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Zeit der Stille

Als Turmeremit auf dem Linzer Mariendom kann man lernen, mit der Einsamkeit und der Stille umzugehen, die in der Pandemie viele Menschen vor Herausforderungen stellt.

Von 
Margit Kohl
Lesedauer: 
Schwindelerregend: der Blick von der Außengalerie auf den Domplatz. © Margit Kohl

Der Weg in den Himmel ist steinig und schwer. 395 Stufen sind es hinauf auf fast 70 Meter zur Eremitage im Turm des Linzer Mariendoms. Schon beim Aufstieg zum Turmstüberl fühlt sich der Reiserucksack schnell wie eine Last an, die einem das Schicksal heimtückisch auf den Rücken gepackt hat. Auf was man sich da eingelassen hat, merkt man bereits nach den ersten Stufen, wenn sich die engen Spiralen der Wendeltreppe schier unaufhörlich wie im Schneckenhaus nach oben winden, bis man vom permanenten Rechtsdrall einen Drehwurm bekommt. Auf halber Höhe ist endlich Pause, hier gibt es die erste Attraktion zu bewundern: die Immaculata.

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Eine Glocke, die mit 8120 Kilogramm so schwer ist wie sechs VW Golf, und ein Stockwerk darüber noch sechs kleinere Glocken. Das Staunen wird jedoch rasch von einem ängstlichen Blick auf die Uhr unterbrochen. Glück gehabt, erst 15.51 Uhr. Also noch genügend Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, bevor das Glocken-Ensemble das nächste Mal zuschlägt.

Linz

Turmeremit im Linzer Mariendom

Eine Woche mit Verpflegung und spiritueller Begleitung kostet 675 Euro, DomCenter Linz, domcenter@dioezese-linz.at, www.mariendom.at

Weitere Unterkünfte

Hotel am Domplatz mit Domblick, DZ/F ab 109 Euro, www.hotelamdomplatz.at. Im Arte Hotel Linz wartet Kunst im Zimmer, DZ/F ab 99 Euro, www.arte-linz.at. Prächtiges Pöstlingberg-Schlössl, DZ/F ab 250 Euro, https://poestlingberg.at

Aktivitäten

Europas größte Graffiti-Galerie im Linzer Hafen, www.muralharbor.at. Kunstsammlungen, Kino und Gastronomie, das gibt es alles in einem unter: www.ooekulturquartier.at

Allgemeine Informationen

Linz Tourismus: www.linztourismus.at

Über den Glocken beginnt dann das Eisenzeitalter. Wendeltreppen und Laufstege sind aus Metall und der imposante Raum, der sich nun auftut, wirkt wie eine Industriehalle aus der Gründerzeit mit riesigen gotischen Spitzbogenfenstern, die nicht verglast, sondern nur mit Maschendraht gegen ungebetenen Vogelbesuch geschützt sind, schließlich soll der Klang der Glocken nach draußen zu den Menschen dringen. Ein eisiger Wind wirbelt einem hier durchs Haar, während man mit seinem Rucksack tapfer hinter einem Zifferblatt mit Uhrzeigern so groß wie ein Einmannkanu vorbeistapft. Staunen, schweigen, weitersteigen. Eine kleine Öffnung durchs obere Turmgewölbe ist mit der letzten Treppe erreicht, dann öffnet man die unscheinbare Eisentür zum Vorraum der Eremitenkammer: ein Zimmer, kaum zehn Quadratmeter groß. Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch.

Minimalismus pur. Doch das kleine Stübchen hat alles zu bieten, was man für den Aufenthalt braucht: Stromanschluss, Warmwasserboiler, Induktionsherdplatte, Mini-Kühlschrank, ein kleines Edelstahlspülbecken, Wandgarderobe, je ein kleines Regal mit Geschirr und theologisch-philosophischen Büchern sowie einen Winzlingsraum mit WC. Und für kühlere Tage: sogar eine Heizung. Das Schönste ist jedoch der Ausblick aus einem gotischen Spitzbogenfenster hinaus auf eine venezianisch anmutende Loggia. Ein Säulenrundgang, der um den ganzen Turm herumführt, und der für eine Woche zum Privatbalkon wird, von dem aus einem ganz Linz zu Füßen liegt.

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Ohne Internet, ohne Radio oder Fernsehen herrscht allerdings erst mal Funkstille zur Außenwelt. Einzig ein Handy mit eingespeicherter Notrufnummer gibt es, sonst ist Schweigen angesagt. Da können die Gedanken manchmal recht laut werden, wenn sie beginnen, wie die Derwische schnell um sich selbst zu kreisen. Denn nach den ersten Tagen der Einsamkeit glaubt fast jede(r), sich alsbald auf die Suche nach sich selbst machen zu müssen. „Man entkommt sich nicht, nicht hier!“, ist in einem der Eremitentagebücher zu lesen, die oben in der Türmerstube stehen und in denen sich thematisch alles unmissverständlich ums eigene Ich dreht. Welche Erkenntnisse das jeweils zutage fördert, ist höchst unterschiedlich, je nachdem, was man in seinem spirituellen Rucksack alles mit heraufgeschleppt hat.

Für symbolische Aufladung wird indes reichlich gesorgt, denn mit dem blauen Essensrucksack, der einem jeden Tag Punkt 12 Uhr vom Kolpinghotel mit einem warmen Mittagessen und den Speisen für Frühstück und Abendessen zur Selbstabholung ganz unten an die Eingangsstiege zum Turm gestellt wird, werden auch „spirituelle Jausensackerl“ mitgeliefert.

Aus diesen Wundertüten kommen jedes Mal kunstvolle, in bester Origami-Manier gefaltete Zettelbotschaften mit Sinnsprüchen und Ratschlägen zum Vorschein. Damit beim Thema Loslassen nicht noch einer auf die Idee kommt, im gebastelten Papierflieger auch gleich selbst Platz zu nehmen, um mit ihm vom Turm zu segeln, hat die Diözese jedem Eremiten einen spirituellen Begleiter zur Seite gestellt, der einem im täglichen Gespräch quasi gleichsam die Temperatur misst und kontrolliert, ob man nicht vom Eremitenfieber befallen ist.

Schon im Zweiten Weltkrieg gab es im Domturm einen Bretterverschlag als Beobachtungsposten. Als Linz 2009 Kulturhauptstadt wurde, beteiligte sich die Diözese mit dem Turmeremiten-Projekt.

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Fast 100 000 Euro hat es gekostet, die Eremitenstube zu installieren und mit Strom und Wasserversorgung auszustatten. Und weil man als Turmeremit weder ein Schweigegelübde ablegen noch katholisch sein muss, gab es bald mehr Anmeldungen, als man bewältigen konnte, und so läuft das Projekt bis heute weiter.

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