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Abstecher lohnt sich

Mehr als eine Autobahnausfahrt

Die meisten Gardasee-Fans kennen „Rovereto sud“ nur als Abfahrt von der Brenner-Autobahn zum Lago. Doch „Die Schöne an der Etsch“ hat Kunst, Küche und 100 Glockenschläge für den Weltfrieden zu bieten. Ein Abstecher lohnt sich unbedingt.

Von 
Jochen Müssig
Lesedauer: 
Von der wechselhaften Geschichte Roveretos erzählt auch die Festung aus dem 15. Jahrhundert. © imago/Hoch Zwei Stock/Angerer

43 Sekunden braucht Maria Dolens, bis sie den richtigen Schwung hat. Dann ertönt Ora di Notte, der erste Glockenschlag der riesigen Friedensglocke Maria Dolens, über Rovereto und 22 Tonnen Bronze mahnen zum Frieden. Im Ersten Weltkrieg verlief die Front zwischen Österreichern und Italienern geradewegs durch die Stadt, die sehr litt, denn der Stellungskrieg dauerte Jahre. Deshalb goss man 1924 Maria Dolens, die jeden Abend bei Sonnenuntergang vom Hügel Miravalle mit 100 Glockenschlägen an die Toten aller Kriege erinnert. Geschaffen wurde sie aus Kanonen aus dem Ersten Weltkrieg.

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„Nichts geht durch den Frieden verloren. Alles kann durch den Krieg verloren gehen“, steht auf der Glocke, die größte und schwerste frei hängende der Welt: Im Durchschnitt ist sie 3,20 Meter breit und knapp 3,40 Meter hoch. Allein der Klöppel wiegt 600 Kilogramm. „Putin, hör zu!“, sagt einer der Besucher, „hör genau zu!“ Als der letzte Glockenschlag verklungen ist, halten alle Besucher auf der Plattform noch einige Momente inne: Der Wunsch nach Frieden, Gewaltlosigkeit und Menschenrechten liegt geradezu in der Luft.

Trentino

Anreise Über die deutsche A 7, die österreichische A 12 und die italienische A 22 nach Rovereto. Infos zur Zuganreise unter www.bahn.de

Unterkunft Das Hotel Rovereto ist ein 3-Sterne-Boutiquehotel mit buntem Stilmix in einer historischen Villa. Zum Haus gehört ein gutes Restaurant, Doppelzimmer ab 70 Euro, https://hotelrovereto.it. Relais Palazzo Lodron in Nogaredo ist mit 4 Sternen bewertet, innen modern, außen ein nahezu unveränderter Palast aus dem 17. Jahrhundert – mit (Deutsch sprechendem) Graf Andreas Spiegelfeld als Patron. Kleiner Innenpool, Sauna, Doppelzimmer ab 100 Euro, www.relaispalazzolodron.com.

Essen und Trinken Im Restaurant Senso Alfio Ghezzi Mart gibt es Sterne-Küche in einem Museum. Die mehrgängige Speisefolge kostet ab 80 Euro, https://alfioghezzi.com Locanda D&D in Nogaredo serviert hausgemachte Pasta, Polenta, selbst gebackenes Brot, auch alles andere ist regional und bio – ein Landgasthof im Wortsinn, Hauptgerichte gibt es ab 10 Euro, www.locandaded.it.

Aktivitäten Einkaufen: www.bontadi.it, www.marzadro.it Museen/Theater: www.mart.tn.it, www.museodellaguerra.it, www.teatro-zandonai.it

Allgemeine Informationen Fremdenverkehrsbüro Rovereto, www.visitrovereto.it: Trentino Marketing, www.visittrentino.info/de MÜG

Die Schöne an der Etsch, so Roveretos charmanter Beiname, hat aber auch ihre heitere Seite. Im Palazzo Todeschi-Micheli gab Mozart 1769 sein erstes Italien-Konzert. Das Teatro Riccardo Zandonai war das erste Schauspielhaus im Trentino und ein Zeuge für das kapitalkräftige, selbstbewusste Bürgertum des 18. Jahrhunderts, das durch die florierende Seidenindustrie reich wurde. In der Città vecchia werden enge Gassen und kleine Plätze von hohen Gebäuden aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Barock gesäumt. Und in der Vicolo del Messaggero zieht Kaffeeduft in die Nase: Die 1790 gegründete Torrefazione Bontadi ist die älteste Rösterei Italiens: Es gibt Kaffeesorten und Mischungen aus aller Welt sowie ein kleines Museum.

„Ein guter Grappa muss vor Weihnachten gemacht werden"

Auf der anderen Seite der Etsch, im nahen Nogaredo, bietet Andrea Marzadro derweil Führungen durch seine Brennerei und beste Grappe an. Die Verkostung erfolgt mit Milch und Grissini zum Neutralisieren. „Ein guter Grappa muss vor Weihnachten gemacht werden. Nur Industrie-Grappa wird auch im Sommer hergestellt“, sagt Andrea und reicht seinen Klassiker namens Diciotto Lune, der, wie der Name verspricht, 18 Monde gereift ist.

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Wenn italienischer Genuss und italienisches Flair, italienische Architektur und italienische Kunst aufeinandertreffen, muss man im Mart sein: Das Museo di Arte moderna e contemporanea hat alles und stellt Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts aus. Entworfen von dem Tessiner Stararchitekten Mario Botta sind mehr als 7000 Werke zu sehen: „Unser Spektrum reicht von italienischen Künstlern wie Sironi oder Morandi bis zur amerikanischen Pop-Art von Warhol oder Lichtenstein“, sagt Mart-Direktor Diego Ferretti. Es zählt zu den wichtigsten Museen für moderne Kunst in Europa und hat drei Standorte: den Hauptstandort und die Casa d’Arte futurista Depero, beide in Rovereto, sowie die Stadtgalerie Galleria Civica in Trient.

Große Kunst und große Küche

Wobei das Depero-Museum das einzige futuristische Kunstmuseum Italiens ist. Und fast typisch: Große Kunst und große Küche gehören in Bella Italia zusammen. Im Mart kann man im Restaurant Senso Alfio Ghezzi Mart speisen, das der „Guide Michelin“ mit einem Stern ausgezeichnet hat. Nur wenige Kilometer weiter nördlich weht die Ora vom Gardasee herauf. Der warme Südwind hat eingesetzt, aber es ist alles andere als idyllisch, wenn man zurückdenkt: Wir schreiben das Jahr 1487. Draußen vor den unglaublich starken, bis zu 250 Meter langen Mauern der Burg Beseno, der größten Festung unter den Trentiner Burgen aus dem 15. Jahrhundert, tobt der Krieg. Trentiner Truppen liefern sich eine erbitterte Schlacht gegen das venezianische Heer. Der Doge von Venedig versucht, das Etschtal unter seine Kontrolle zu bringen. Der Plan misslang: 6000 Venezianer kamen ums Leben. Das ist die Historie.

Doch streng nach dem Motto „Bei schlechtem Wetter findet der Krieg auch im Saale statt“ zerfleischten sich gleichzeitig verfeindete Familien im Inneren der Burg, die wie ein Dorf auf 17 000 Quadratmetern organisiert war. Kann man’s glauben? Haben wir nichts gelernt? Menschen sind scheinbar so.

Das zeigt auch das Kriegsmuseum, das Museo Storico Italiano della Guerra, das größte dieser Art in Italien. Oberhalb der Altstadt thront es im Castello auf einem Felsen. Von dort blickt man aufs Tal der Etsch, auf die schöne Stadt Rovereto und ist sicher: Wer Rovereto nur als Ausfahrt „Rovereto sud“ für den

Gardasee auf der A 22 Brenner-Bologna sieht, verpasst Kunst, Küche und Kaffee, Grappa und 100 für den Weltfrieden ganz wichtige Glockenschläge.

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