Neckar-Bergstraße

Patenschaften für Unterdrückte

Ein Programm soll Betroffenen aus dem Iran helfen. Schriesheimer Landtagsabgeordnete Fadime Tuncer nimmt teil

Von 
red
Lesedauer: 
und ihr Freund Parham im Sommer 2022 beim Besuch des Heidelberger Schlosses. © privat

Eine junge Frau blickt vom Schlosspark über den Neckar. Wie jede Touristin posiert die 21-Jährige mit dem langen, braunen Haar vor den Sehenswürdigkeiten Heidelbergs. Ihre Posts auf Instagram zeugen von glücklichen Tagen im Sommer 2022.

Samaneh aus Shiraz im Iran ist allerdings keine normale Touristin. Nach einer Zwangsverlobung mit einem Mullah, Suizidversuchen und Einsamkeit in einer frommen Familie verließ sie nach eigenen Angaben den Iran im Mai 2022. Per Flugzeug reiste sie zu ihrer Online-Liebe ins unbekannte Exil. Aktuell lebt sie mit ihrem Freund Parham in England.

Samanehs Geschichte wird von der Grünen-Fraktion des baden-württembergischen Landtags in einer Pressemitteilung erzählt. Sie steht exemplarisch für die Biografien vieler junger Iranerinnen und Iraner. Sie sehnen sich nach einem selbstbestimmten Leben ohne Angst und in Freiheit. Dafür kämpfen sie seit dem gewaltsamen Tod der 22-jährigen Jina Masha Amini am 16. September vergangenen Jahres.

Von Beginn an aktiv

Fadime Tuncer, Grünen-Landtagsabgeordnete aus Schriesheim, will den Betroffenen helfen: Seit den ersten Solidaritätskundgebungen im Oktober in Mannheim und Heidelberg ist sie aktiv. „Wir müssen den von Frauen initiierten Freiheitskampf im Iran unterstützen. Nur wenn die Welt hinschaut, Menschenrechtsverletzungen des Regimes sichtbar macht und mit Sanktionen ahndet, haben die Menschen gegen die brutale Staatsgewalt eine Chance“, sagt sie laut Mitteilung.

Als eine der ersten Landtagsabgeordneten bundesweit hat Tuncer politische Patenschaften übernommen: „Ich habe die Weihnachtstage damit verbracht, Protestbriefe an den iranischen Botschafter in Berlin zu schreiben und die iranischen Justizautoritäten zur Gewährung fairer Gerichtsverfahren aufzufordern.“

Die Sprecherin für Integration der Grünen-Landtagsfraktion weiß schon lange um die Brutalität und Menschenverachtung der autokratischen Regimes in Iran, Afghanistan und Syrien. Sie engagiert sich nach Angaben der Partei seit Jahren in der Flüchtlingshilfe.

Das Mullah-Regime versucht erneut, die Proteste brutal niederzuschlagen. Anhänger des Regimes haben nach aktuellen Informationen der iranischen Menschrechtsorganisation HRANA seit Beginn der Freiheitsbewegung 520 Demonstrierende getötet. Sie wurden auf der Straße erschossen, erschlagen oder durch Folter in Polizeigewahrsam umgebracht. Unter den Ermordeten seien 70 Kinder und Jugendliche, heißt es in der Mitteilung. Über 19 000 Demonstrierende wurden seit September 2022 inhaftiert.

Um den politisch Inhaftierten Öffentlichkeit zu verschaffen, haben die deutsch-iranischen Aktivistinnen Daniela Sepehri und Mariam Claren sowie die SPD-Bundestagsabgeordnete Ye-One Rhie das politische Patenschaftsprogramm initiiert. 230 Politiker haben inzwischen Patenschaften übernommen.

Schützlingen droht Urteil

Der 27-jährige Reza Niknami, Tuncers erster Schützling, sitzt seit vier Monaten im Gefängnis. Er soll wegen Beleidigung der Führung, Sachbeschädigung und Anstiftung zum Aufruhr angeklagt sein. Ein Todesurteil stand im Raum, zuletzt hieß es, er würde mit einer Haftstrafe davonkommen, teilt die Partei mit.

Gemeinsam mit den SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Marc Schemmel und Hansjörg Schmidt aus Hamburg schafft Tuncer in den sozialen Medien auch Aufmerksamkeit für den 18-jährigen Saeed Allahverdi. Er sitzt in Shiraz im Gefängnis, wird mutmaßlich gefoltert und soll wegen Unruhestiftung und Aufruhr gegen den Staat angeklagt sein. Sein Urteil wird für Mitte Januar erwartet. Saaeds Fall wurde bekannt durch ein TV-Interview seiner Schwester im Londoner Exil – jener jungen Frau, die Monate zuvor glücklich das Heidelberger Schloss besichtigt hatte. Nun versuche sie, ihren kleinen Bruder vor Folter und ungerechtfertigter Strafe zu retten. Fadime Tuncer unterstützt sie dabei tatkräftig. red

Mehr zum Thema

Menschenrechte Politiker übernehmen Patenschaften für iranische Inhaftierte

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Kommentar Jetzt Haltung zeigen

Veröffentlicht
Kommentar von
Birgitta Stauber
Mehr erfahren

Hirschberg „Wir sind bereit, sehr weit zu gehen“

Veröffentlicht
Mehr erfahren