Gemeinderat - Nach elf Jahren gibt das linke Urgestein Thomas Trüper sein Mandat ab – Nachrücker Dennis Ulas wird gleich Fraktionschef Mit Schuhgröße 43 im sozialen Auftrag unterwegs

Von 
Lea Seethaler und Timo Schmidhuber
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Bezahlbares Wohnen in Mannheim ist für beide das derzeit wichtigste politische Anliegen: Thomas Trüper (l.) und Dennis Ulas. © Linke

Mannheim. Es sind große Fußstapfen, in die er da tritt. Das weiß der 31 Jahre alte Dennis Ulas. Schließlich saß sein Vorgänger Thomas Trüper elf Jahre lang im Gemeinderat und ist als Linker auch auf den konservativen Plätzen des Ratssaals wegen seiner Sachlichkeit angesehen. „Die Fußstapfen sind groß, aber ich denke, ich werde da hineinwachsen“, sagt Ulas in seiner ruhigen Art beim Videointerview, das der „MM“ mit ihm und Trüper gemeinsam führt.

Dennis Ulas

  • Dennis Ulas ist 31 Jahre alt und in der Neckarstadt aufgewachsen.
  • Er studierte in Heidelberg Geografie. Ulas arbeitet beim Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN), wo er als Verkehrsplaner für die Busplanung im Kreis Bergstraße zuständig ist.
  • In seiner Freizeit wandert und tanzt er gerne und fährt Rad.
  • Mit Anfang 20 wurde der Sohn eines türkischstämmigen Vaters Mitglied der Linken – weil ihm das Thema soziale Gerechtigkeit „ein Herzensanliegen“ sei, wie er betont. Von 2015 bis 2020 war Ulas einer von zwei Sprechern des Mannheimer Linken-Kreisverbandes. Seit mehr als sechs Jahren sitzt er für seine Partei im Bezirksbeirat Neckarstadt-Ost. imo
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„Ich habe schon politische Erfahrung von meiner Arbeit im Bezirksbeirat. Aber ich kann nicht elf Jahre Erfahrung von Thomas Trüper auf einen Schlag ersetzen“, weiß Ulas. Aus Sicht von Trüper ist das mit den Fußstapfen dagegen gar nicht so das Problem. „Wir haben beide Schuhgröße 43“, sagt er und grinst dabei auf dem Bildschirm am Schreibtisch seines Arbeitszimmers im Herzogenried.

Bei der Sitzung an diesem Dienstag wird der 70-jährige Trüper aus dem Gemeinderat verabschiedet, er wollte „altersbedingt“ aufhören. Ulas wird als Nachrücker von der Linken-Liste als neuer Stadtrat verpflichtet. Er übernimmt – obwohl Neuling – von Trüper auch gleich das Amt des Vorsitzenden der Fraktion LI.PAR.Tie, die die drei Linken-Vertreter gemeinsam mit Lea Schöllkopf (Die PARTEI) und Andreas Parmentier (Tierschutzpartei) bilden.

Lange geplant

Neu im Gemeinderat und dann gleich Fraktionschef? Hatten da nicht die beiden Linken-Stadträtinnen Hanna Böhm und Nalan Erol auch Ambitionen? „Wir haben darüber diskutiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass ich das machen soll“, sagt Ulas. Die Nachricht von Trüpers Rückzug mag vergangenen Dezember für viele Außenstehende überraschend gekommen sein – im Linken-Kreisverband dagegen war schon länger klar, dass Trüper nicht mehr die volle Amtsperiode machen will. Und schon früh haben sie sich darauf verständigt, dass Trüpers Nachrücker Ulas auch den Fraktionsvorsitz übernehmen soll. Seit Herbst 2019 sei er bei den Fraktionssitzungen dabei und deshalb „über die politischen Themen im Bilde“, wie Ulas betont. Trüper fügt schmunzelnd an, er habe seinem Nachfolger auch die „Sitten und Gebräuche“ im Gemeinderat erklärt – „wann man sich in der Sitzung einschaltet und wann nicht. Man muss ja nicht zu allem seinen Senf abgeben“.

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Wozu Ulas künftig aber auf jeden Fall seinen Senf abgegeben will, ist das Thema Wohnungspolitik. Mit dem Zwölf-Punkte-Programm, das bei größeren Neubauten einen verpflichtenden Anteil von bezahlbaren Wohnungen vorschreibt, gebe es in Mannheim schon erste gute Ansätze, betont er. Das gelte auch für den Bodenfonds, den der Gemeinderat mit Geld ausgestattet hat, damit die Stadt Grundstücke für Wohnbebauung kaufen kann. Aus Sicht von Ulas muss die Stadt hier aber noch radikaler werden – am besten gar keine Grundstücke mehr verkaufen und stattdessen selbst für bezahlbares Wohnen sorgen. Weitere wichtige Themen für den neuen Fraktionschef sind eine Verkehrspolitik, die „weg vom Auto und hin zum ÖPNV und zum Fahrrad geht“. Und das Thema Ökologie. „Es passt nicht mit den Klimaschutzzielen zusammen, dass wir in Mannheim Deutschlands größtes Steinkohlekraftwerk haben. Wir müssen Alternativen finden, wie wir das Fernwärmenetz mit erneuerbaren Energien betreiben können.“

„Hohes politisches Interesse“

Eine Alternative für seine Zeit nach der aktiven Politik hat Thomas Trüper schon gefunden. Erst einmal runterkommen, reisen, wenn es wieder möglich ist – und seiner Frau öfter im Schrebergarten im Herzogenried helfen. Soweit der kurzfristige Plan, wie er im Videointerview verrät. Doch Trüper hat nicht vor, „jetzt einfach von der Erdkugel zu verschwinden“. Das betont er mehrfach. Mit „hohem politischen Interesse“ werde er die Dinge weiterverfolgen – und „mit Rat und Tat“ zur Seite stehen. An der ein oder anderen Stelle werde er sich dann gezielt engagieren, so der 70-Jährige. Auch Vorsitzender der Interessengemeinschaft Herzogenried will er bleiben, und bei der linken Internet-Plattform „Kommunalinfo Mannheim“ werde er ebenfalls „nicht den Griffel fallenlassen“, wie er betont. „Es gibt wirklich einige Dinge, die ich machen möchte. Aber die Hand ist der Handbremse näher als in der Vergangenheit“, sagt er und grinst.

Polizist statt „Bulle“

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Rückblickend findet Trüper, dass mit dem Alter auch in seiner politischen Denke die Veränderungen kamen. „Man lernt, man lernt einfach“, sagt er. Vor 40 Jahren habe er die Dinge anders gesehen als vor 30. Und seit 20 Jahren, in denen er sich konkret mit Mannheimer Kommunalpolitik auseinandersetzte, noch mal mehr. Früher habe er die Dinge oft „holzschnittartig“ betrachtet, schwarz-weiß. Jetzt nehme er die Grautöne wahr. Auch die Wertschätzung für den demokratischen Rechtsstaat habe er dabei gelernt, sagt Trüper, der sich als Heidelberger Student zur Hochphase der Studentenbewegung politisierte. Damals seien Polizisten „die Bullen“ gewesen – heute sieht er sie als wichtigen Teil dieses demokratischen Rechtsstaats.

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Im Gemeinderat hat sich das Mannheimer Linken-Urgestein in all den Jahren durch seine diskursorientierte und dialogfreudige Art einen Namen gemacht. „Es gehört zur Gremienarbeit dazu, dass man sich respektiert und wertschätzt und Unterschiede austrägt. Dass man sich nicht die Köpfe einschlägt, sondern in einem vernünftigen Dialog zusammenkommt, wo es möglich ist.“

Und wenn man den „Alten“ nach einem Ratschlag für den „Jungen“ fragt? Nur ein Satz. Wie hieße der? Trüper überlegt kurz: „Nicht aus den Augen verlieren, dass man im sozialen Auftrag unterwegs ist.“

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