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Geistliches Wort

Ist es ein Fest?

Von 
Ilka Sobottke
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Am Sonntag öffnet sie: die 25. Mannheimer Vesperkirche. Ein Jubiläum, ja – aber auch ein Fest? In der Vorbereitung dauerndes Ringen: Kann, darf sie überhaupt stattfinden diese große Einladung an die Ärmsten der Stadt? Im Blick auf die Gäste ist deutlich: Sie muss stattfinden! Inflation, Energiepreise – all das trifft Menschen in Not besonders. Kalte Wohnungen, kein Gemüse, kein Strom … Am Beginn einer fünften Corona-Welle gilt es so viel Sicherheit wie möglich für Gäste und Ehrenamtliche zu garantieren mit Tests und Kontrollen. Das ist schwer auszuhalten – aber besser als keine Vesperkirche. Wo immer galt: Alle dürfen kommen, muss nun gelten: Nur wer geimpft ist, darf in der Kirche essen. Aber: Alle können Essen mitnehmen.

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Eine Frau kommt nach dem Gottesdienst zu mir: „Frau Sobottke, wollen Sie mir sagen, jetzt darf ich nicht mal mehr in die Kirche kommen? Ich darf nirgends mehr hin. Ich darf nicht mit der Bahn fahren. Ich werde immer doppelt bestraft!“ Ich antworte ihr: „Sie werden nicht bestraft, sie können sich doch impfen lassen. Ich meine, für die, die auf der Straße leben, ist es wirklich schlimm! Wie sollen die an eine Impfung kommen und dann noch an eine digitale Dokumentation, wo viele nicht mal Ausweispapiere haben.“ Sie erklärt: „Aber ich habe doch so eine Angst. Ich habe gehört, dass in zwei Jahren alle sterben, die sich jetzt impfen lassen.“ Ich frage sie: „Wer sollte das wollen?“ Und sie antwortet: „Die Regierung? Die Pharmaindustrie? Weil wir so eine Last sind. Weil wir immer nur kosten. Dann sind alle froh, wenn sie uns los sind.“

Vesperkirche ist notwendig

Ich bin kurz davor zu lachen, so absurd erscheint mir dieser Gedanke. Dann bleibt mir das Lachen im Hals stecken. Wie grausam, wie niederschmetternd, wenn jemand das denkt: „Ich koste ja nur, ich soll ‚abgeschafft‘ werden.“ Und wieder weiß ich, warum ich fest davon überzeugt bin: die Vesperkirche, das ist nicht nur so eine Idee. Die Vesperkirche ist notwendig – und zwar für alle die so leben. Mit so einem Gefühl: Ich bin nur eine Last, ich soll abgeschafft werden. Die Vesperkirche ist notwendig für alle, die in diesem Januar nicht wissen, wie sie die Heizung zahlen sollen oder auf der Straße leben, für alle, die schon viel zu lange meinen, sie seien nur eine Last. Dieses Jubiläum ist ein notwendiges Fest! Ich wünsche mir, dass die Vesperkirche dazu führt, dass alle den Blick heben, die voll Furcht und in Not in die Kirche kommen.

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“, so sagt das Jesus. Er ahnt, dass dunkle Zeiten kommen, dass viele in Not geraten. Dennoch verspricht er: eure Erlösung naht. 25 Jahre Vesperkirche erzählen von Not, die nicht endet. Aber sie erzählen auch davon, dass Menschen sich gegenseitig aufrichten. Die Helfenden entdecken neuen Sinn in ihrem Leben – und die, die Hilfe erfahren, dass sie anderen so viel zu schenken haben.

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25 Jahre Vesperkirche voller Wunder: Eine sieht auf und fasst wieder Vertrauen. Einer wird satt und gewinnt neuen Boden unter den Füßen. Einer findet heraus aus Sucht und Krankheit und stellt sein Leben vom Kopf auf die Füße. Eine findet Arbeit und ein anderer eine Wohnung und mancher einen Freund. In der Vesperkirche sehen wir auf die Not und vertrauen auf Wunder. Dass wir zusammen sein können in dieser Zeit ist ein Fest – und ein Wunder!

Ilka Sobottke, Pfarrerin der Mannheimer Citykirche Konkordien

Freie Autorin

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