Arbeitsmarkt - 700 Geflüchtete haben seit der Flüchtlingswelle 2015 eine Ausbildung begonnen / Passende Lehre zu finden dauert Jahre „Chance, die man nutzen muss“

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Lisa Wazulin
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„Wer eine Ausbildung abbricht, ist nicht zwangsläufig gescheitert“: Dirk Axtmann von der IHK hilft ausländischen Bewerben, den richtigen Job zu finden. © dpa

Mannheim. Von heute auf morgen war er weg – zurückgereist in den Senegal, seine Heimat. „Das war ein Schock für uns, er war überall beliebt“, erinnert sich der Mannheimer Metzgermeister an seinen ehemaligen Azubi. Weder der Metzger noch sein Team wissen bis heute, warum der große schlaksige Senegalese quasi über Nacht die Ausbildung abgebrochen und damit sein neues Leben in Deutschland zurückgelassen hat. Denn eigentlich hat der 20-Jährige das geschafft, was sich viele Geflüchtete wünschen: einen Ausbildungsplatz in Deutschland zu ergattern und damit eine Aussicht auf Bleiberecht. Wer aber denkt, mit einer Zusage am Ziel angelangt zu sein, irrt sich.

Azubis aus anderen Ländern bei der IHK-Rhein-Neckar

  • Seit 2015 verzeichnet die IHK etwa 700 Geflüchtete, die einen IHK-Ausbildungsberuf begonnen haben. Von diesen hat ein knappes Viertel die Lehre erfolgreich abgeschlossen. Ein gutes Viertel (26 Prozent) dagegen hat aus verschiedenen Gründen erfolglos abgebrochen. Bei der Hälfte davon läuft die Ausbildung noch.
  • Von den 700 Azubis sind 12 Prozent Frauen. Das liegt daran, dass insgesamt weniger Frauen als Männer das Risiko einer Flucht auf sich nehmen oder wegen der Babypause keine Zeit für Sprachkurse haben und damit die Sprachkenntnisse für eine Ausbildung noch nicht ausreichen.
  • Vermittlung von beiden Seiten: Die Berufsberater schlagen Betrieben interessante Bewerber für eine Ausbildung vor. Dabei beraten sie die Betriebe zu Schritten, die eine Ausbildung vorbereiten können, wie ein Praktikum, Einstiegsqualifizierung und halten Kontakt zu den beteiligten Stellen. Zudem weisen sie auf Punkte, hin,die Unternehmen beachten sollten, etwa den Aufenthaltsstatus, die Bleibeperspektive der Bewerber und zu beachtende Formalitäten.
  • Gemeinsam mit Geflüchteten werden Interessen und Qualifikation ausgelotet. Aber auch die Herausforderungen einer Ausbildung klar gestellt. Die Berufsberater betreuen die Azubis auch während ihrer Lehre und sind Ansprechpartner für Sorgen und Probleme. red/lia
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Das weiß Dirk Axtmann nur zu gut: „Mit dem Start der Ausbildung fangen die Herausforderungen manchmal erst an“, sagt der Bildungsberater, „aber mit einer guten Vor-Auswahl der Bewerber und bei guter Begleitung bleiben die Herausforderungen beherrschbar.“ Sein Job bei der IHK-Rhein-Neckar: Gemeinsam mit jungen Geflüchtete herausfinden, ob und welche Ausbildung zu ihnen passt – in manchen Fällen kann es mehrere Jahre dauern, bis eine passende Stelle gefunden ist. „Die meisten wollen entweder studieren oder einfach arbeiten. Sie denken nicht daran, dass eine duale Ausbildung der richtige Weg sein könnte, um in Deutschland durchzustarten“, erklärt Axtmann.

Traumberuf Bankkaufmann

Oft kämen die jungen Männer mit dem Wunsch zu ihm, Bankkaufmann oder Fachinformatiker zu werden. Auch die Anforderungen für Technikberufe wie Elektroniker oder Industriemechaniker würden immer wieder unterschätzt – ebenso wie die Bedeutung von guten Deutschkenntnissen für eine erfolgreiche Ausbildung.

Wie schwer ist es, als junger Geflüchteter eine Lehre zu bekommen? Und was braucht es, um die mit all ihren Hürden abzuschließen? Antworten darauf hat Khaled Daoud. Sein ursprünglicher Plan: Architektur in Deutschland studieren. Der 25-Jährige war 2015 aus dem syrischen Aleppo geflüchtet. „Aber dann wurde mein Zeugnis hier nicht anerkannt. Und ich wusste überhaupt nicht, welche Alternativen es zum Studium gibt“, sagt der Syrer heute. Er entscheidet sich damals deshalb für ein Praktikum im Architektenbüro und merkt schnell: Das passt doch nicht! Ein Freund erzählt ihm vom Job als Grafik-Designer und ermuntert ihn, ein weiteres Praktikum zu machen. „Nach drei Wochen war klar: Ich will Mediengestalter werden, das ist meins!“, erinnert sich Daoud. Jetzt ist er schon im dritten Lehrjahr bei der Werbeagentur Xmedias, die wie der „Mannheimer Morgen“ zur Mediengruppe Dr. Haas gehört. Ob es auch Momente gab, in denen er die Ausbildung abbrechen wollte? „So viele Leute wünschen sich das, was ich habe. Diese Chance muss ich ausnutzen“, verneint der 25-Jährige indirekt.

Zeugnis nicht anerkannt

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Aber nicht immer passen die Rahmenbedingungen für Bewerber oder Betriebe. So berichtet Daoud von seiner Tante, die ihre Ausbildung zur Krankenpflegerin nicht geschafft hat. Der Grund: Am Ende des Tages blieb zu wenig Zeit für die zwei Kinder und auch die Fachausdrücke waren zu schwierig. „Im Deutschunterricht lernt man nur Grammatik. Aber im echten Berufsleben muss man viel mehr verstehen,“ sagt Daoud. Tatsächlich sind oft nicht nur Verständigungsfragen das Problem für einen Abbruch. Weil mit der Zusage zu einer Ausbildung die Chance für eine Duldung in Deutschland steigt, versuchen manche, die wenig Chance auf Asyl haben, verzweifelt, einen Platz zu bekommen – egal, ob sie der Beruf wirklich interessiert. Es gibt viele Gründe für einen Abbruch, der nicht das Ende bedeuten muss: „Wer eine Ausbildung abbricht, ist nicht zwangsläufig gescheitert. Oft klappt es beim zweiten Versuch“, sagt Axtmann.

Helfen, sich zurechtzufinden

Dass dabei Vertrauenspersonen eine wichtige Rolle spielen, die bei Problemen im Betrieb vermitteln, davon ist Jürgen Bichelmeier, geschäftsführender Gesellschafter vom Mannheimer Familienunternehmen Rack & Schuck überzeugt. „Unsere Kollegen haben am Anfang nicht begriffen, warum der neue Azubi immer nickt, obwohl er es nicht verstanden hat. Sie haben sich veräppelt gefühlt. Seine Betreuerin hat dabei geholfen, auf beiden Seiten zu vermitteln“, sagt Bichelmeier. Er hat seinen Azubi Ahmad Fawad Qaderi erfolgreich zum Maschinenanlagenführer ausgebildet und übernommen.

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Es sind Betreuer, wie auch Axtmann einer ist, die mit viel Feingefühl Azubis helfen, sich zurechtzufinden. Eine Antwort, warum der junge Senegalese seine Lehre abgebrochen hat, habe auch dessen Betreuerin nicht, so der Fleischermeister. Mittlerweile sei der Kontakt abgebrochen. „Er war ein toller Azubi. Er kann jederzeit wieder bei uns anfangen, wenn er doch wieder zurückwill.“

Redaktion Lokalredaktion,Online-Koordinatorin. Schwerpunkte: Polizei, Hochschulen, Frauen,