AdUnit Billboard

Wo der Zauber wohnt

Tremezzo am Comer See gehört zu den schönsten Dörfern Italiens, den „Borghi più belli d’Italia“. Das Örtchen ist angenehm ruhig und versprüht noch dieses nostalgische Flair, das Italien-Fans suchen.

Von 
Jochen Müssig
Lesedauer: 
Rund um den Comer See aufragende Berge sorgen fast das ganze Jahr hindurch für Schutz und angenehmes Klima. © Jochen Müssig

Wenn das die Franziskaner gewusst hätten: Wurde doch ihr ehemaliges Kloster am Comer See zu einem Ort der Sünde! Im James-Bond-Klassiker „Casino Royale“ dient die heutige Villa del Balbianello zwar nur als harmloses Sanatorium, doch 007, der schlimme Finger, macht sich noch vom Rollstuhl aus über Bond-Girl Vesper her - und das, obwohl er sich gerade von der zuvor erlittenen Folter am Unterleib erholt. Typisch Bond: ein Held, der eben alles kann und darf.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Die wunderschöne Villa aus dem 18. Jahrhundert mit herrschaftlichem Terrassengarten in spektakulärer Lage auf der Spitze der Halbinsel Lavedo am Comer See hat sich um kaum einen Grashalm gegenüber dem Streifen von 2006 verändert. Wenn schon die 007-Motiv-Scouts bei Tremezzo schwach wurden, wie kann da ein Besucher widerstehen?

Bei diesem Dorf mit seinen edlen Villen und Palazzi, wie der Villa del Balbianello, einerseits. Andererseits ist es am Hang kaum überschaubar über- und ineinander verschachtelt, wie ein Bummel im autofreien Centro histórico am Fuß des Monte Crocione zeigt: In den engen Gassen haben sich die Menschen im Wortsinn eingenistet, wie auch die subtropischen Pflanzen, die zwischen den Wärme speichernden Mäuerchen prächtig gedeihen. Die meisten wohnen ein Leben lang in ihrem Häuschen und lauschen dem „melancholischen Murmeln der Wellen“, wie Komponist Franz Liszt bei seinem Besuch schrieb. Tremezzo gehört zu den „Borghi più belli d’Italia“, den schönsten Dörfern Italiens. Ein Promi wie George Clooney ist den Bewohnern egal. Sie führen ihr Geschäft oder sorgen sich um ihre Kühe. Ein Almabtrieb ist in Tremezzo spannender als merkwürdige Schauspieler mit Allüren. Denn Tremezzo ist ein Ort, wo der Zauber wohnt, ob im einfachen Rustico, der herrschaftlichen Villa oder im mondänen Grandhotel.

Das ehrwürdige Haus atmet Geschichte, versprüht Grandezza mit dem Old-School-Charme vergangener Tage: Das Gewachsene macht den Unterschied, und das Haus gehörte zu den Stationen der Grand Tour, die zu eleganten Statuen und feinen Damen, lieblichen Landschaften und vornehmen Schlössern, zu feinem Essen und in Grandhotels wie das in Tremezzo führte. Die Reise stand für die Initiation vom jungen Herrn bei der Abreise zum Gentleman bei der Rückkehr. Und so feierten die Feinen der Belle Époque den Lago und natürlich sich selbst.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Heute genießt man dort in Ruhe, ohne Aufhebens von Person oder Stand, das mächtige, palastähnliche Jugendstilgebäude, den Park, die Palmen, den großen Pool, der direkt vor dem Hotel im See verankert ist, und natürlich das goldene Risotto nach dem Rezept von Gualtiero Marchesi, dem ersten italienischen Koch, der drei Michelin-Sterne bekam. Per Erklärung im Testament darf nur Küchenchef Osvaldo Presazzi das goldene Risotto alla milanese von Marchesi kochen. „Das Gold schmeckt man zwar nicht, doch Marchesis Risottorezept ist einfach perfekt“, sagt Presazzi. „Das Geheimnis liegt in der Burro acido.“ Das meint Butter, die mit Weißwein, Essig und Zwiebeln angereichert wurde.

Eine Alfa Giulia aus den 1970ern brummt an der Uferstraße entlang. Rot, glutäugig, elegant und alle Blicke sind ihr gewiss: neugierige, neidische, verliebte. Eine Giulia, das ist Verheißung! Das ist Italien! Mit Schick und Erotik, schönen Frauen und aufregenden Männern in eleganten Klamotten. Und mit Kunst! Deshalb hält die Giulia in Tremezzo an der Auffahrt zur Villa Carlotta mit ihrem wunderbaren Garten, dem anmutigen Brunnen, Buchsbaumhecken, exotischen und seltenen Pflanzen.

Die Villa ist wie gemacht für so ein Automobil. Die Museumsbesucher schauen schon jetzt mit großen Augen, obwohl das Beste doch erst noch kommt. Fahrer und Begleitung genießen den Augenblick. „Wer über zwei glücklich Liebende schreibt, muss die Geschichte an den Ufern des Comer Sees spielen lassen“, notierte einst Franz Liszt. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts veranlasste Markgraf Giorgio Clerici den Bau der Villa, Prinzessin Carlotta gab ihr den Namen, und ihrem Gatten, Georg von Sachsen-Meiningen, verdanken wir die heute öffentlich zugängliche Kunstsammlung mit antiken Skulpturen, Contemporary Art und klassischen Gemälden. Das Original „Der letzte Kuss von Romeo und Julia“ von Francesco Hayez (1823) hängt nicht etwa in Verona, sondern in der Villa Carlotta. Genau vor dieser Villa, am Ufer der Azaleen, auf halbem Weg zwischen Como und Sorico, öffnet sich der Lago Richtung Norden und bildet das schönste Y der Welt, denn der Comer See spaltet sich dort wie ein umgedrehtes Y in zwei gleich lange Ausläufer: eine formvollendete fjordartige Schönheit, 55 Kilometer lang und mit 410 Metern einer der tiefsten Seen in Europa. Steil aufragende Zweitausender sorgen fast das ganze Jahr hindurch für Schutz und angenehmes Klima.

Wer Comer See sagt, meint in den meisten Fällen das permanent überlaufene wie überschätzte Bellagio. Tremezzo ist das Gegenteil davon: Das Örtchen ist angenehm ruhig und hat noch heute dieses nostalgische Flair, ein wenig morbide, in die Jahre gekommen, aber authentisch und schlicht zauberhaft.

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

Freier Autor

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1