendwie zusammen, doch alles was die Prostituierte erlebte, lag wie in einem Nebel, das hat meine Psyche abgespalten, dissoziiert ist der Fachausdruck dafür. Die Dissoziation ist ein Notprogramm für Erlebnisse, die die Psyche nicht aushalten kann. Das, was bei der Prostitution geschieht, kann die Psyche nicht aushalten. Die Dissoziation ist ein notwendiger Mechanismus bei der Prostitution.

Sie sprechen immer wieder von dem „Märchen der freiwilligen Prostitution“.

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Schreiber: Ja, diese Geschichten von der sogenannten Edelnutte, die ihre Freier angeblich gerne empfängt und einen „Job wie jeden anderen“ ausübt. Dabei wird doch in Wahrheit die Freude an Nähe und Lust nur vorgespielt oder oft sogar erzwungen. Das Innerste und Intimste eines Menschen wird „beschmutzt“. Dieses Wort verwende ich hier absichtlich, denn Körperflüssigkeiten von fremden Menschen, die wir nicht mögen, riechen ekelhaft.

Das wahre Gesicht der Prostitution?

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Schreiber: Das wahre Gesicht der Prostitution ist hart und hässlich. Selbstverletzendes Verhalten, Alkohol, Medikamente und alle möglichen Drogen gehören für die meisten Frauen zum Alltag. Anders können sie das gar nicht aushalten. Prostitution ist mit Geld kaschierte Gewalt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, aber auch aus den vielen Gesprächen mit meinen Patientinnen im Laufe der Jahre.

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Dem Prostituiertengesetz stehen Sie kritisch gegenüber?

Schreiber: Ja. Ich halte die Legalisierung der Prostitution für brandgefährlich. Weil sie ein krankmachendes System stützt, das Leid von Frauen und die Gewalt, der sie ausgesetzt sind, kaschiert, in gewisser Weise für rechtmäßig erklärt. Auch das Leid der Männer wird verdeckt. Wenn wir Leid lindern wollen, müssen wir uns auch mit dem Leid derer beschäftigen, die es verursachen. Viele Männer schämen sich zum Beispiel, dass sie für etwas bezahlen müssen, was andere aus Liebe bekommen und umsonst. Mit Liebe, vertrauensvoller Sexualität und emotionaler Nähe hat Prostitution übehaupt nichts zu tun.

Es stellt sich ja auch die Frage, was wir unseren Kindern vermitteln wollen.

Schreiber: Eben. Unsere Kinder und Jugendlichen wachsen im Moment in einer Gesellschaft auf, in der der weibliche Körper käuflich ist, in einer Gesellschaft, in der Sexualität eine beliebig verfügbare Ware geworden ist. Wer will denn das? Ich halte das für äußerst gefährlich.

Wie können Sie den Frauen als Therapeutin helfen?

Schreiber: Ich begleite sie behutsam auf ihrem Weg. Ich belasse ihnen ihre Selbsthilfestrategien, wie zum Beispiel das dissoziierende Ausblenden, illusionäres Beschönigen oder das Verdrängen. Diese psychischen Schutzmechanismen sind wertvoll. Sie schützen die Psyche solange, bis sie nach und nach immer stabiler wird, und das Erlebte langsam in seiner kompletten Erlebnisqualität ins Bewusstsein kommen kann.

In Ihrem Buch beschreiben Sie diesen Weg mit dem Bild „Körper sucht Seele“.

Schreiber: Ja, es ist ein Weg. Und er kann lang sein. Doch es ist ein schöner Weg. Meine Aufgabe als Traumatherapeutin ist es, den Menschen zu helfen, Körper und Seele wieder in Kontakt zu bringen. Viele Schritte und manchmal auch Umwege gehören dazu. Doch wieder „zusammen“ zu sein, mit Körper und Seele, dankbar zu sein, das Grauen überlebt zu haben, das lohnt sich. Sich selbst verstehen zu können, in der Gegenwart und auch rückblickend mit all den Selbsthilfestrategien und Notfallstrategien, das ist wertvoll.

Wie können wir von außen helfen?

Schreiber: Wenn wir den Frauen, die in der Prostitution arbeiten oder gearbeitet haben, von außen helfen wollen, ist es wichtig, dass wir von innen verstehen, was da geschieht. Es ist wichtig, dass wir die Selbsthilfestrategien, zum Beispiel das Märchen von der „freiwilligen Prostitution“ als Illusion erkennen und verstehen. Wir dürfen das nicht glauben.

Das ist ja auch ein Grundprinzip für die Arbeit von Amalie.

Schreiber: Ja, die Mitarbeiterinnen bei Amalie bieten Verständnis an, medizinische Hilfe und ein sicheres Wohnumfeld – das sind erstmal die wichtigsten Dinge, um den Betroffenen zu helfen. Die Abwesenheit von jeglicher Verurteilung, eine Atmosphäre von Wärme und Sicherheit, das hilft.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft – physisch und psychisch?

Schreiber: Der psychische und seelische Verarbeitungsprozess dauert lange, manche Auswirkungen bleiben lebenslang. Ich hatte Glück. Ich bin mit dem Leben davongekommen. In vielen Situationen als Prostituierte damals hatte ich daran fast nicht mehr geglaubt. Ich habe neben Ausgrenzung, Gewalt, innerer und äußerer Verurteilung, auch viel Liebe und Unterstützung von Menschen erfahren, auf unterschiedliche Weise, bis heute.

Wissen Ihre Eltern, dass sie im Rotlichtmilieu gearbeitet haben?

Schreiber: Ich habe es ihnen erzählt, um nicht mehr erpressbar zu sein, als erwachsene Frau, viele Jahre nach Ende der Prostitutionszeit.

Wie haben sie reagiert?

Schreiber: Es wurde nicht thematisiert, nicht darüber gesprochen.

Und wie geht es Ihnen heute?

Schreiber: Es hat lange gedauert, bis mein Leben äußere und innere Stabilität hatte. Heute lebe ich glücklich. Meine wunderbaren Töchter mit Familie und Enkelkindern, mein Mann, mein Beruf, für all das bin ich so unendlich dankbar. Heute kann ich anderen Menschen als Therapeutin hilfreich zur Seite stehen. Das ist ein riesiges Geschenk, und das möchte ich weitergeben.

Das Interview wurde persönlich geführt und Anna Schreiber vor Veröffentlichung zur Autorisierung vorgelegt.

Redaktion