Geistliches Wort

Innere Zugbrücke

Von 
Judith Schmitt-Helfferich
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Behalte deine Zugbrücke unter Kontrolle! Diesen Hinweis habe ich von einer guten Freundin bekommen, als ich ihr erzählt habe, was mich gerade alles beschäftigt: Eine Kollegin, die im Lehrerzimmer so fix und fertig ausgesehen hat. Ein Mann aus unserer Gemeinde, der sich große Sorgen um seinen schon erwachsenen Sohn macht. Eine Freundin, die unerwartet schwanger geworden ist. All diese Menschen liegen mir am Herzen und dennoch war mir in dem Moment ihr Leben einfach zu viel. Und dann fiel eben dieser Satz.

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Er stammt vom niederländischen Priester Henri Nouwen. Der vergleicht unser Innerstes mit einer mittelalterlichen Burg, die von einem breiten Wassergraben umgeben ist. Der einzige Weg, in die Burg zu kommen, ist eine Zugbrücke. Damit die Burg sicher bleibt, muss der Burgherr entscheiden können, wann die Brücke hochgezogen und wann sie heruntergelassen wird. Wenn er dazu nicht mehr in der Lage ist, können alle nach Belieben rein- oder rausgehen.

Das wird chaotisch. Und deshalb rät Nouwen: „Es muss Zeiten geben, in denen deine Brücke hochgezogen bleibt, und du Gelegenheit hast, allein oder nur mit denen zusammen zu sein, denen du dich nahe fühlst. Lass nicht zu, dass du eine Art Behörde wirst, die jeder nach Belieben betreten und verlassen kann. Du glaubst vielleicht, du müsstest jedem, der kommen oder gehen möchte, immer großzügig entgegenkommen, doch wirst du bald merken, dass du dabei deine Seele verlierst.“

Ruhephasen müssen sein

Mir hat das Bild von der Zugbrücke geholfen. Es macht mir klar, dass ich nicht Tag und Nacht für andere da sein kann. Ich brauche auch Zeiten, in denen ich bei mir bin. Selbst Kraft tanken kann. Sei es eine halbe Stunde Klarinette zu spielen, mit meiner Schwester ein Puzzle zu machen oder in einen Gottesdienst zu gehen. Denn Zeiten, in denen ich bei mir bin, sind oft auch die Zeiten, in denen ich Gott spüren kann. Mich in seiner Gegenwart ausruhen kann und merke, wie ich durch die Verbindung mit ihm gestärkt werde. So mit Gott verbunden ist dann in meinem Herzen auch wieder Platz für andere. Und nebenbei gesagt: Ich finde, ich muss mich auch nicht rechtfertigen, wenn ich mal einfach so keine Lust auf Betrieb habe und die Brücke oben bleibt. Als meine eigene Burgherrin darf ich das.

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Für mich ist klar: Ich möchte Burgherrin meiner inneren Burg bleiben. Und das geht nur, wenn ich zwischendurch meine Zugbrücke hochziehe. Nur dann bleibt meine Burg auf lange Sicht ein Ort, an dem ich mich wohlfühle und an dem auch andere sich ausruhen und Kraft tanken können.

Judith Schmitt-Helfferich, Pastoralreferentin in der Katholischen Stadtkirche Heidelberg

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